März Barbaren gegen Buddha

Die Taliban-Islamisten zerstören die weltberühmten Felsenstatuen.


Buddha-Statue vor der Zerstörung
REUTERS

Buddha-Statue vor der Zerstörung

Rund 1500 Jahre lang trotzten die Kolosse allen Widrigkeiten. Sie haben das Vordringen des Islam überstanden und das Wüten der mongolischen Horden. Die zahllosen Karawanen-Reisenden haben sie voller Staunen betrachtet, und auch die sowjetischen Besatzer, die Afghanistan fast ein Jahrzehnt lang beherrschten, ließen sie in Frieden: Die Ehrfurcht gebietenden 36 und 53 Meter hohen Statuen im Bamian-Tal waren mit die mächtigsten aller stehenden Buddha-Statuen auf Erden und gehörten zu den 70 Weltwundern. Vorbei, die Welt trauert um ein unwiederbringliches Kulturerbe ­ acht Monate bevor amerikanische Bomber ihrer Schreckensherrschaft in Afghanistan ein Ende bereiten, zerstören Taliban-Fanatiker die kulturhistorische Kostbarkeit.

Wenige Tage benötigen die Taliban-Kommandos, um die Zeugen der einstigen buddhistischen Hochkultur mit Mörsern, Panzern und Unmengen Dynamit zu beseitigen. "Wie mit einem gigantischen Skalpell herausgelöst" aus ihren Felshöhlen, beschreibt ein britischer Journalist wenige Tage danach das vandalistische Szenario, nichts sei geblieben "als ein enormer Haufen Geröll".

Die Buddha-Statuen "verhöhnen Gott", so hatte der oberste Taliban-Führer, Mullah Mohammed Omar, am 26. Februar befunden und die Zerstörung der "Schreine der Ungläubigen" sowie sämtlicher nicht islamischer Statuen dekretiert. Auch ein weltweiter Sturm der Entrüstung konnte den rigiden einäugigen Muslimkrieger nicht umstimmen. Rettungsversuche von der Unesco bis hin zur indischen Regierung schlagen fehl, alle Emissäre kehren unverrichteter Dinge heim.

Um zu demonstrieren, dass es ernst ist mit der Vernichtung "unislamischer" Kulturgüter, lädt der Taliban-Museumsdirektor Ahmad Yar drei Wochen nach dem Bamian-Anschlag eine kleine Gruppe ausländischer Journalisten in das Nationalmuseum von Kabul. Das 1919 eröffnete Institut, vormals Hort Tausender, unschätzbar wertvoller Kulturzeugnisse aus fünf Jahrtausenden, ist schon im Chaos der abrückenden Sowjettruppen geplündert worden. Nun macht der religiöse Irrsinn der Taliban endgültig Tabula rasa.

Die Journalisten besichtigen leere Räume, finden aber auch viele verschlossene Türen. Keine Spur von den berühmten Buddha-Statuen aus Ton, von hellenistischen Kulturzeugnissen wie dem bronzenen Herkules aus dem ersten Jahrhundert nach oder den Göttinnenfiguren aus dem dritten Jahrtausend vor Christi Geburt. "Alle Objekte, die keinen Bezug zum Islam haben, sind zerstört", behauptet Direktor Yar.

Landeskundige Kunsthistoriker bezweifeln das. Immer wieder sind geschmuggelte Altertümer im Ausland aufgetaucht und reichen Sammlern und Museen angeboten worden. Warum sollten die Taliban diese Devisenquelle verschütten?

Der Schweizer Paul Bucherer etwa, Leiter eines angesehenen Afghanistan-Museums im Kanton Baselland, fragt sich, warum die Taliban die Buddha-Statuen zerstört haben, obwohl Mullah Omar doch erst 1999 den Schutz der vorislamischen Kulturgüter in einem Dekret zugesichert hatte. In Omars schockierender Kehrtwendung sieht Bucherer einen Akt der Verzweiflung, eine Art Selbstmorddrohung einer total überforderten Gruppe, die mit dem Rücken zur Wand steht. "Sie haben keine Vision für die Zukunft, keine Ahnung, wie man einen Staat zu führen hätte", notiert die "FAZ".

Nicht wenige Exil-Afghanen argwöhnen, dass ein einflussreicher, aus Saudi-Arabien stammender Milliardär, dessen Name später im Jahr in aller Munde sein wird, dahinter steckt: Osama Bin Laden. Er habe, wie all jene nicht afghanischen Dschihad-Krieger, keine Beziehung zum kulturellen Menschheitserbe des Landes, das den großen britischen Historiker Arnold Toynbee zu der Empfehlung bewog: "Wenn Sie Geschichte studieren wollen, beginnen Sie damit in Afghanistan."

MAREIKE SPIESS-HOHNHOLZ



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