Atombomben-Test Kim Jong Il schockiert die Welt

Der exklusive Kreis der Atommächte hat ein neues Mitglied: das abgeschottete Nordkorea. Kim Jong Il will durch den Bomben-Test Stärke demonstrieren. Die USA und China stehen vor den Trümmern ihrer Strategie, das Regime international einzubinden.

Von , Peking



(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 09.10.2006)

Peking - In einem Stollen hat Nordkoreas Armee heute Morgen einen nuklearen Sprengsatz getestet, der die Stärke von 550 Tonnen des Sprengstoffs TNT hatte. Durch die Atombombe im Waffenarsenal hat Nordkorea nun das entscheidende Machtmittel in der Hand - da sind sich der nordkoreanische Herrscher Kim Jong Il und seine Generäle sicher. Die Logik des Regimes in Pjöngjang: Nur durch die Bombe kann sich das Land der Amerikaner erwehren. Denn die USA haben noch nie in der Geschichte eine Nuklearmacht angegriffen.

Satellitenbild des mutmaßlichen Testgeländes in der Provinz Hamgyong
AFP/ GEOEYE

Satellitenbild des mutmaßlichen Testgeländes in der Provinz Hamgyong

Durch diese Demonstration der Stärke will Kims Regime die Amerikaner an den Verhandlungstisch zwingen. Ziel ist ein Friedensvertrag und als nächster Schritt der Abzug der US-Truppen von der koreanischen Halbinsel, verbunden mit großzügigen Wirtschaftshilfen für das hungrige Land.

China, Nordkoreas engster Verbündeter, scheint vorab vom Zeitpunkt der Explosion gewusst zu haben. In der chinesischen Hauptstadt tagen derzeit über 350 Mitglieder des KP-Zentralkomitees, die wichtige Weichen für den nächsten KP-Parteitag stellen sollen.

Kurz nach der besorgniserregenden Meldung aus Nordkorea kam die Antwort aus Peking. In ungewöhnlich harscher Sprache protestierte China gegen den "schändlichen" Test. Nordkorea habe die Opposition der internationalen Gemeinschaft gegen die nukleare Erprobung missachtet. Peking warnte die Nachbarn vor "Aktivitäten, die die Situation verschlechtern könnten".

Dass das paranoide, quasi-religiös wirkende Regime in Pjöngjang jetzt die Bombe besitzt, ist auch für China höchst beunruhigend. Ein atomar hochgerüstetes Nordkorea erschüttert das Kräfteverhältnis in Ostasien und hat Folgen weit darüber hinaus.

China ist nun eingekreist zwischen Atommächten im Westen (Indien und Pakistan) sowie im Osten (Nordkorea). Jetzt ist zu erwarten, dass auch in Japan der Ruf nach der Atombombe lauter wird. Tatsächlich kündigte der neue japanische Ministerpräsident Shinzo Abe heute schon eine Aufrüstung seines Landes in Zusammenarbeit mit den USA an.

Längst ist das Verhältnis zwischen den Genossen in Peking und Pjöngjang abgekühlt, die sich in einem Vertrag von 1961 ewige Treue geschworen hatten. Kim provozierte die Chinesen zuletzt, als er im vorigen Herbst begann, die von Peking organisierten Sechsergespräche zu boykottieren, an denen China, Nord- und Südkorea, die USA, Russland und Japan teilnehmen.

Zwar hat China Kim aufgefordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Jetzt aber ist es höchst fraglich geworden, ob die Sechsergespräche, die Nordkoreas Führung eigentlich von einem Atomprogramm abbringen sollten, überhaupt noch einen Sinn haben. Das nordkoreanische Militär dürfte sich die Atombombe kaum wieder aus seinem Waffenarsenal herausverhandeln lassen.

Allerdings: Eine Atombombe zu testen ist etwas anderes, als sie auf einer Rakete über den Ozean zu schießen. Dazu scheinen die Nordkoreaner technisch noch lange nicht fähig.

China hat das Gesicht verloren, die USA sind gescheitert

Gleichwohl haben die Chinesen politisch das Gesicht verloren. Ihr Versuch, den Bruder im Geiste Kim mit Diplomatie, Geld und guten Worten von seinen Atomgelüsten abzubringen, ist dramatisch gescheitert.

Auch die Amerikaner stehen vor den Trümmern ihrer Strategie. Sie haben bisher direkte Gespräche mit Kim verweigert, weil sie ihm nicht trauten. Durch die Sechsergesprächen wollten sie ihn international einbinden - vergebens. Nun sind martialische Töne aus Washington zu hören. "Wir werden nicht mit einem nuklearen Nordkorea leben", sagte jüngst US-Chefunterhändler Christopher Hill. "Wir werden es nicht akzeptieren."

Fragt sich nur, welchen Trumpf der Amerikaner noch im Ärmel hat, um Pjöngjang zur Vernunft zu bringen. Hätte Washington mit Kims Leuten direkt geredet und ihm damit die sehnlich erwünschte internationale Anerkennung verliehen, wäre die atomare Aufrüstung womöglich zu verhindern gewesen.

Die internationale Gemeinschaft dürfte nun mit Sanktionen auf Nordkoreas Provokation reagieren. Dass das hilft, ist unwahrscheinlich: China wird sich den Sanktionen nur für eine Weile anschließen, wenn überhaupt, und dann Nordkorea weiter unterstützen.

Peking ist nicht an einem Zusammenbruch von Kims Regime interessiert. Schon gar nicht, wenn es auf der Bombe sitzt.



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