Selbstzensur Anatomie einer Empörung

Die Deutsche Oper Berlin setzt im September die Mozart-Oper "Idomeneo" ab – aus Angst vor islamistischem Terror.

Von Joachim Kronsbein


In der deutschen Theatergeschichte hat wohl noch nie eine einzelne Pressemitteilung eine solche Bombenwirkung gehabt. Die Deutsche Oper in Berlin teilt mit, dass sie die für November geplante Wiederaufnahme von Mozarts "Idomeneo", inszeniert von Hans Neuenfels, nicht realisieren werde. Stattdessen gibt es "La Traviata" und "Figaros Hochzeit". Auch schön.

"Idomeneo"-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin (2003)
DPA

"Idomeneo"-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin (2003)

Doch das ist nicht alles. Nach und nach kommt die Wahrheit ans Licht. Eine anonyme Anruferin hatte die Bundespolizei darauf aufmerksam gemacht, dass die Deutsche Oper "Idomeneo" wieder spielen wolle. Das sei doch die Inszenierung, an deren Ende der abgeschlagene, blutverschmierte Kopf des Propheten Mohammed gezeigt werde. Könnten sich da nicht Islamisten provoziert fühlen?

Müsse man nicht mit Anschlägen rechnen? Die Sicherheitsbehörden kennen die Inszenierung nicht. Sie erstellen eine Gefährdungsanalyse. Grundsätzlich sei das Zeigen des abgeschlagenen Kopfes von Mohammed schon eine Provokation für gläubige Muslime. Anzeichen für Anschläge auf die Oper lägen zwar konkret nicht vor, aber ausschließen könne man die natürlich nicht.

Die tiefschürfende Analyse landet beim Berliner Innensenator Ehrhart Körting. Er ist verantwortlich für die Sicherheit in der Stadt. In Berlin leben viele Muslime. Der Herr Senator ruft die Frau Intendantin an. Kirsten Harms ist im Urlaub. Der Senator warnt. Er gibt zu bedenken. Er schürt Sorgen. Er sei, sagt er, ja ein Opernfreund und wolle nicht, dass das Haus an der Bismarckstraße einmal in Trümmern liege. Frau Harms hat nun auch Sorgen. Islamisten haben sich bis jetzt nicht gemeldet, aber immerhin der Innensenator.

Das reicht. Frau Harms redet mit dem Regisseur. Kann man den Schluss mit dem abgeschlagenen Kopf von Mohammed ändern? Kann man nicht, sagen beide. Ganz oder gar nicht. Dann gar nicht, meint die Intendantin und setzt die Wiederaufnahme ab. Sie sagt aber dem Publikum zuerst nicht, warum. Dann kommt natürlich alles doch noch raus. Das Theater fleht die Journalisten an: Bitte nicht schreiben, warum wir die Oper absetzen. Das gefährdet uns alle. Es hält sich niemand an die Bitte. Alle schreiben es. So viel, so oft, so prominent ist in den letzten Jahrzehnten noch nie über die Deutsche Oper in einem so kurzen Zeitraum berichtet worden.

Die Welle der Vorwürfe steigt auf das vorhersehbare Skandalniveau. Die Vorwürfe sind ebenfalls vorhersehbar: vorauseilender Gehorsam, Feigheit, unerträglich, unerhört, die Freiheit der Kunst steht auf dem Spiel. Die Republik empört sich. Die Politik macht mit. Die Kanzlerin, der Innenminister, die Opposition. Die ganz große Koalition des Abscheus. Eine Ausnahmesituation tritt ein: Alle sind sich einig. Das gibt es sonst nie. Fürsorge habe sie walten lassen, das Leben von Mitarbeitern und Besuchern habe sie schützen wollen, was hätte man wohl gesagt, wenn man die Inszenierung tatsächlich gespielt hätte, wenn wirklich eine Bombe gezündet worden wäre, sagt Kirsten Harms. Sie ist keine Kämpferin.

Herr Körting sagt, er habe seine Warnung eigentlich ironisch gemeint. Ein Islamist hat sich immer noch nicht gemeldet. Auch nicht vor drei Jahren, als die Inszenierung Premiere hatte. Es ist auch nicht nur Mohammeds Kopf, der da rollte, auch Buddha, Poseidon und Jesus werden geköpft. Christen und Buddhisten haben auch nicht protestiert. Poseidon hat keine Anhänger mehr. Innenminister Schäuble bittet beinahe zeitgleich zum Skandal zur ersten Islamkonferenz. Man ist sich einig: Am besten gehen wir nun alle in den "Idomeneo". Als Zeichen der Toleranz. Das geht aber nicht. Das Stück ist ja abgesetzt.

Die Hysterie verschwindet nur langsam vom Spielplan. Lange überlegt die Intendantin, ob sie "Idomeneo" wieder zeigen kann. Am 18. Dezember soll er wiederkommen. Die Einladung von Minister Schäuble hat der Deutsche Islamrat abgelehnt. Man müsse nicht jeder "Geschmacklosigkeit" beiwohnen.



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