Seeungeheuer Die unheimliche Invasion der Riesenkalmare

Chile erlebt derzeit eine wahre Invasion von gewaltigen Kopffüßern: Hunderte von gefräßigen Riesenkalmaren, die normalerweise in den Tiefen des offenen Ozeans leben, jagen in den flachen Küstengewässern - zum Entsetzen der Fischer und Erstaunen der Forscher.

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(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 24.03.2004)


Vor Südchile angespülter Riesenflugkalmar: Ärger für Fische und Fischer
Mariscope Chilena

Vor Südchile angespülter Riesenflugkalmar: Ärger für Fische und Fischer

Beim Anblick der Raubtiere wird klar, warum die Seeleute vergangener Jahrhunderte mit Beklemmung von Seeungeheuern sprachen: Meterlange Fangarme, schnabelartige Mäuler und tellergroße Augen verleihen den großen Kalmaren ein Furcht erregendes Aussehen. Vor der Südküste Chiles ist dieser Anblick derzeit massenhaft zu bestaunen: Hunderte so genannter Riesenflugkalmare schwimmen in den flachen Gewässern und dezimieren die Fischbestände. Die Tiere mit dem lateinischen Namen Dosidicus gigas sind sonst äußerst schwierig zu beobachten: Sie leben normalerweise im offenen Meer und nähern sich nur nachts der Oberfläche, um die Jagd auf kleinere Fische zu eröffnen.

Seit zwei Wochen aber tummeln sich die großen Jäger bei Tageslicht vor der Küste: Zunächst wurden mehr als 200 vor der Insel Chiloé gesichtet, später kamen weitere an anderen Orten entlang der chilenischen Südküste zum Vorschein. Das Nachsehen haben vor allem die örtlichen Fischer: Die räuberischen Kalmare futtern Hecht, Sardine und Sardelle, und das mit großem Appetit. Die Kopffüßer sind fein raus, denn sie gelten zwar in manchen Weltgegenden als Delikatesse, stehen aber nicht auf der Speisekarte der Chilenen.

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Kolossale Kopffüßer: Zehnarmige Jäger der Meere

Meeresbiologen standen angesichts der Kalmar-Invasion zunächst vor einem Rätsel. Klarheit brachten erst Bilder aus 800 Kilometern Höhe: Der Esa-Satellit Envisat stellte mit Hilfe seines Radiometers, das Schwankungen der Wassertemperatur auf drei Zehntel Grad genau messen kann, eine seltene Wandlung der Strömungsverhältnisse vor der südchilenischen Küste fest. "Das Auftauchen der Kalmare hängt damit zusammen", erklärt Christina Rodriguez-Benito vom Ozeanographie-Unternehmen Mariscope Chilena.

Imposanter Jäger: Kalmare der Art Dosidicus gigas können bis zu drei Meter lang werden
Mariscope Chilena

Imposanter Jäger: Kalmare der Art Dosidicus gigas können bis zu drei Meter lang werden

Vor Südchile kommt es, wie vor den meisten kontinentalen Küsten, regelmäßig zum Auftrieb von kaltem und nährstoffreichem Tiefenwasser, da starke Winde wärmere Wasserschichten davontreiben. Das Phänomen, das den südchilenischen Fischern normalerweise volle Netze beschert, blieb Ende Februar jedoch aus. "Das verursachte den Zufluss wärmeren Wassers und damit das Auftauchen der Kalmare", sagt Rodriguez-Benito.

Kalmare in der Kaltwasser-Linse

Starke Schwankungen der Wassertemperatur und des Salzgehalts ziehen die Meeresräuber magisch an, da an solchen Stellen reiche Beute wartet. "Die Kalmare steckten in einer Linse kalten Wassers inmitten wärmerer Wassermassen und wurden so an die Küste gelockt."

Für Wissenschaftler ist das ein außergewöhnlicher Glücksfall, denn die großen Kalmare sind derart schwierig vor die Kamera zu bekommen, dass Meeresbiologen mitunter auf seltsame Ideen kommen. Steve O'Shea vom neuseeländischen National Institute of Water and Atmospheric Research etwa will versuchen, den sagenumwobenen Architeuthis dux mit einem Sex-Duftstoff vor die Linse zu locken. Der Riesenkalmar, mit bis zu 20 Metern Länge und fünf Zentnern Gewicht das größte wirbellose Tier der Welt, wurde bisher noch nie innerhalb seines natürlichen Lebensraums gefilmt.

Ungebetener Gast: Die südchilenischen Fischer sind keine Freunde der Riesenkalmare
Mariscope Chilena

Ungebetener Gast: Die südchilenischen Fischer sind keine Freunde der Riesenkalmare

Vor der südchilenischen Küste ist derweil der Hunger der Kalmare nicht das einzige, was den Fischen zu schaffen macht: Die kühlen Wassertemperaturen können nach Ansicht der Experten eine direkte Wirkung auf die Fauna haben, da der Stoffwechsel vieler Fischarten überaus empfindlich auf solche Schwankungen reagiert. Envisat hat nach Angaben der Esa lokale Temperaturunterschiede von bis zu drei Grad Celsius gemessen.

Die eigentliche Aufgabe des Meeres-Fieberthermometers im All ist freilich nicht die Beobachtung gefräßiger Kopffüßer: Das Projekt soll klären, ob explosive Wachstumsschübe von Phytoplankton - Meeresalgen, die auch giftig sein können - aus dem Orbit vorhergesagt werden können. "Starkes Wachstum von Phytoplankton ist oft an Stellen mit starken Temperaturschwankungen zu beobachten", sagt Rodriguez-Benito.

Sollten die Wissenschaftler eines Tages in der Lage sein, solche Phänomene vorhersagen, würde das kleinen Meeresbewohnern neues Ungemach bescheren: "Für die Fischereiindustrie", sagt Rodriguez-Benito, "wäre so etwas sehr hilfreich."



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