Gestorben Gestorben


Johannes Rau, 75. Ein "Genie der Menschlichkeit" nannte ihn sein Parteifreund Erhard Eppler. Als pflichtbewusster, geselliger "Menschenfischer" und glaubensstarker "Bruder Johannes" ist Rau den Bundesbürgern vertraut geworden. Fast 50 Jahre hat der gebürtige Wuppertaler, der so gern in seiner Stammkneipe Skat spielte und Döntjes erzählte, die deutsche Politik mitgestaltet. Er war in Nordrhein-Westfalen Wissenschaftsminister und 20 Jahre ein populärer Ministerpräsident. Und an seinem Lebensabend haben die dankbaren Genossen ihn, den klassischen Kompromisskandidaten, sogar ins höchste Staatsamt gehievt. Als Bundespräsident wirkte Rau zunächst blass und altbacken, mit Reden zur Moral von Wirtschaft, Technik und Politik ("Versöhnen statt spalten") jedoch gewann er Profil und Anerkennung. 83 Prozent der Deutschen hielten in für einen "guten Präsidenten". Nach langer Krankheit starb Johannes Rau am 27. Januar in Berlin.

Johannes Rau: Der gute Mensch aus Wuppertal (Fotostrecke vom 27.01.2006)


Slobodan Milosevic, 64. Der jugoslawische Ex-Präsident gilt als maßgeblicher Anstifter der Kriege in den neunziger Jahren auf dem Balkan. Am 11. März ist er an Herzversagen gestorben - im Gefängnis in Den Haag, wo er sich ab 2002 vor dem Uno-Tribunal verantworten musste. Zehntausende Anhänger nehmen in Belgrad Abschied von dem früheren Staatschef, beim Begräbnis spricht auch der österreichische Schriftsteller Peter Handke - unterdessen bedauern die Opfer von Milosevic dessen Tod vor der erwarteten Verurteilung in Den Haag.


Robert Gernhardt, 68. "Lieber Gott, nimm es hin / dass ich was Besondres bin / Und gib ruhig einmal zu / dass ich klüger bin als du / Preise künftig meinen Namen / denn sonst setzt es etwas. Amen" – so elegant, so komisch und ironisch hat er sich und andere Zeitgenossen gern in Szene gesetzt. Gernhardt war wohl der originellste unter den skurrilen Humoristen der Neuen Frankfurter Schule. Der gebürtige Este, anfangs noch als fleißiger Ulkproduzent abgetan, schrieb und zeichnete ungezählte Satiren und Parodien, Erzählungen, Drehbücher, Essays und Gedichte. Ihm gelang das Kunststück, Leicht- und Tiefsinn in die deutsche Literatur zu zaubern. Noch in seinen letzten, posthum erschienenen Gedichten bewältigte er spielend den Spagat "zwischen listiger Heiterkeit und bitterem Ernst" ("taz"). Der Fußball-Narr Gernhardt hätte die Deutschen gern als Weltmeister gesehen. Das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien hat der Toscana-Liebhaber aber nicht mehr erlebt. Am 30. Juni ist Robert Gernhardt in Frankfurt am Main an Krebs gestorben.


Rudi Carrell, 71. "Witze kann man nur dann aus dem Ärmel schütteln, wenn man sie vorher hineingesteckt hat" – so spricht ein Profi, der nichts dem Zufall überlässt. Der gebürtige Holländer, der sich 1965 dauerhaft und triumphal im deutschen Fernsehen niederließ, war ein begnadeter, unersättlicher Perfektionist mit einem untrüglichen Gespür für Komik und Satire. Die "Rudi-Carrell-Show" war ein ebenso großer Renner wie das "Laufende Band", das er bis 1979 in Gang hielt. Carrell – Entertainer, Kettenraucher, Zyniker, Frauenheld – wusste, was die Deutschen liebten. Er war ein Humorist mit fabelhafter Selbstironie, der sich selbst gelegentlich als "Botschafter des schlechten Geschmacks" und "das größte Arschloch in Deutschland" verspottete. Deutschland jedoch wurde seine künstlerische Heimat: "Ich verdanke diesem wunderbaren Land mein Leben." 2005 verabschiedete er sich mit der Comedy-Reihe "7 Tage – 7 Köpfe" von seinem Publikum. Am 7. Juli ist der letzte große deutsche TV-Showmaster in Bremen an Lungenkrebs gestorben.

Rainer Candidus Barzel, 82. Nur ein einziger wahrhaft historischer und tragischer Moment seines Lebens wird wohl dauerhaft im Gedächtnis bleiben – als 1972 das konstruktive Misstrauensvotum gegen den SPD-Kanzler Willy Brandt an von der Stasi bezahlten Überläufern knapp scheiterte. Ungeachtet dieser Niederlage war und blieb Barzel, gebürtiger Ostpreuße, einer der großen, integren Christdemokraten. Konrad Adenauer hielt ihn für seinen "geborenen Nachfolger". Helmut Schmidt schätzte den Unionsfraktionschef als Freund und Partner in der Großen Koalition von 1966 bis ’69. Selbst der bärbeißige Sozialdemokrat Herbert Wehner attestierte ihm "hervorragende Sachkunde". Den Aufstieg seines Rivalen Helmut Kohl hat Barzel mit Bitterkeit beobachtet, nach der Wende beklagte er die "mangelnde politische und geistige Führung" des Kanzlers. 1987 zog sich der rhetorisch hochbegabte Politiker aus dem Bundestag zurück. Am 26. August ist Rainer Candidus Barzel nach vielen persönlichen Schicksalsschlägen und langer Krankheit in München gestorben.

Rainer Barzel: Integrator und Moderator (Fotostrecke vom 26.08.2006)


Annemarie Wendl, 91. Sie war eine der letzten Kultfiguren in der disparaten deutschen TV-Landschaft, die hochgeschätzte Nestorin der ARD-"Lindenstraße", wo sie als ewig missgelaunte, keifende Hausmeisterin Else Kling "wie ein verspäteter weiblicher Blockwart" ("FAZ") durchs Treppenhaus fegte, die Mieter ausschnüffelte und schikanierte. Wendl, Tochter einer wohlhabenden Münchner Familie, hatte eine stationenreiche Karriere an deutschen Stadttheatern hinter sich und sogar schon kleine Rollen in deutschen Softpornos gespielt ("Dr. Fummel und seine Gespielinnen"), als der filmende Alt-68er Hans W. Geißendörfer ihren maliziösen Charme für die "Lindenstraße" entdeckte. 21 Jahre lang war sie in der TV-Serie das böse Klatschweib, das mit dem Wutschrei "Sodom und Gomerra!" die Hausordnungsverstöße unordentlicher Mieter geißelte. Im Mai dieses Jahres starb Annemarie Wendl in der "Lindenstraße" einen einsamen Fernsehtod. Im wirklich wahren Leben ist die vitale Kratzbürste am 3. September in München gestorben.

Joachim Fest, 79. In Frankreich wäre einer wie er kaum aufgefallen. In Deutschland hingegen blieben Weg und Wirkung des konservativen Publizisten einzigartig: Als Chefredakteur des NDR, dann 20 Jahre lang als Feuilleton-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bewies Fest immer wieder untrüglichen Sinn für Öffentlichkeit. So fertigte er Regie-Experimentierer 1971 im SPIEGEL mit der Schlagzeile "Wozu das Theater?" ab. Grobschlächtig aber wurde er nie. Seine millionenfach verbreitete Biografie "Hitler" (1973) ließ ihn in die vorderste Reihe deutscher Historiker aufrücken; Werke wie die Italien-Impressionen "Im Gegenlicht" (1988) zeigten, dass hinter seiner kühlen Grandezza wache ästhetische Einfühlungsgabe steckte. Den Freund kluger Bohemiens – etwa des genial-anarchischen Zeichners Horst Janssen – fesselte lebenslang die urdeutsche Dualität von Künstler und Bürger, die er bei Thomas Mann vorgeprägt fand, aber auch in Hitlers Architekt Albert Speer erkannte. Am Ende gelang dem Utopie-Skeptiker, der mitunter wie eine historische Figur wirkte, ein Abgang nach Maß: Er starb am 11. September unmittelbar nach Erscheinen seiner Jugend-Memoiren "Ich nicht", die die Resistenz der preußisch-katholischen Familie Fest gegenüber der NS-Ideologie schildern.

Joachim Fest: Gerade richtig (Fotostrecke vom 12.09.2006)


Oriana Fallaci, 76. Politiker, die ein Interview mit ihr riskierten, mussten auf heftige Attacken und Wutausbrüche gefasst sein. 1979, bei Ajatollah Chomeini, riss sie sich den Tschador, diesen "dummen, mittelalterlichen Fetzen", vom Kopf. Henry Kissinger entlockte sie das unfreiwillige Geständnis, der Vietnam-Krieg sei "nutzlos" gewesen. Fallaci, geboren in Florenz, war die furiose, kompromisslose Mutter Courage des internationalen Journalismus. Sie verspürte eine "perverse Faszination" für Kriege, schrieb Reportagen für die Weltpresse über den Volksaufstand in Ungarn, die Kämpfe in Vietnam, Libanon und den Golf-Krieg von 1991. Zeitlebens hat sich Fallaci als "eine Soldatin" gesehen – ihren letzten erbitterten Kampf focht sie gegen terroristisch-expansive Muslime, die "Europa zu einer Kolonie des Islam" machten, in dem Minarette die Kirchen und die Burka den Minirock ersetzten. Doch solche Hasspredigten stießen auch bei Fallaci-Getreuen auf Unverständnis. In Italien galt sie zuletzt als "ignorantissima". Oriana Fallaci starb am 15. September in Florenz an Krebs.


Friedrich Karl Flick, 79. Für die "Pflege der politischen Landschaft" hat er gern Geld ausgegeben: Über 25 Millionen Mark zahlte er an politische Parteien. Große Anteile an Daimler-Benz durfte er 1975 – mit Sondergenehmigung des Wirtschaftsministeriums – nahezu steuerfrei verkaufen, es kursierte das böse Wort von der "gekauften Republik". Wie sein Vater, der großindustrielle NS-Profiteur Friedrich, war "FKF" eine kapitalistische Hassfigur. Freunden gegenüber gab sich der Milliardär überaus großzügig, in den Entschädigungsfonds für NS-Zwangsarbeiter jedoch wollte der Lebemann keinen Pfennig zahlen – obwohl für den Konzern rund 40.000 dieser Sklaven schufteten. Friedrich Karl Flick starb am 5. Oktober in seiner österreichischen Wahlheimat an Krebs.

Friedrich Karl Flick: Rückblick auf den Steuerflüchtling(Fotostrecke vom 06.10.2006)


Heinz Sielmann, 89. Als Schulkind fotografierte er Schnepfen, und als ihm die Eltern zum "wider Erwarten bestandenen" Abitur eine Filmkamera schenkten, drehte er 1938 seinen ersten Tierfilm "Vögel über Haff und Wiesen". Es folgten Spielfilme und Dokumentationen und als Krönung einer einzigartigen Forscherkarriere 250 Folgen seiner weithin gerühmten ARD-"Expeditionen ins Tierreich". Sielmann beobachtete Kreaturen zu Lande, zu Wasser, in der Luft. In Fischotter und Königspinguine war er regelrecht verliebt. Der engagierte Naturschützer war kein Analytiker wie der Kollege Horst Stern. Er vertraute der emotionalen Kraft der Bilder und Sätzen wie "Gänse und Gorillas sind auch nur Menschen". Heinz Sielmann ist am 6. Oktober in München gestorben.

Heinz Sielmann: Ein Herz für Tiere (Fotostrecke vom 08.10.2006)


Markus Wolf, 83. Ein unbeugsamer Kommunist ist er auch nach dem Untergang des bankrotten SED-Staats geblieben. 30 Jahre hat Wolf den DDR-Geheimdienst geleitet, Tausende sozialistische Schlapphüte in den Westen expediert. Der Wolf-Agent Günter Guillaume brachte 1974 den SPD-Kanzler Willy Brandt zu Fall. Der "Mann ohne Gesicht", von dem bis zur SPIEGEL-Veröffentlichung 1979 jahrzehntelang kein Foto existierte, war eine der geheimnisvollsten und schillerndsten Figuren des Kalten Kriegs, geschätzt auch von seinen Spionage-Gegnern in der Bundesrepublik. Der smarte "Mischa", als Sohn des jüdischen Dramatikers Friedrich Wolf im schwäbischen Hechingen geboren, war ein weltläufiger, hochintelligenter Bourgeois, den die DDR mit Orden überhäufte. Nach der Wende fürchtete er eine Verurteilung im Westen wegen Landesverrats und setzte sich nach Moskau ab. Zurück in Berlin, wurde er 1997 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Am 9. November, dem 17. Jahrestag des Mauerfalls, ist Markus Wolf in Berlin gestorben.


Milton Friedman, 94. Anfangs stand er ziemlich allein da mit seiner Meinung: Der Staat solle sich aus der Wirtschaft heraushalten, überhaupt aus dem Leben der Menschen; der Markt, frei und ungezähmt, werde schon alles richten – ein unerhörter Gedanke in der staatsgläubigen Nachkriegswelt. Doch spätestens als der Chicagoer Ökonom 1976 den Nobelpreis erhielt, fanden seine radikalliberalen Ideen weltweite Resonanz – und ihren Niederschlag in der Politik: Die Denkschule des 1912 in New York geborenen Friedman, Sohn jüdischer Einwanderer, erhoben in den achtziger Jahren US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher zum Programm. Und die Zentralbanken führten Friedmans monetaristischen Ansatz aus: Sie bekämpften die Inflation, indem sie die Geldmenge steuerten, mit großem Erfolg. Bis zuletzt äußerte der Wissenschaftler trotz Massenarmut gerade in liberalen Volkswirtschaften keinerlei Zweifel an der reinen Lehre. Wäre es nach ihm gegangen, hätten neben dem Wehrdienst auch die staatlichen Schulen abgeschafft und Drogen legalisiert gehört. Milton Friedman starb am 16. November in San Francisco.

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