Viagra-Tabletten
Viagra-Tabletten
Foto: Raphael GAILLARDE / Gamma-Rapho via Getty Images

Potenzmittel bald rezeptfrei? »Wer Viagra braucht, der hat in den meisten Fällen eine medizinische Vorgeschichte«

Am kommenden Dienstag berät ein Expertengremium, ob es bestimmte erektionsfördernde Mittel bald ohne Verschreibung geben soll. Hier erklärt der Urologe Christian Wülfing, warum ihm das Sorgen macht.
Ein Interview von Nike Laurenz

Gibt es potenzfördernde Tabletten in Deutschland bald ohne Rezept? Darüber beraten Expertinnen und Experten am kommenden Dienstag: Dann befasst sich der sogenannte Sachverständigenausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte mit einem Antrag auf Aufhebung der Verschreibungspflicht für den Wirkstoff Sildenafil – unter anderem enthalten in dem bekannten Mittel Viagra.

Der Sachverständigenausschuss ist mit mehr als 20 Mitgliedern besetzt, darunter Pharmazeuten, Medizinerinnen und Mediziner, einer Heilpraktikerin sowie Vertretern der jeweiligen Arzneimittelkommissionen von Ärzteschaft, Apothekern und Tierärzten. Das Votum hat erst einmal nur Empfehlungscharakter, letztlich entscheidet das Bundesgesundheitsministerium über die Rezeptpflicht, in der Regel folgt es dem Ausschuss aber.

Wer den Antrag auf Aufhebung der Rezeptpflicht gestellt hat, wird im Vorhinein grundsätzlich nicht bekanntgegeben. Auch deshalb gilt der Ausgang der Besprechung unter Expertinnen und Experten als offen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL beschreibt der Hamburger Urologe Christian Wülfing, welche Vorteile ein Ende der Rezeptpflicht mit sich bringen würde – und warum er gleichzeitig mit Sorge und Verwunderung auf den kommenden Dienstag blickt.

SPIEGEL: Herr Wülfing, wieso wird überhaupt darüber diskutiert, ob es Viagra und Co. bald auch ohne Rezept geben soll?

Christian Wülfing: Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass der Wind, der hier bläst, direkt aus der Pharmaindustrie kommt: Zum einen, weil hier ein enormes Interesse daran besteht, gegen den Schwarzmarkt vorzugehen, über den sehr viele Männer Viagra und andere potenzfördernde Tabletten beziehen. Es ist inzwischen belegt, dass sie sich aus Angst und Scham, zum Arzt zu gehen, über illegale Kanäle mit den Medikamenten versorgen. Zum anderen sind diese Medikamente seit rund 20 Jahren auf dem Markt. In vielen Studien und Evaluierungen ließ sich zeigen, dass sie gut wirken und sicher sind. Da fragt sich die Industrie natürlich: Kann man die nicht freigeben? Was den Absatz mit Sicherheit enorm steigern würde.

SPIEGEL: Könnten nicht auch Ärztinnen und Ärzte den Antrag eingebracht haben?

Wülfing: Das glaube ich eher nicht, denn wer würde wollen, dass seine Patienten nicht mehr kommen, um sich untersuchen zu lassen, um das Problem gemeinsam zu anzugehen?

SPIEGEL: Welche Vorteile hätte das Ende der Rezeptpflicht?

Wülfing: Der Schwarzmarkt ließe sich so sicherlich ein Stück weit aushebeln, weniger gefälschte und deswegen womöglich gesundheitsgefährdende Medikamente wären dann im Umlauf. Außerdem würden sich Abläufe vereinfachen: Man muss nicht mehr zum Arzt, ein Vorteil für die, die es eben ohnehin nicht gerne tun. Wobei man natürlich trotzdem noch, falls man nicht online bestellt, mit jemandem über die Sache sprechen muss: in der Apotheke nämlich.

SPIEGEL: Und die Nachteile?

Wülfing: Die überwiegen aus meiner Sicht ganz klar. Ohne Rezeptpflicht geht die ärztliche Kontrolle gänzlich verloren. Die erektile Dysfunktion ist in den meisten Fällen Symptom einer zugrunde liegenden Erkrankung. Urologinnen und Urologen haben es häufig mit Patienten zu tun, die Gefäßerkrankungen oder Diabetes haben. Erektionsstörungen können auch Frühwarnsignal eines bevorstehenden Herzinfarkts sein. Wer Viagra braucht, der hat in den meisten Fällen eine medizinische Vorgeschichte, die er vor der Einnahme abklären muss: Besteht die Gefahr von Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten? Das kann im Zweifel der Apotheker abfragen, aber macht der das auch immer? Ein weiterer Aspekt: Durch ein Ende der Rezeptpflicht würden auch die Kontrolltermine nach der Einnahme wegfallen. Dabei ist ja gerade das wichtig, nämlich abzuklären, ob Nebenwirkungen aufgetreten sind, und herauszufinden, ob eine Therapie erfolgreich ist oder man nachjustieren muss.

SPIEGEL: Wenn Sie das Gremium hätten beraten können, welche Empfehlung hätten Sie ausgesprochen?

Wülfing: Hier möchte ich einmal ganz klar sagen: Nicht nur ich als Urologe, sondern auch die beiden großen deutschen Fachverbände sind sehr überrascht, dass zu dieser Sache und bis zu diesem Zeitpunkt keine offizielle Anfrage an uns herangetragen wurde. Manche von uns haben erst durch diese Interview-Anfrage des SPIEGEL von den Beratungen des Ausschusses erfahren. Wir alle hätten uns gewünscht, ein Meinungsbild abgeben zu dürfen. Wir lehnen die Abschaffung der Rezeptpflicht ab, weil die Nachteile für die Patienten klar überwiegen.

SPIEGEL: In dem Sachverständigenausschuss, der am Dienstag tagt, sitzen auch Medizinerinnen und Mediziner.

Wülfing: Die Expertinnen und Experten, die in diesem Ausschuss zusammenkommen, stammen vor allem aus der Pharmakologie, der Pharmazie, und ja, auch aus dem medizinischen Bereich: Fachleute aus der Inneren Medizin, aus der Jugendmedizin und aus der Veterinärmedizin sind dabei. Es ist aber kein Facharzt für Urologie anwesend. Das muss auch nicht dauerhaft sein, weil die Minderheit der Medikamente, über die dort beraten wird, in unseren Bereich fällt. Umso mehr hätten wir uns aber gewünscht, in diesem speziellen Fall hinzugezogen zu werden.

SPIEGEL: Man könnte auch sagen: Wir vertrauen darauf, dass die Kolleginnen und Kollegen ihren Job schon machen.

Wülfing: Das machen wir selbstverständlich auch – und hoffen, dass unsere Standpunkte, die ja das Wohl des Patienten im Fokus haben, dieselben sind.

SPIEGEL: Sie sagten, dass die Medikamente mit dem Wirkstoff Sildenafil gut erforscht sind. Sind die Risiken bei der Einnahme dennoch so hoch, dass sich eine Rezeptfreiheit nicht schon auch verantworten ließe?

Wülfing: Dass ein Medikament gut erforscht ist, bedeutet ja nicht gleich, dass es sich jeder, der es haben möchte, einfach so besorgen können sollte. Wie gesagt: Aus ärztlicher Sicht bestehen vor Gabe dieser Medikamente zu viele Fragen. Zum Beispiel auch diese: Ist es dem Patienten gerade aus gesundheitlicher Sicht überhaupt zu empfehlen, sexuelle Aktivitäten aufzunehmen?

SPIEGEL: In anderen Ländern, etwa in Großbritannien, Norwegen und der Schweiz, ist Sildenafil inzwischen nicht mehr verschreibungspflichtig, teils ist aber eine Beratung durch die Apotheke Voraussetzung. Wäre das nicht auch hier die Lösung?

Wülfing: Ich schätze, welche genaue Erkrankung man hat, kann man weder selbst beurteilen, noch kann einem das der Apotheker sagen, dem man ein paar Minuten lang gegenübersteht. Würde man das in Deutschland also auch so umsetzen wollen, würde ich schon gerne wissen: Wer übernimmt die Verantwortung für diejenigen, die durch die ärztlich ungeprüfte Einnahme von Viagra und Co. doch ein Problem bekommen?

SPIEGEL: Kann Viagra süchtig machen? Besteht die Gefahr eines übermäßigen Konsums?

Wülfing: Das nicht. Natürlich ist es so, dass diese Medikamente, wenn sie funktionieren, rein theoretisch einen häufigen Sexualkontakt ermöglichen – nachdem man wiederum süchtig werden kann. Dann spräche man allerdings von Sex-, nicht von Viagra-Sucht.

SPIEGEL: Sie begleiten seit vielen Jahren Männer mit Erektionsstörungen. Haben Sie beobachten können, dass sich der Umgang damit in all der Zeit verändert hat?

Wülfing: Ich überblicke etwa 20 Jahre Berufsleben und kann sagen: Einerseits habe ich schon das Gefühl, dass es mehr Männer als früher gibt, die offen und locker mit ihrer Erkrankung umgehen. Das liegt sicherlich auch daran, dass es viel mehr Aufklärung darüber gibt als noch vor einigen Jahren, zum Beispiel in sozialen Netzwerken. Andererseits beobachte ich immer noch bei sehr vielen Männern eine sehr große Scham: die Sorge um den Verlust der Männlichkeit oder gar darum, den in Pornos vermittelten Idealen nicht zu entsprechen. Was hilft, diese toxischen Idealbilder abzubauen und Versagensängste zu nehmen, sind natürlich auch vereinfachte Zugänge zu Medikamenten, aber nicht durch eine Aufhebung der Rezeptpflicht. Besser wären da schon empathische Beratungsangebote durch die behandelnden Ärzte, gerne auch mithilfe von digitalen Angeboten, die ja überall im Kommen sind, durch die neue gesetzgeberische Impulse auch gefördert werden und es dem Patienten erleichtern, einen Arztkontakt einzugehen.