Vor Bundesverfassungsgericht-Urteil Gibt es ein Recht zu sterben?

Sein Bruder war unheilbar krank und entschied sich für Sterbehilfe in Zürich. Damals zweifelte Bartholomäus Grill an diesem Schritt, heute befürwortet er den assistierten Freitod - unter strengen Vorgaben.
Sterbehilfe: Ist der Staat verpflichtet, Leben bedingungslos zu schützen?

Sterbehilfe: Ist der Staat verpflichtet, Leben bedingungslos zu schützen?

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Zwei Operationen, Chemotherapien, bioelektrische Bestrahlungen, mein Bruder Urban hatte alles versucht, doch das Krebsgeschwür wucherte weiter. Sein Körper wurde von einem Mundbodenkarzinom regelrecht zerfressen. Erst verlor er den Geschmackssinn, dann die Sprache, schließlich wurde das Atmen immer schwerer. Als ihm die Ärzte im Herbst 2004 einen qualvollen Erstickungstod prophezeiten, beschloss Urban, zu den Sterbehelfern nach Zürich zu fahren, um dort sein Leiden zu beenden.

In seinen letzten Lebensmonaten bedauerte mein Bruder oft, dass es diese Möglichkeit in Deutschland nicht gebe. Dass schwerkranke Menschen wie er deswegen gezwungen seien, die entwürdigende Reise ins Nachbarland auf sich zu nehmen.

Ist der Staat verpflichtet, Leben bedingungslos zu schützen?

In Deutschland steht die "geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung" seit vier Jahren unter Strafe, vorher war die Gesetzeslage verworren. Der Bundestag hatte das Gesetz auf den Weg gebracht, um Sterbehilfevereinen das Geschäft zu verbieten. Dieser neue Paragraf 217 im Strafgesetzbuch ist umstritten wie kaum ein anderer.

Darf der Staat von der Wiege bis zur Bahre über das Schicksal seiner Bürgerinnen und Bürger mitentscheiden? Ist er in jedem Falle verpflichtet, ihr Leben bedingungslos zu schützen? Darf er Schwerkranken und Todgeweihten den assistierten Suizid und damit das Recht auf Selbstbestimmung verwehren? Seit den Erfahrungen mit Urbans qualvollen Abschied sind die Antworten meiner Familie eindeutig.

Am Mittwoch sollen die Verfassungsrichter in Karlsruhe über Beschwerden entscheiden, die schwerkranke Patienten, Ärzte und Sterbehilfevereine gegen den Paragrafen 217 eingereicht haben. Sie fordern eine Regelung, die es ihnen erlaubt, in extremen Notlagen selbstbestimmt zu handeln und dabei auch die Hilfe Dritter in Anspruch nehmen zu dürfen. Einige Kläger werden die Urteilsverkündung nicht mehr erleben, sie sind unterdessen verstorben, alleingelassen vom Gesetzgeber.

Den höchsten Richtern stellt sich also die fundamentale Frage der menschlichen Autonomie, und man kann nur hoffen, dass sie sich vertraut gemacht haben mit der Ausweglosigkeit und den Gewissensqualen, in die die derzeitige Gesetzeslage Menschen stürzt, die aufgrund eines unerträglichen Leidens freiwillig aus dem Leben scheiden wollen.

"Mein Körper ist wie ein Gefängnis, und diesem Gefängnis will ich entkommen. Das ist die einzige Freiheit, die mir geblieben ist."

Urban

Wir haben damals, 2004, lange mit uns gerungen, ob wir Urban auf seinem Weg unterstützen sollen, unsere Mutter und wir Geschwister waren zunächst gegen seinen ultimativen Wunsch, die Reise in die Schweiz anzutreten. Wir wollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass er durch ein medizinisches Wunder doch noch geheilt werden könnte. Und wir hatten Angst vor dem üblen Geraune in einem katholischen Umfeld, vor der Anschuldigung, dass wir herzlosen Geschwister mitgeholfen hätten, unseren Bruder in den Tod zu befördern. Gott gibt das Leben, Gott nimmt das Leben, unter diesem Glaubensdogma kommt die Freitodbegleitung einer Todsünde gleich.

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Für Urban, den überzeugten Atheisten, war das der Ausdruck mittelalterlicher Engstirnigkeit. Er sagte, keine kirchliche oder weltliche Macht, kein Politiker, kein Pfarrer, kein Arzt und auch kein Palliativmediziner könne ihm das Recht auf Selbstbestimmung verwehren. "Mein Körper ist wie ein Gefängnis, und diesem Gefängnis will ich entkommen. Das ist die einzige Freiheit, die mir geblieben ist."

Es fiel uns unendlich schwer, seine Entscheidung zu akzeptieren, aber es war die richtige Entscheidung. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es in Artikel 1 unseres Grundgesetzes – auch Sterbenden kann niemand diese Würde nehmen. Es gibt ein Recht zu leben, und es gibt ein Recht zu sterben, denn das Sterben ist ein finaler und integraler Akt des Lebens.

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Dennoch bin ich kein vorbehaltsloser Unterstützer der Sterbehilfe, ich respektiere die Argumente der Gegner, die vor Missbrauch warnen. Wie gehen wir mit psychisch kranken oder dementen Menschen um? Wie bewahren wir die Oma oder den Opa davor, von habgierigen Angehörigen in den Tod gedrängt zu werden? Was ist mit an Liebeskummer verzweifelten, verirrten oder vereinsamten jungen Leuten, die eigentlich Lebenshilfe bräuchten? Wie schränken wir die Gefahr von Mitleidstötungen ein? Wer kontrolliert professionelle Suizidassistenten, die den Sterbewunsch von wankelmütigen "Kunden" verstärken oder ihnen diesen erst einreden?

Gerade wir Deutschen haben aufgrund der barbarischen Euthanasie-Verbrechen während der NS-Zeit die moralische Pflicht, besonders sensibel mit solchen Fragen umzugehen.

Überdies wurde eine Reihe von Grenzfällen bekannt, die die Bedenken der Kritiker rechtfertigen, zum Beispiel in Belgien, wo ein neunjähriges Kind mit dem Beistand eines Arztes starb. Auch Profitstreben ist im Zuge der organisierten Sterbehilfe nicht auszuschließen: "Exit", ein Schweizer Verein für humanes Sterben, hat mittlerweile ein gewaltiges Vermögen angehäuft und muss sich unbequemen Nachforschungen stellen.

Sterbehilfe ist Akt der Barmherzigkeit

Sterbehilfe ja, aber nur aus altruistischen Motiven, niemals zu kommerziellen Zwecken: Das Schweizer Modell hat sich bewährt, man darf annehmen, dass es sich die Verfassungsrichter genau angeschaut haben. Sie wissen auch, dass in unserer rasant vergreisenden Gesellschaft, in der sich das Problem immer häufiger stellt, dringender Reformbedarf besteht. Bei einer repräsentativen Umfrage im Jahr 2014 beantworteten 77 Prozent der interviewten Bürgerinnen und Bürger die Frage, ob es in Deutschland bei einer schweren unheilbaren Erkrankung ein Recht auf "Beihilfe zur Selbsttötung" geben sollte, mit einem eindeutigen Ja.

Fürs Erste wäre schon viel erreicht, wenn das höchste Gericht schwerstkranken Menschen die Beschaffung von erlösenden Arzneien erlauben und den assistierten Suizid entkriminalisieren würde. Sterbehilfe ist ein Akt des solidarischen Handelns und der Barmherzigkeit.

Am Ende des Lebens werden wir alle gewahr, dass wir allein sterben, so wie wir allein geatmet und geträumt haben. Und für jeden von uns stellt sich die Frage nach Selbstbestimmung, nach der letzten Freiheit, die Art unseres Abschieds eigenverantwortlich zu wählen. Es kann nicht Sache des Staates oder irgendeiner höheren Instanz sein, uns dabei zu bevormunden.

Bartholomäus Grill war bis Ende 2019 Afrika-Korrespondent des SPIEGEL. Er hat die letzte Reise seines Bruders Urban in seinem Buch "Um uns die Toten" beschrieben.

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