Kartoffelkrieg mit Polen Die "taz" legt nach

Die "taz" holt erneut die Kartoffeln aus dem Keller. Einen Tag vor dem Treffen des Weimarer Dreiecks zwischen Merkel, Chirac und Kaczynski greift die Zeitung auf ihre Satire vom Juni zurück. Damals zog sie den polnischen Präsidenten Lech Kaczynski als "Polens neue Kartoffel" durch den Kakao.

Von Alexander Schwabe



(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 04.12.2006)

Hamburg - "Sie sind für uns keine Hassobjekte", sagt Reiner Metzger, stellvertretender Chefredakteur der "tageszeitung" ("taz"), sie seien eher "Beobachtungsobjekte". Die Objekte, um die es geht, sind die Gebrüder Kaczynski. Lech, der eine, polnischer Staatspräsident, Jaroslaw, der andere, inzwischen polnischer Ministerpräsident. Präsentation der Beobachtungsobjekte auf der Titelseite der heutigen Ausgabe: ein Memory-Spiel. Zu sehen: zwei aufgedeckte Kartenpaare, zwei Mal Lech Kaczynski und zwei Mal eine Kartoffel. Darüber die Preisfrage: "Wer von euch kommt denn jetzt schon wieder?" Der Anlass: Ein Treffen des so genannten Weimarer Dreiecks mit Kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatschef Jacques Chirac und Polens Präsident Lech Kaczynski morgen im saarländischen Mettlach.

Titelseite der "taz": Erinnern Sie sich?

Titelseite der "taz": Erinnern Sie sich?

Im Juni hatte "taz"-Autor Peter Köhler eine Satire geschrieben, "Polens neue Kartoffel - Schurken, die die Welt beherrschen wollen. Heute: Lech 'Katsche' Kaczynski". Darin wurde Kaczynskis "schwarzes Weltbild" auf die Schippe genommen: In der Außenpolitik, so der Tenor, gehe der Präsident auf Konfrontation (Stichwort: deutsch-russische Ostseepipeline, Zentrum gegen Vertreibungen, Preußische Treuhand), dabei habe er oft genug "ausposaunt", "er kenne von Deutschland nicht mehr als den Spucknapf in der Herrentoilette des Frankfurter Flughafens".

Weitere Spitzen im Text stießen dem Polen sauer auf: Der Mond sei ihm näher als Deutschland und Russland; er und sein Bruder Jaroslaw seien zwei, die bewiesen hätten, dass sie "vorn wie hinten sauber" seien: "Lech, der öffentlich Hinterteile an Warschaus Männern mehrmals verbot, mehr noch Jaroslaw, der mit der eigenen Mutter zusammenlebt - aber wenigstens ohne Trauschein."

In Polen schlug die Satire hohe Wellen. Der Fraktionsvorsitzende der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Przemyslaw Gosiewski, kündigte an, zu "Mitteln des internationalen Strafrechts" zu greifen. Präsidialkanzlei und Außenministerium verglichen die "taz" offen mit dem "Stürmer". Und Jaroslaw Kaczynski forderte in der Wochenzeitung "Wprost" Schritte der Bundesregierung gegen die "tageszeitung". Die Beleidigung eines Staatsoberhaupts sei ein Verbrechen und müsse Konsequenzen haben.

In der Tat beschritt die polnische Regierung den Rechtsweg. Nach Auskunft Reiner Metzgers laufen noch Ermittlungen gegen Autor Köhler und die "taz"-Chefredaktion. Die polnische Seite habe bei der deutschen Regierung um Amtshilfe ersucht. Inzwischen tue sich in der Sache jedoch nichts mehr.

Doch die "taz" will keineswegs Gras über die Sache wachsen lassen. "Wir mussten noch mal sticheln, wir konnten uns nicht zurückhalten", sagt Metzger. Inhaltlich habe sich schließlich nichts geändert, die Außenpolitik der Kaczynskis sei nach wie vor "nationalistisch". Schwierig sei darüber hinaus die Situation polnischer Journalisten, die von den Kaczynskis gemaßregelt würden. Etliche hätten sich nach der Sommersatire bei der "taz" bedankt. Sie selbst trauten sich nicht mehr, Polemiken zu schreiben, weil sie mit Nachteilen bei der Berufsausübung rechnen müssten.

Der "taz"-Nummer war im Sommer in Polen so viel Bedeutung zugemessen worden, dass spekuliert wurde, Lech Kaczynski habe das im Juli in Weimar angesetzte Treffen des Weimarer Dreiecks platzen lassen, weil ihm der Artikel auf den Magen geschlagen sei, während er sich im Ostseebad Jurata aufhielt. Pressesprecher Maciej Lopinski ließ wissen: "So viel ich weiß, geht es um eine Störung des Verdauungstrakts."

Nun wird das Treffen, das seit 15 Jahren zur Verständigung und Abstimmung der Politik Frankreichs, Polens und Deutschlands beitragen soll, nachgeholt. Sehr harmonisch dürfte es nicht werden. Warschaus Misstrauen gegen die geplante deutsch-russische Ostsee-Gaspipeline besteht weiter. Und inzwischen ist auch das polnische Veto gegen die Verhandlungen der EU über ein neues Abkommen mit Russland zum Zankapfel geworden. Die polnische Regierung hatte am 23. November - unmittelbar vor Beginn des EU-Russland-Gipfels in Helsinki und gegen den Willen der 24 anderen EU-Staaten - die Aufnahme der Verhandlungen verhindert und damit einen Eklat verursacht. Ihr Veto begründeten die Polen mit Russlands Embargo gegen landwirtschaftliche Produkte aus Polen.



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