Wechseljahre Warum die Menopause nicht nur Frauen, sondern alle Menschen etwas angeht

Ein Gastbeitrag von Miriam Stein
Ein Gastbeitrag von Miriam Stein
Frauen über 40 müssen sich nicht aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen – sofern man ihnen ihr Alter möglichst wenig anmerkt: Die Wechseljahre dürfen immer noch nicht öffentlich vorkommen. Das sollten wir ändern.
Miriam Stein

Miriam Stein

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Robert Rieger

In diesen Tagen erreichen mich Glückwünsche, weil ich 45 Jahre alt geworden bin und man mir das nicht ansieht: »Mensch, Du siehst viel jünger aus!« – »35, maximal!« – »Ihr Asiatinnen altert aber auch wirklich gar nicht!« Diese Nachrichten kommen von Männern und Frauen, Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen. Sie sind zweifelsfrei gut gemeint, als nette Komplimente. Ich freue mich darüber. Dass sie mir trotzdem seltsam fade aufstoßen, liegt in der stillen Botschaft, die quasi huckepack mit ihnen kommt: Es scheint Konsens darüber zu herrschen, dass eine Frau etwas – irgendwas – geleistet hat, wenn sie mit 45 oder 50 oder 57 Jahren jünger aussieht.

Ich erinnere mich gut daran, dass älteren Freundinnen noch vor einigen Jahren mit Mitte 40, Anfang 50 nahegelegt wurde, ihre Positionen als Leiterinnen oder Referentinnen zu räumen und stattdessen in Teilzeit weiterzuarbeiten. Schauspielerinnen, auch die talentiertesten und schönsten, bekamen keine Rollen mehr. Wohin hatte Hollywood Julia Roberts verbannt? Oder Michelle Pfeiffer? Entsprechend fürchtete ich das mittlere Alter.

Erfreulicherweise hat sich diese Einstellung in letzter Zeit gewandelt, eine Frau über 40 wird nicht mehr aufgefordert, sich zurückzuziehen. Es kommt aber einfach besser, wenn man Frauen ab Mitte 40 das Alter weder anmerkt noch ansieht. Dafür muss niemand zur Berufsjugendlichen werden, es reicht, wenn man wirkt und handelt, als wäre man ewig 38 – reif, aber noch nicht alt. An diesem Punkt ihres Lebens scheinen Frauen für unsere Gesellschaft bestens verträglich zu sein: Karoline Herfurth wird im Mai 38, Helene Fischer im August, beide befinden sich zu Recht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Nur bleibt niemand ewig Ende dreißig.

Was genau passiert eigentlich so Verwerfliches in unseren Vierzigern und Fünfzigern? Das scheinbare Ende des erotischen Frauseins, in Form vom Abschied der Fruchtbarkeit. »Ein altes, d. h. nicht mehr menstruiertes Weib erregt unsern Abscheu. Jugend ohne Schönheit hat immer noch Reiz: Schönheit ohne Jugend keinen«, urteilte Arthur Schopenhauer 1817. Auf Männer schien und scheint das nicht zuzutreffen, Männer altern nicht, sie reifen.

Die Wechseljahre gleichen für Frauen, die sie erleben, einem Kontrollverlust, auf biologischer und gesellschaftlicher Ebene.

Auch zweihundert Jahre später gilt es, die weibliche körperliche Malaise bestmöglich zu überlisten, zumindest optisch. Das Motto von sichtbaren Frauen meines Alters in Hollywood scheint »Muskeln statt Eisprung« zu sein, siehe Sandra Bullock, 47, Jennifer Lopez, 52, oder auch Viola Davis, 56. Prima, wenn man über ein entsprechendes Budget für einen Personal Trainer verfügt.

Tue ich leider nicht. Entsprechend stelle ich mir eine Gegenfrage: Was passiert, wenn meine Zellen sich in Zukunft nicht mehr natürlich häufig erneuern? (Ein Merkmal des biologischen Alterns ist das Verlangsamen der Zellregeneration, bei Männern und Frauen.) Was passiert, wenn ich grau, faltig oder gar dick werde? (Was natürlich passieren wird.) Oder, noch schlimmer: Was wäre, wenn mir beispielsweise in einer Konferenz der Geduldsfaden platzt und ich jemanden anschreie, dann kündige, mir einen Tesla kaufe, meine Familie verlasse und mit einem attraktiven 25-jährigen Praktikanten Richtung Dänemark durchbrennen würde? Würde man mir, wie einem Mann in der Midlife-Crisis, vergeben? Dürfte ich am Ende meines Mid-40s-Roadtrips wieder in mein Leben zurückkehren, als wäre nichts geschehen?

Diese Gedanken kennen meine Gratulantinnen und Gratulanten nicht, schließlich will ich nicht jammern, das steht Frauen im mittleren Alter überhaupt nicht. Es ahnt auch niemand, dass ich letzte Nacht mal wieder zwei Stunden gegoogelt, Notizen gemacht und die Decke angestarrt habe, weil ich von 2:30 bis 4:30 Uhr einfach nicht schlafen konnte. Denn ich habe noch ein Geheimnis: Ich befinde mich schon in der Perimenopause (mit 45, und das ist normal). Diese Perimenopause ist besser unter dem Namen Wechseljahre bekannt und schwer gefürchtet von Arthur Schopenhauer und Co. Daher fehlt mir, je nach Zeitpunkt im Zyklus, das Hormon Progesteron, das mir den tiefen und erholsamen Schlaf ermöglicht.

Niemand mag die Wechseljahre, vor allem Frauen nicht. Deswegen spricht kaum jemand darüber, entsprechend werden viele Leserinnen und Leser ihre medizinisch korrekte Bezeichnung »Perimenopause« hier zum ersten Mal lesen und sich wundern, dass eine Frau, die »aussieht wie 35« mit so was Unappetitlichem zu kämpfen hat. Weil das so ist, wissen wir wirklich wenig über die Wechseljahre, im privaten, medizinischen und gesellschaftlichen Kontext. Dabei betreffen sie die Hälfte aller Menschen direkt und die andere Hälfte indirekt.

Laut einer Erhebung in Großbritannien war jede vierte berufstätige Frau in Großbritannien ab 45 im vergangenen Jahr unzufrieden in ihrem Job, weil sie nicht genügend Unterstützung bei menopausalen Beschwerden bekam. Gleichzeitig sind Frauen um die 50 eine schnell wachsende Gruppe im Arbeitsmarkt. Vermutlich kennt jede Leserin und jeder Leser eine Frau in den Wechseljahren. Die Menopause geht also nicht nur Frauen, sondern alle Menschen etwas an, eine Debatte haben wir trotzdem noch nicht geführt.

Die hormonelle Umstellung der Menopause verwandelt mütterliche Fürsorge bestenfalls in Anführerinnen-Fürsorge.

Denn die Wechseljahre gleichen für Frauen, die sie erleben, einem Kontrollverlust, auf biologischer und gesellschaftlicher Ebene. Wenn beides zusammenkommt, wird’s unangenehm. Zyklen geben zum Beispiel noch mal richtig Gas, bevor sie enden. Periodenblutungen kommen zunächst häufiger, nicht seltener vor, sie sind stärker und nicht schwächer, schlimmstenfalls außerplanmäßig, richtig splatterverdächtig – das passiert einem besser nicht auf einer langen Zugreise oder im Kino.

Oder Frauen fangen plötzlich an zu schwitzen, wie zum Beispiel eine Gründerin, die ich für mein Buch interviewte. Sie erzählte mir, wie ein Investor sie unterbrach: »Ihre Brille beschlägt.« Die 51-Jährige hatte eine Hitzewallung, mitten in der Präsentation. Eine Kollegin geriet in einer großen Besprechung für einen Moment so unter Druck, dass ihr die Tränen kamen. Ein Kollege kanzelte die 50-Jährige ab: Sie sei einfach nicht belastbar genug für den Job.

Auch jüngere Frauen kennen das – weiblich konnotierte Emotionen wie Tränen werden im sogenannten rationalen Arbeitskontext von männlichen Kollegen sehr gern auf »hormonelle Störungen« zurückgeführt. Da werden am Konferenztisch mal schnell eine Schwangerschaft, PMS oder die berühmten »Tage« diagnostiziert.

Die Wechseljahre gleichen einem Hyperschallantrieb der hormonellen Verstimmungen. Ich darf also nur in der Gesellschaft verbleiben, wenn ich die Kontrolle über meinen Körper behalte, meinen Appetit zügle, meine Launen im Zaum halte, schwallhafte Perioden und aufsteigende Hitze in der Abgeschiedenheit der Toilettenkabine erlebe. In anderen Worten: Wenn man mir nicht ansieht, dass sich etwas verändert, abgesehen von ein paar charmanten Lachfältchen um die Augen. Wenn ich mit etwas Botox nachhelfe und man den Eingriff nicht sieht – wunderbar. Sollte mein Gesicht irgendwann »gemacht« aussehen, dann gelte ich als richtig verzweifelt: Dann kann ich nicht in Würde altern und unterwerfe mich dem herrschenden Jugendwahn.

Ich muss den Mittelweg treffen, meine Wut beim Sport veratmen, Green Smoothies trinken und mich schlimmstenfalls genau dafür noch vergackeiern lassen. Meine perimenopausalen Beschwerden sollen bitte Privatsache sein, aber jegliche Auswirkungen oder eventuelle Gegenmaßnahmen dürfen jederzeit öffentlich kommentiert und verurteilt werden. Sichtbare Weiblichkeit – kein Sexappeal, sondern Weiblichkeit – gilt auch bei fruchtbaren Frauen immer noch als anstößig, wie öffentliches Stillen, zur Schau getragene Schwangerschaft (Rihannas Bauch!) oder erkennbares Periodenblut. Statt alle natürlichen Aspekte des Frauseins, inklusive der Menopause, ins gesellschaftliche Leben zu integrieren, neigen viele Menschen eher zu despektierlichen Kommentaren, nach dem Motto: »Muss das sein?«

Es muss sein. Was ich mir zum 45. Geburtstag wirklich wünsche, ist eine offene Debatte über die Wechseljahre. Wir sollten Frausein nicht mehr an Fruchtbarkeit koppeln. Die hormonelle Umstellung der Menopause verwandelt mütterliche Fürsorge bestenfalls in Anführerinnen-Fürsorge, weil der Östrogenspiegel zurückgeht und Testosteron auch in der weiblichen Körperchemie dominanter wird. In welcher Form diese neue Weiblichkeit sich manifestiert, mag ebenso individuell verschieden sein wie die Menopause selbst. Sie zu verschweigen ist jedenfalls keine Option mehr.