Artikel • 28.5.2020

Alles Öko, oder was? – 7 Nachhaltigkeitssiegel fürs gute Gewissen

Die wichtigsten Siegel im Überblick

Nachhaltigkeitssiegel für nachhaltige Landwirtschaft

Die Währung der Nachhaltigkeitssiegel ist das Vertrauen der Konsumenten. Doch nicht immer ist klar, ob das Vertrauen den Tatsachen entspricht oder von einer cleveren Marketingstrategie herrührt. So lohnt sich ein genauer Blick hinter die vielen bunten Logos, die Hunderttausende Produkte in den Supermarktregalen zieren und allesamt ein gutes Sozial- und Umweltgewissen versprechen.

Das Was, Wie und Wo der Nachhaltigkeitssiegel

Ein Nachhaltigkeitssiegel steht für die Einhaltung gewisser sozialer, ökonomischer und ökologischer Standards, wobei diese bei jedem Siegel anders gestaltet werden. Hinter jedem Nachhaltigkeitskennzeichen steht eine Organisation, die die Siegel vergibt. Diese Organisation legt fest, welche Voraussetzungen zu erfüllen sind, um das Siegel zu erhalten. Die Regeln definieren den sogenannten Standard des Siegels. Den Standard müssen sowohl die Produzenten der Rohstoffe einhalten als auch alle, die diese Rohstoffe weiterverarbeiten.

Bevor ein Produzent ein Nachhaltigkeitslabel benutzen darf, muss er nachweislich alle Voraussetzungen erfüllen – und das auf Dauer. Bauern in den Herkunftsländern werden durch die Organisationen nicht nur zertifiziert, sondern auch in unregelmäßigen Abständen überprüft, wobei nicht alle Kontrollen angemeldet werden. Organisationen hinter den Siegeln beauftragen dazu unabhängige Prüfstellen. Sind alle Anforderungen erfüllt, können Produzenten ihre Produkte als „zertifiziert“ verkaufen.

Nicht alle Standards der Nachhaltigkeitssiegel sind gleichermaßen streng und umfangreich. Zu erwähnen ist außerdem, dass nachhaltig nicht immer auch fair bedeutet. In vielen Fällen vereinen die Siegel allerdings beide Aspekte.

Schäfer mit Hund und seiner Schafherde

Fairtrade-Siegel: Kennzeichen mit großer Reichweite

Das Fairtrade-Nachhaltigkeitssiegel ist das wohl bekannteste unter den Fairness-Siegeln. Tausende Produkte tragen das Label – und zwar von Lebensmitteln, über Blumen und bis hin zur Kosmetik. Rund 1,7 Millionen Erzeuger in 75 Anbauländern arbeiten derzeit mit Fairtrade zusammen. Neben diversen Fairtrade-Produktsiegeln werden auch Rohstoffsiegel vergeben.

Zum Standard des Nachhaltigkeitssiegels von Fairtrade gehören Mindestpreise und Prämien für Produzenten und das Verbot von Gentechnik. Das allgemeine Fairtrade-Produktsiegel ziert ausschließlich Produkte, die aus 100 Prozent fair erzeugten und fair gehandelten Inhaltsstoffen bestehen. Für Produkte mit Mengenausgleich, bei denen Fairtrade- mit Nicht-Fairtrade-Produkten gemischt werden, gibt es ein Spezialsiegel und gesonderte Regelungen.

Dem Fairtrade-Label wird eine hohe Aussagekraft zugeschrieben und die Wirksamkeit der Bemühungen der Labelorganisation wurde bereits in mehreren Studien belegt. Im Gegensatz zu Kennzeichen wie dem von Naturland müssen die Rohstoffe hier allerdings keine zertifizierte Bio-Qualität aufweisen.

Nachhaltigkeitsfaktor: 9/10

Demeter: Höchste Standards für nachhaltige Landwirtschaft

Hinter diesem Nachhaltigkeitssiegel steht der älteste Bioverband Deutschlands. Seit 1924 setzt sich Demeter e.V. für ökologisch-nachhaltige Landwirtschaft ein. Mit dem Demeter-Siegel können sich aktuell rund 3.500 Produkte rühmen, wobei der Fokus auf Lebensmitteln liegt. Auch Kosmetik und Bekleidung gibt es mit dem Demeter-Kennzeichen.

Landwirte mit der Demeter-Zertifizierung bewirtschaften ihre Felder biodynamisch bzw. verwenden spezielle biologisch-dynamische Präparate, die die natürlichen Stoffwechselprozesse des Bodens unterstützen. Die Demeter-Landwirtschaft setzt Standards, die weit über die Vorgaben der EU-Öko-Verordnung hinausgehen und gilt als die nachhaltigste Weise für die Bewirtschaftung von Land.

Zu den vielen strengen Richtlinien des Kennzeichens gehören das Verbot von Pestiziden, vorgeschriebene Biodiversität, Einsatz von Bio-Futter, Verbot der Hybridzucht im Getreideanbau sowie die obligatorische Tierhaltung für landwirtschaftliche Betriebe. Zertifizierte Produzenten müssen sich immer wieder Kotrollen unterziehen und ihren Betrieb voll und ganz auf die biodynamische Arbeitsweise umstellen.

Nachhaltigkeitsfaktor: 10/10

Europäisches Bio-Siegel: Vergleichsweise lasche Vorgaben

Zu den bekanntesten Nachhaltigkeitssiegeln gehört das Bio-Kennzeichen der EU. Es ist außerdem das am weitesten verbreitete. Dies liegt daran, dass alle Lebensmittel und Getränke, die ein Händler innerhalb der EU als „Bio-Qualität“ bewerben möchte, mit diesem Label gekennzeichnet werden müssen. Das Kennzeichen bekommen nur Produkte, die auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz verzichten und ohne Gentechnik hergestellt wurden. Für Tierhaltung gilt eine Höchstanzahl pro Hektar und es werden artgerechte Haltungsformen vorausgesetzt.

Auch wenn an das Europäische Bio-Siegel durchaus umfangreiche Anforderungen geknüpft sind, so kann es in puncto Nachhaltigkeit trotzdem nicht mit Siegeln wie dem von Demeter und HAND IN HAND mithalten. Im Gegenteil – bei Kritikern ist das Kennzeichen auch unter der Bezeichnung „Bio light“ bekannt. Dies liegt unter anderem daran, dass bei der Vergabe des Siegels auch die europaweiten Anbauinteressen berücksichtigt sind. So müssen zum Beispiel Erzeuger, die nach den EU-Richtlinien agieren, ihren Hof nicht ganz auf Bio-Produktion umstellen und können außerdem doppelt so viele Tiere auf einem Hektar halten als zum Beispiel beim Naturland- oder beim Bioland-Siegel.

Nachhaltigkeitsfaktor: 6/10

Nachhaltigkeitssiegel für Kakao
Beim Kakaoanbau ist Nachhaltigkeit besonders wichtig

Naturland Fair: Öko-Siegel und Fairtrade in einem

Naturland hat sich nach eigenen Aussagen voll und ganz der nachhaltigen Wirtschaftsweise verschrieben. Das Naturland-Fair-Siegel steht für Produkte, die nach Aspekten des ökologischen Anbaus, der sozialen Verantwortung und fairen Handels erzeugt werden. Die Palette der Naturland-Fair-Produkte umfasst rund 650 Produkte, zu denen Lebensmittel wie Milch, Kaffee, Schokolade, Brot und Gewürze gehören. Für alle Naturland-Produkte ist die Bio-Zertifizierung Pflicht – ebenso wie faire Erzeugerpreise, Prämienzahlungen und der vollständige Verzicht auf Gentechnik.

Zertifizierte Erzeuger und Verarbeiter werden mindestens ein Mal im Jahr von unabhängiger Stelle kontrolliert. Naturland Fair gehört zu den Labeln mit den strengsten Kriterien und mit dem Fokus auf Umweltschutz. Auch die Stiftung Warentest hatte sich bereits von der hohen Qualität des Naturland-Fair-Siegels überzeugen können und hat dieses zum Sieger im Nachhaltigkeitssiegel-Test gekürt.   

Bewertung: 10/10

HAND IN HAND: Strenge Kriterien bei der Zertifizierung

Strenge Kriterien müssen zertifizierte Erzeuger oder Verarbeitungsunternehmen auch beim HAND-IN-HAND-Siegel erfüllen, hinter dem die Organisation Rapunzel Naturkost steht. Die zertifizierten Produkte vereinen Nachhaltigkeit mit fairem Handel – und aktuell tragen rund 600 vegetarische Naturkostprodukte ein solches Kennzeichen. Zu den Produkten, die ein Hand-in-Hand-Siegel besitzen, gehören Kaffee, Schokolade, Süßungsmittel, Nüsse, Trockenfrüchte und Backzutaten. Die wichtigsten Kriterien des Siegels sind Mindestpreise und Prämien für Partner, sichere und gesunde Arbeitsbedingungen sowie die Einhaltung ökologischer Leitlinien beim Anbau der Rohstoffe.

Monoprodukte wie Kaffee müssen 100 Prozent zertifizierte Rohstoffe aufweisen, um dieses Nachhaltigkeitssiegel zu bekommen. Bei Mischprodukten wie Schokolade muss der Anteil bei mindestens 50 Prozent liegen.

Die Tätigkeitsfelder von Rapunzel Naturkost umfassen außerdem die Förderung diverser öko-sozialer Projekte und Initiativen. Rund 400 Projekte wurden seit der Gründung unterstützt.

Nachhaltigkeitsfaktor: 10/10

Rainforest Alliance: Für bewusstere Produktion, Einkauf und Konsum

Die Rainforest Alliance setzt sich nach eigenen Angaben für soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit ein. Vor allem auf dem US-amerikanischen und europäischen Markt werden die mehr als 15.000 Produkte mit dem „Rainfores Alliance Certified“-Siegel verkauft. Die Rainforest Alliance setzt sich für den Erhalt der Artenvielfalt, den Schutz natürlicher Rohstoffe und bessere Lebensbedingungen in den Produktionsländern ein.

Mindestpreise für die Bauern werden beim Siegel mit dem Frosch dagegen nicht garantiert. Im Vergleich zu anderen Labels sind die Standards für die Zertifizierung weniger streng und auch der Bio-Anbau gehört nicht zu den Prioritäten der Zertifizierungsorganisation. Im Jahr 2018 hat sich die Organisation mit dem UTZ-Gütesiegel zusammengetan und bietet ab September 2020 ein gemeinsames Label an.

Nachhaltigkeitsfaktor: 6/10

Bioland: Produkte aus nachhaltiger Kreislaufwirtschaft

Hinter dem Bioland-Siegel steht der größte ökologische Anbauverband Deutschlands. Vergeben wird das Siegel durch den Bioland Verband für organisch-biologischen Landbau e.V. Zum Verband gehören mehr als 8.000 Produzenten wie Landwirte, Winzer und Imker sowie rund 1.100 Partner aus Produktion, Handel und Gastronomie. Mit dem Bioland-Nachhaltigkeitssiegel werden Lebensmittel wie Tierprodukte, Gemüse, Eier, Obst und Getränke aller Art zertifiziert. Sogar Blumen gibt es mit dem Bioland-Kennzeichen.

Zu den Prinzipien von Bioland zählt die besonders nachhaltige Kreislaufwirtschaft, die artgerechte Haltung der Tiere, die Förderung biologischer Vielfalt sowie die Bewahrung natürlicher Lebensgrundlagen. Für die Zertifizierung gelten strenge Kriterien.

Anfang des Jahres 2016 geriet Bioland für einige Zeit wegen der Verwendung von Antibiotika bei der Tierhaltung in Kritik. Für Kritik in Bio-Hersteller-Kreisen sorgt auch die Zusammenarbeit mit dem Lebensmittel-Discounter Lidl.

Nachhaltigkeitsfaktor: 9/10

Nachhaltigkeitssiegel auf tierische Produkte

Ein nicht perfektes Nachhaltigkeitssiegel ist besser als gar kein Siegel

Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise und der mehr oder weniger strengen Anforderungen sind Nachhaltigkeitssiegel trotzdem mehr als einfach nur ein Stempel auf dem Papier. Selbst, wenn nicht die strengsten Standards gelten, so sind zumindest gewisse Mindestanforderungen gegeben, die mehr sind als Nichts. Es ist also niemals verkehrt, nach Kennzeichen zu schauen, die für die Einhaltung gewisser Richtlinien stehen und bei denen klar ist, dass Fairness und Nachhaltigkeit von Bedeutung sind.