WM-Patriotismus Ein glückliches Volk

Deutschland, ein Sommermärchen – die Fußball-WM wird zur nationalen Love Parade.

Von Jürgen Leinemann


Es beginnt mit einem Sonntagsschuss am 9. Juni. Als der junge Münchner Philipp Lahm in der 6. Minute des Eröffnungsspiels der Fußball-Weltmeisterschaft einen Ball mit Schmackes ins rechte Toreck von Costa Rica zirkelt, stirbt der hässliche Deutsche. Millionen Bundesbürger - keineswegs nur Fußballfans - erfasst auf wundersame Weise ein Gefühl persönlicher Teilhabe an etwas Gemeinsamem, für das sich fast schamhaft das Wort Patriotismus durchsetzt.

WM-Party auf dem Hamburger Heiligengeistfeld
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WM-Party auf dem Hamburger Heiligengeistfeld

Die Verantwortlichen hatten dem Spektakel des Weltturniers eher mit Bangen als mit Hoffen entgegengesehen. "Wenn wir Glück haben", sinnierte Innenminister Wolfgang Schäuble vor Beginn des Turniers, "entsteht wieder jene sommerliche Leichtigkeit wie 1995 bei der Verhüllung des Reichstages durch Christo. Und im Idealfall merken wir dann am Ende sogar selbst, was für ein tolles Land wir sind." So wird es - eine wochenlange nationale Love Parade, ein Deutschland-Karneval, ein schwarzrotgoldenes Sommermärchen. Und das Schönste ist - den Gästen aus aller Welt gefällt es auch, sogar den Niederländern. Schon immer brauchten die Deutschen - verunsichert und misstrauisch gegen sich selbst, wie sie im Verlauf ihrer wechselvollen Geschichte geworden sind - Zuspruch von außen, um an sich zu glauben.

Im strahlenden Sommer 2006, dem 61. Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs und dem 17. Jahr nach dem Fall der Mauer, kommt dieser Lobpreis üppig. Die Welt staunt über gutgelaunte, weltoffene Gastgeber, die sogar mit sich selbst im Reinen scheinen. "Wirklich", sagt Uno-Generalsekretär Kofi Annan, "hier sieht man ein vereinigtes und glückliches deutsches Volk."

Tatsächlich haben die Deutschen noch nie seit 1945 so begeistert und selbstverständlich ihre Nationalfahnen geschwenkt. Ob denn die Zeit der Sorge über den deutschen Patriotismus vorbei sei, fragt ängstlich ein Berliner Fernsehreporter den Uno-Chef. Der nickt: "Niemand sieht den Geist im heutigen Berlin oder der Deutschen auch nur im Entferntesten verbunden mit der zurückliegenden Geschichte. Ich denke, das ist vorbei." Ist das so? Sollte eine verquälte Nation auf der Suche nach sich selbst endlich zur Ruhe gekommen sein? Natürlich ist viel bierseliger Heimat-Firlefanz dabei und kitschiger Schnickschnack mit nationalem Anstrich - schwarzrotgoldene Perücken, Deutschlandfahnen an Kinderwagen, patriotische Blütenketten aus Plastik. Natürlich ist das Wetter traumhaft und die deutsche Mannschaft erfolgreich. Und natürlich ist die Fußball-Weltmeisterschaft zunächst einmal ein gigantisches, industriell und medial gesteuertes Event, jahrelang sorgsam geplant und vermarktet, weltweit durch Werbekampagnen angeheizt.

Dass dann aber diese inszenierte Kunstwelt beschwingende Wirklichkeit wird, liegt - wie es Bundestrainer Jürgen Klinsmann ausdrückt - vor allem am "phantastischen Publikum, den Fans in den Stadien und Städten, die Party machen". Sie schwenken Fahnen und singen das Deutschlandlied, sie schunkeln und brüllen: "Sieg". Und doch haben sie in ihrer überwältigenden Mehrheit nichts mit jenen pöbelnden, grölenden, besoffenen Horden zu tun, die nach Bundesligaspielen in den Bahnhofshallen randalieren.

Der deutsche Fan 2006 unterscheidet sich nur durch seine Farbfolklore von den Fußballfreunden aus Argentinien, Schweden und der Ukraine. Er kann sogar anderen den Titel gönnen, wenn auch - aus vielerlei Gründen - den Italienern am schwersten. Champion muss er nicht mehr werden, um dem Rest der Welt zu zeigen, dass wir wieder wer sind. Er überrascht durch gute Laune, unüberhebliche Selbstsicherheit und so etwas wie Mitverantwortung für das Gelingen des Unternehmens WM. Und ganz so, als hätte es die monatelangen Diskussionen um "Parallelgesellschaften" nie gegeben, wedeln auf der Berliner Fan-Meile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule Araber und Türken aus Kreuzberg und Neukölln nach Toren des aus Polen stammenden Deutschen Lukas Podolski mit schwarzrotgoldenen Fahnen. In der globalisierten Welt sind kollektive Identitäten wählbarer als früher, auch flexibler und variabler.

Doch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit bleibt elementar. Bei einem sozialen Großereignis wie der Fußball-WM ist dieses Bedürfnis besonders intensiv. Den Soziologen Karl Otto Hondrich beschleicht gar "eine Ahnung von einer Weltgefühlsgemeinschaft", deren emotionale Übereinstimmung nicht dadurch gestört wird, dass das Kollektiv der Fans in nationale Rivalitäten zerfällt. Im Gegenteil: Die Begeisterung der Deutschen über ihre Mannschaft habe sich, argumentiert er, auf das "soziale Totalphänomen" WM übertragen. Sosehr aber die Welt auch staunen mag über diese unverkrampften Gastgeber - der neue deutsche Patriotismus ist weder während der WM entstanden, noch hat er in diesen Sommerwochen seine endgültige Form gefunden. Er ist wohl - wie Jörg Lau im "Merkur" schreibt - in der Tat "eine Art Suchbewegung, keine festgefügte Ideologie".

  • 1. Teil: Ein glückliches Volk
  • 2. Teil


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