USA Die Macht der Märchen

Ultrarechte Globalstrategen entwarfen schon 1998 einen Masterplan für den Sturz Saddams. Mit Propagandalügen bereiteten Washington und London den Krieg gegen den Ölstaat vor.

Berlin, 4. Februar dieses Jahres. Im politischen Konflikt um Krieg und Frieden fährt der außenpolitische Sprecher der Opposition schweres Geschütz auf: "Irreführung der Öffentlichkeit" wirft der Unionspolitiker Friedbert Pflüger der rot-grünen Koalition vor. Die Regierung verschweige dem deutschen Volk brisante Geheimdienst-Erkenntnisse: "dass es Massenvernichtungswaffen im Irak gibt".

Schon aus diesem Grund, fordert der CDU-Mann, müsse Gerhard Schröder eine "Kurskorrektur" vornehmen und schleunigst sein kategorisches Nein gegen eine Beteiligung an einem US-Krieg gegen den Irak revidieren, das der Sozialdemokrat auf einer winterlichen Wahlveranstaltung in Goslar angekündigt hatte. Doch Schröder schlägt den Rat der CDU/CSU in den Wind.

Der Kanzler riskiert damit zwar einen massiven Konflikt mit der Hypermacht USA sowie eine Spaltung von Nato und EU. Aber er hat drei von vier Deutschen in dieser Frage auf seiner Seite - und er entgeht der Gefahr, "einer der größten Staatslügen der Geschichte" ("Le Monde diplomatique") aufzusitzen, mit denen jemals ein Angriffskrieg begründet worden ist: Bagdad bedrohe die USA und den Rest der Welt mit Massenvernichtungswaffen.

In Wahrheit lagen dem Krieg, den die Regierung Bush Mitte März entfesselte, gänzlich andere Motive zu Grunde. Konzipiert worden waren der Sturz Saddam Husseins und die Besetzung des Irak bereits fünf Jahre zuvor in amerikanischen Denkfabriken.

Es war das glatte Gegenteil einer Verschwörung: In aller Öffentlichkeit, auch im Internet, propagierten erzkonservative "Think Tanks", die Kalte Krieger aus dem Dunstkreis von Geheimdiensten und Erweckungskirchen, von Rüstungs- und Ölkonzernen beschäftigten, schon in den neunziger Jahren gespenstisch anmutende Pläne für eine neue Weltordnung. Nach den Visionen der Falken sollte das Völkerrecht durch das Recht des Stärkeren ersetzt werden. Und allzeit am allerstärksten sollte, natürlich, die nach dem Zerfall der Sowjetunion einzig verbliebene Supermacht sein.

Zu diesem Zweck müsse der Hegemon am Potomac dauerhaft in der Lage sein, die Rohstoffvorräte des Planeten zu kontrollieren und jeden möglichen Konkurrenten kleinzukriegen oder klein zu halten - mit allen Mitteln diplomatischer und publizistischer, ökonomischer und militärischer Macht, notfalls auch durch einen Präventivkrieg.

Lange Zeit wurden die Planspiele der Sandkastenstrategen, die unter anderem eine Entmachtung der Uno und ganze Serien von Unterwerfungskriegen vorsahen, als Hirngespinste abgetan, gesponnen von intellektuellen Außenseitern und kaltgestellten Kalten Kriegern aus der Reagan-Ära, die sich selbst Neokonservative ("Neocons") nannten und auf Kosten mächtiger Lobbygruppen in irgendwelchen Studierstuben politisch überwinterten.

In jenen Jahren gaben in Washington Bill Clinton und dessen Vize Al Gore den Ton an. Im Weißen Haus wehte vorübergehend ein eher internationalistischer Geist: Geredet wurde von "Partnerschaften zur Universalisierung von Menschenrechten" und von fairem "Multilateralismus" in der Beziehung zu den Verbündeten; auf der Agenda standen Verträge zum Klimaschutz und zur Rüstungsbegrenzung, zur Ächtung von Landminen und zum Aufbau einer internationalen Gerichtsbarkeit.

In diesem liberalen Klima blieb nahezu unbeachtet, was beispielsweise ein 1997 gegründetes "Project for the New American Century" (PNAC) postulierte, das laut Statut für "Amerikas globale Führerschaft" streitet. Am 26. Januar 1998 forderte die Projektgruppe in einem Brief an "Mr. William J. Clinton" den damaligen US-Präsidenten zum Sturz Saddam Husseins auf - und zu einer radikalen Umkehr im Umgang mit der Uno.

Solange nicht klar sei, ob Saddam über Massenvernichtungswaffen verfüge, dro-he Gefahr für die USA, für Israel, die US-Verbündeten unter den arabischen Staaten in der Region - und für einen "bedeutsamen Teil der Welt-Ölvorräte". Wörtlich hieß es in dem Papier aus dem Jahre 1998: "Das bedeutet, in kurzer Frist zur Durchführung einer militärischen Aktion bereit zu sein, da die Diplomatie offenkundig versagt. Langfristig bedeutet es, Saddam Hussein und sein Regime zu entmachten. Wir glauben, dass die Vereinigten Staaten unter den bereits bestehenden Uno-Resolutionen das Recht haben, die nötigen Schritte einschließlich militärischer zu unternehmen, um unsere vitalen Interessen am Golf zu sichern. In keinem Fall darf sich die amerikanische Politik länger durch das fehlgeleitete Beharren des Uno-Sicherheitsrats auf Einstimmigkeit lähmen lassen."

Der Brief wäre für immer unbeachtet in den Archiven vergilbt, wenn er sich nicht ein halbes Jahrzehnt später wie eine Blaupause zur Herbeiführung eines lange ersehnten Angriffskrieges lesen würde - und, vor allem, wenn nicht die prominentesten der PNAC-Mitglieder, die damals den Brief beziehungsweise den Gründungsaufruf unterzeichneten, im Frühjahr dieses Jahres im Telefonverzeichnis der Bush-Administration gestanden hätten:

  • PNAC-Vorsitzender William Kristol als das "Gehirn des Präsidenten",
  • PNAC-Mitglied Richard Cheney als Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
  • PNAC-Mitglied Lewis Libby als Cheneys Stabschef,
  • PNAC-Mitglied Donald Rumsfeld als Bushs Verteidigungsminister,
  • PNAC-Mitglied Paul Wolfowitz als Rumsfelds Stellvertreter und
  • PNAC-Mitglied Richard Perle als Chef des einflussreichen Defense Policy Board.
Schon vor mehr als zehn Jahren hatten zwei Hardliner aus diesem Kreis eine verteidigungspolitische Planungsvorgabe ("Defense Planning Guidance") entworfen, die für einen internationalen Eklat sorgte, als sie der amerikanischen Presse zugespielt wurde.

Die 1992 von der "New York Times" enthüllten Vorschläge, formuliert von den späteren Offiziellen Wolfowitz und Libby, liefen darauf hinaus, die während des Kalten Kriegs verfolgte Abschreckungsdoktrin durch eine völlig neue Globalstrategie zu ersetzen.

Ziel war die dauerhafte Erhaltung der amerikanischen Supermachtposition - auch gegenüber Europa, Russland und China. Diesem Zweck sollten "Mechanismen" dienen, die potenzielle Konkurrenten davon abschrecken, "auch nur eine größere regionale oder globale Rolle spielen zu wollen" - Formulierungen, die nach ihrem Bekanntwerden prompt für Verstimmung in den Metropolen Europas und Asiens sorgten.

Notwendig, so das Wolfowitz-Libby-Papier, sei vor allem eine stabile amerikanische Vormachtstellung in Eurasien. Jedes Land, das etwa durch den Erwerb von Massenvernichtungswaffen die Interessen der USA bedrohe, müsse mit Angriffen rechnen. Pakte wie die Nato dürften dabei nicht hinderlich sein: Die traditionellen Bündnisse müssten durch "Ad-hoc-Koalitionen" ersetzt werden, "die nicht länger Bestand haben, als die aktuelle Krise andauert".

Im September 2000 - nur wenige Monate vor dem Antritt der Regierung Bush - schloss die PNAC die Arbeit an einer Fortschreibung des weltpolitischen Masterplans von 1992 ab.

Diese im Auftrag der PNAC verfasste Studie ("Rebuilding America's Defenses") war ebenfalls der Frage gewidmet, "wie die globale US-Vorherrschaft aufrechterhalten, dem Aufstieg einer rivalisierenden Großmacht vorgebeugt und die internationale Sicherheitsordnung gemäß amerikanischen Prinzipien und Interessen gestaltet werden kann".

Unter anderem, heißt es da, müssten die USA durch eine gewaltige Aufstockung ihres Rüstungsetats und den Aufbau eines länderübergreifenden Raketenschirms in die Lage versetzt wer-den, "zahlreiche größere Kriege gleichzeitig durchkämpfen und für sich entscheiden" zu können. Auf jeden Fall aber gehöre die Golfregion unter US-Kontrolle: "Die Vereinigten Staaten haben seit Jahrzehnten versucht, eine dauerhaftere Rolle in der Sicherheitsarchitektur am Golf zu spielen. Der ungelöste Konflikt mit dem Irak liefert zwar die unmittelbare Begründung, die Präsenz einer substanziellen amerikanischen Streitmacht am Golf ist aber ganz unabhängig von der Frage des Saddam-Hussein-Regimes nötig."

Aufgaben der Friedensstiftung sollten, so die Studie weiter, eher der Führerschaft der USA als der Uno obliegen. Die zu diesem Zweck verstärkt im Ausland zu stationierenden US-Streitkräfte bezeichneten die Autoren in der kernigen Sprache des Wilden Westens als "Kavallerie im neuen amerikanischen Grenzland" ("the cavalry of the new American frontier").

Kaum hatte der von der Öl- und Rüstungsindustrie gespickte Präsidentschaftskandidat George W. Bush nach seinem dubiosen Wahlsieg Clintons Nachfolge angetreten, besetzten die teils von denselben Geldgebern subventionierten PNAC-Falken Schlüsselpositionen in der neuen Regierung. Haudegen Richard Perle, der einst unter Reagan Vizeverteidigungsminister war, den kritische US-Medien als "Prince of Darkness" zu bezeichnen pflegen und dem die Hamburger "Zeit" einmal "Diplomatie mit dem Revolver an der Schläfe" bescheinigte, übernahm das offiziöse Defense Policy Board, das dem Pentagon-Chef Rumsfeld zuarbeitet. Dem Militärminister wiederum wurde als Vize der Hardliner Wolfowitz beigeordnet.

Mit atemraubendem Tempo setzten die Herren der Finsternis ihre alte PNAC-Strategie um, die ihnen bald das Prädikat "stupid white men" eintrug - so der Titel des Buchs, in dem der US-Satiriker Michael Moore den neuen Washingtoner Kurs verhöhnte und das in Deutschland viele Monate lang die Bestsellerliste anführte.

Der frömmelnde Bush - der sich wie ein von Gott berufener Weltenlenker aufführt und nicht akzeptieren mag, dass es zwischen der letzten Supermacht auf Erden und der Supermacht im Himmel irgendein Gremium von Bedeutung gibt - blockierte reihenweise internationale Verträge, behandelte die Uno als Subunternehmen der USA und selbst bewährte Nato-Verbündete wie Vasallen. Als nach den Anschlägen vom 11. September 2001 plötzlich die blanke Angst in Amerika regierte und im Land Milzbrandbriefe dubioser Herkunft kursierten, war aus Sicht der Bushisten die Zeit offenbar reif dafür, auch die alten Irak-Pläne aus der PNAC-Schublade zu holen.

Der Anschlag auf das World Trade Center, urteilt der Stanford-Professor und Starphilosoph Richard Rorty, sei "vergleichbar mit dem Reichstagsbrand" von 1933: "Der 11. September gab der Regierung die Macht, fast alles zu tun, was sie will - mit der Entschuldigung, dass sie das Land vor dem Terrorismus retten will."

Auf ähnliche Weise ging der einstige US-Präsident Jimmy Carter mit der PNAC-Riege im Weißen Haus ins Gericht: "Mittlerweile versucht eine Gruppe von Konservativen lange gehegte Ambitionen unter dem Deckmantel des 'Kriegs gegen den Terrorismus' zu verfolgen."

Bereits sechs Tage nach dem Anschlag unterzeichnete Präsident Bush einen Exekutivbefehl, in dem er nicht nur Order gab, einen Krieg gegen das Terrornetzwerk al-Qaida und gegen die Taliban vorzubereiten. Ein zunächst geheim gehaltener zweiter Absatz befahl den Militärs, auch Szenarien für einen Krieg gegen Saddams Irak zu erarbeiten.

Zwar ließ sich die von der Regierung schlankweg suggerierte Steuerung der WTC-Attentäter durch den Irak nicht im Geringsten belegen. Und als völ- lig substanzlos erwies sich auch die fleißig lancierte Vermutung, Saddam habe irgendetwas mit den Anthraxbriefen zu tun; später stellte sich heraus, dass das Massenvernichtungs-mittel offenbar aus US-Militärlabors stammte.

Dennoch nutzte Richard Perle die Hysterie im Lande, um Angst und Wut unverdrossen auf den Wüstenstaat zu lenken: "Es kann keinen Sieg im Krieg gegen den Terrorismus geben, wenn Saddam Hussein am Ende immer noch an der Macht ist." Der Diktator, verlangte Perle, müsse von den Vereinigten Staaten nicht zuletzt deshalb beseitigt werden, "weil er das Symbol für die Missachtung aller westlichen Werte ist".

Das allerdings war der Massenmörder Saddam auch schon gewesen, als er sich 1979 mit US-Hilfe an die Spitze des Landes manövrierte.

Damals meldete ein Geheimdienstler aus der amerikanischen Botschaft in Bagdad an die CIA-Zentrale: "Ich weiß, Saddam ist ein Hundesohn, aber er ist unser Hundesohn." Nachdem die USA den Diktator auch im Kampf gegen Iran unterstützt hatten, erklärte der pensionierte CIA-Direktor Robert Gates, er habe nie irgendwelche Illusionen über den Mann in Bagdad gehegt: Saddam sei "kein Demokrat, kein Agrarreformer, sondern ein ganz gemeiner Verbrecher".

Angesichts dieser Vorgeschichte verbot es sich für die Bellizisten im Weißen Haus, die permanenten Menschenrechtsverletzungen ihres einstigen Günstlings als Casus Belli allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Auch die schon im PNAC-Papier von 1998 enthaltenen Hinweise auf die geopolitischen Interessen der USA im Mittleren Osten und die reichen Ölvorräte des Irak schienen denkbar ungeeignet, die vom Pentagon gewünschte "Koalition der Willigen" zu verbreitern oder gar die Zustimmung der widerspenstigen Mehrheit im Weltsicherheitsrat zu einem Angriffskrieg zu erlangen.

Es galt mithin, einen möglichst populären Kriegsgrund zu produzieren und zu propagieren: die angeblich vom Irak ausgehende Gefahr eines "11. Septembers mit Massenvernichtungsmitteln", wie Rumsfeld es formulierte. Damit wurde insinuiert, Hussein sei nicht nur im Besitz von ABC-Waffen, sondern auch bereit, sie Terrororganisationen wie der Qaida zur Verfügung zu stellen. Allerdings: Nicht einmal die CIA konn-te diese Propagandathese mit Beweisen untermauern - kein Problem für die Falken im Weißen Haus.

PNAC-Mann Perle diskreditierte gezielt den traditionsreichsten Geheimdienst der USA: "Was den Irak betrifft, ist die CIA unfähig", erklärte er öffentlich. PNAC-Kollege Wolfowitz gründete im Pentagon prompt eine willfährige Gegen-CIA namens "Office of Special Plans", deren Mitarbeiter ihren Dienst selbstironisch "Kabale" nannten und gezielt Falschmeldungen über das irakische Waffenarsenal produzierten und dem Präsidenten zuleiteten.

In das Propagandakonzept der PNAC-Riege fügten sich auch jene berüchtigten 16 Wörter in Bushs "Rede zur Lage der Nation" vom 28. Januar, die der Präsident ein halbes Jahr später offiziell wieder zurückziehen musste: "Die britische Regierung hat herausgefunden, dass Saddam Hussein jüngst größere Mengen Uran aus Afrika kaufen wollte."

Die Behauptung bezog sich auf ein Papier dunkler Herkunft, das von der CIA längst als plumpe Fälschung enttarnt worden war.

Zwei amerikanische Politiker - beide PNAC-Aktivisten der ersten Stunde - taten sich besonders hervor, den 1998 entworfenen Kriegskurs auch noch mit den windigsten Argumenten zu begründen: Vizepräsident Cheney und dessen Stabschef Libby.

Von Libby stammte der Entwurf der umstrittenen Rede, mit der Außenminister Colin Powell am 5. Februar den Weltsicherheitsrat dazu bewegen sollte, den gewünschten Angriffskrieg gegen Saddam zu billigen. Das Libby-Manuskript enthielt derart zweifelhafte Passagen, dass Powell, wie die "International Herald Tribune" später rekonstruierte, die Blätter in die Luft warf und wütend schrie: "Das werde ich nicht vortragen. Das ist Scheiße." Immerhin unterließ es der Außenminister, in dieser Rede die Uranlüge zu wiederholen, die sein Präsident eine Woche zuvor der Nation und der Welt präsentiert hatte.

Um so beharrlicher verbreitete Bush fortan die unbewiesene Behauptung, "dass das irakische Regime einige der tödlichsten Waffen, die je erfunden wurden, weiterhin besitzt und versteckt". Rumsfeld stand ihm wochenlang bei: "Wir wissen, dass er (der Irak) weiterhin biologische und chemische Waffen besitzt."

Als Kronzeugen servierte das Weiße Haus der Weltöffentlichkeit einen General namens Hussein Kamil: Erst nachdem der Schwiegersohn Saddam Husseins, oberster Chef der irakischen Rüstungsindustrie, 1995 nach Jordanien übergelaufen sei und ausgepackt habe, wäre das Regime in Bagdad bereit gewesen, "die Produktion von über 30000 Litern Anthrax und anderer tödlicher B-Waffen-Stoffe zuzugeben", erklärte Bush, um die Heimtücke des Schurkenstaats zu belegen. Wie das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" enthüllte, unterschlug Bush jedoch einen wesentlichen Teil der Aussagen, die Kamil 1995 in einer dreistündigen Unterredung mit den Uno-Inspektoren gemacht hatte: "Ich habe die Zerstörung aller chemischen Waffen befohlen. Alle Waffen - biologische, chemische, Trägerraketen, nukleare - sind zerstört worden", hatte Kamil in der Vernehmung erklärt. Lediglich Bauanleitungen seien archiviert worden, heißt es in dem von "Newsweek" überprüften und zitierten Protokoll. Das Kamil-Argument der Regierung brach rasch in sich zusammen. Bushs Kronzeuge - der sofort ermordet worden war, nachdem der Tyrann von Bagdad ihn 1996 mit einer Amnestiegarantie zur Rückkehr in den Irak gelockt hatte - diente vom März an der US-Friedensbewegung als Kronzeuge gegen Bush.

Dass die amerikanische Regierung die Kernaussage Kamils der Öffentlichkeit verschwieg, sei der dickste Hund ("the biggest story") seit Beginn der Irak- Krise, kommentierten die Medienwächter von der New Yorker Bürgerinitiative FAIR ("Fairness & Accuracy In Reporting").

Solche und ähnliche kritische Informationen erreichten in den Ländern der Kriegskoalition allerdings nur einen Bruchteil der Bevölkerung. Vor allem die angloamerikanischen Medien, wenige Qualitätsblätter ausgenommen, gaben sich in jenen Wochen einem nationalistischen Taumel hin, in dem die Wahrheit kaum eine Chance hatte.

Die TV-Sender und Billigblätter des amerikanisch-australischen Murdoch-Konzerns, aber auch professionelle Psychokrieger aus der Washingtoner und der Londoner Regierungszentrale bliesen schrill zum Krieg und zum Hass auf die Regierungen in Paris, Berlin und Moskau, die sich dem US-Kriegskurs widersetzten.

Zunächst klang manche Tirade noch halbwegs witzig. Als Jacques Chirac begann, gegen die Kriegspläne Front zu machen, attackierte der rechte Kolumnist Jonah Goldberg die "Käse fressenden Kapitulationsaffen". Und bald steigerten sich journalistische Hurra-Patrioten in wahre Hassorgien hinein.

Die rechtskonservative "National Review" schwadronierte von einer "Froschpest". Murdochs britisches Massenblatt "Sun" bildete den französischen Präsidenten auf der Titelseite einer Extraausgabe als Wurm ab. Murdoch-Sender hatten schon seit längerem dafür plädiert, den USA missliebige Länder samt ihrer Zivilbevölkerung brutal zu attackieren, im Extremfall nach dem Muster des "moral bombing", mit dem die Angloamerikaner einst deutsche Städte wie Hamburg und Dresden in Schutt und Asche gelegt hatten: "Die Leute eines jeden Landes sind verantwortlich für die Regierung, die sie haben. Die Deutschen waren für Hitler verantwortlich."

"Fox"-Kommentator Bill O'Reilly hat-te nach dem WTC-Anschlag bereits die Abstrafung der afghanischen Bevölkerung propagiert: "Wenn sie sich nicht gegen ihre Regierung stellen, verhungern sie, Punktum." Er rief auch nach Sanktionen gegen Libyen: "Lassen wir sie Sand fressen." Nun drängte er darauf, die irakische Bevölkerung (die zur Hälfte aus Minderjährigen besteht) "ein weiteres Mal intensiven Schmerz spüren zu lassen".

Ein beträchtlicher Teil der angloamerikanischen Medien ließ sich einspannen für die Interessen eines obskuren Propagandaapparats, der weitgehend im Dunkeln operierte. Für dessen Hirnwäscher prägte die US-Friedensbewegung das Kampfwort "Brainwashington".

"Seit dem Vietnam-Krieg gab es keine so systematische Verzerrung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, keine so systematische Manipulation der öffentlichen Meinung mehr", urteilte der US-Diplomat John Kiesling, Ex-Berater der US-Botschaft in Athen. Kiesling quit-tierte im Februar den Dienst - aus Protest gegen die politische Propaganda der Regierung Bush: "Wir haben Verunsicherung und übertriebene Furcht in das kollektive Bewusstsein gepflanzt, indem wir Terrorismus und Irak, zwei Probleme, die nichts miteinander zu tun haben, verknüpften."

Je widerspenstiger sich die Chef-Waffeninspektoren Hans Blix und Mohammed al Baradei und mit ihnen die Mehrheit der Uno-Staaten, darunter auch die Verbündeten in Paris und Berlin, gegenüber dem US-Kriegskurs zeigten, desto ungehemmter trieb die Washingtoner Regierung in den Vorkriegswochen ihr Argument auf die Spitze, Saddam bedrohe die USA mit Massenvernichtungswaffen. Bush: "Wir können nicht auf den letzten Beweis warten, auf die ,smoking gun' in Form eines Atompilzes."

Begierig griffen die europäischen Parteigänger des Präsidenten - ähnlich wie der deutsche Christdemokrat Pflüger - die Vorgaben aus Washington auf. Madrids Premier José María Aznar: "Wir alle wissen, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt."

Die Kriegspropagandisten beiderseits des Atlantiks nahmen damit sehenden Auges ein hohes Risiko in Kauf: dass nach dem Waffengang jene Politiker als Lügner dastehen, die vor dem Krieg die Falschmeldungen unters Volk gebracht hatten.

Als Ersten sollte es im Sommer den britischen Premier Tony Blair treffen, der vor dem Krieg die Behauptung aufgestellt hatte, Hussein könne "innerhalb von 45 Minuten" Massenvernichtungswaffen zum Einsatz bringen.

Der Labour-Politiker erlitt die massivsten Popularitätseinbußen seiner Karriere, als ein Untersuchungsausschuss den mysteriösen Selbstmord des Waffenexperten David Kelly aufhellte; die britische Regierung hatte den Beamten zuvor als Quelle eines BBC-Berichts mit der brisanten These bloßgestellt, Blair-Berater hätten Geheimdienst-Informationen über das Waffenarsenal des Irak "aufgesext", um die Kriegsbeteiligung Großbritanniens zu rechtfertigen.

Zwar lieferte die Untersuchung keinen Beweis für den BBC-Vorwurf, Blairs umstrittener Kommunikationsdirektor Alastair Campbell habe persönlich angeordnet, das Dossier mit der 45-Minuten-These aufzumotzen. Doch im Ausschuss stellte sich heraus, dass das Papier in letzter Minute nach einer Intervention aus dem Büro Blair angespitzt worden war, obwohl der Auslandsgeheimdienst MI6 gegen "zu starke Formulierungen" protestiert hatte.

Auch Bushs Popularitätswerte sollten dramatisch einbrechen, als nach dem Sturz Husseins weiterhin US-Soldaten im Irak ihr Leben lassen mussten und Saddams Massenvernichtungswaffen trotz monatelanger Suche unauffindbar blieben.

Zusätzlich in Bedrängnis geriet Bush durch den Ex-Diplomaten Joseph Wilson, der ihn in der "New York Times" mit dem Verdacht konfrontierte, der Präsident habe wider besseres Wissen behauptet, Saddam habe versucht, im Niger Uran zu kaufen; er selbst, so Wilson, sei in Afrika im Auftrag der CIA dem Verdacht nachgegangen und habe keinerlei Belege gefunden.

Als ein US-Journalist wenig später unter Berufung auf zwei "hochrangige Regierungsbeamte" die Ehefrau des Bush-Kritikers Wilson als verdeckt arbeitende CIA-Agentin enttarnte, sah sich der Präsident prompt dem Verdacht ausgesetzt, seine Regierung habe sich an Wilson rächen wollen.

Dass Bushs Kriegsgründe nur vorgeschoben waren, schwante selbst vielen seiner Fans, als Wolfowitz Ende Mai nonchalant einräumte, der Krieg sei keineswegs vorrangig wegen der Massenvernichtungsmittel geführt worden: Allein aus "bürokratischen Gründen" habe sich die Administration auf dieses Argument verständigt.

"Riesig" sei in Wahrheit das Gewicht eines anderen Motivs gewesen: Nach dem Sturz Saddams könnten US-Trup-pen aus dem zunehmend unsicheren Ölförderland Saudi-Arabien abgezogen und in den Irak verlegt werden. "Es ging also im Irak um Geopolitik", leitartikelte die "Zeit": "Jetzt ist es heraus, und man staunt nicht schlecht über so viel Chuzpe."

JOCHEN BÖLSCHE

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