DDR-Postkarten "Lieber Manfred, wir haben nur wenig zu klagen..."

DDR-Bürger durften nicht reisen? Von wegen. Was dem Wessi Italien und Spanien waren, fand der Ossi in Bulgarien und Rumänien: Sonne, Strand und Schnäppchenpreise. Davon zeugen jetzt aufgetauchte Postkarten von DDR-Touristen. SPIEGEL ONLINE zeigt Kostproben.
Von Florian Harms


(Aus dem SPIEGEL-ONLINE-Archiv: Artikel vom 02.02.2007)

Hamburg - Der Eiserne Vorhang war für die meisten Bürger der Deutschen Demokratischen Republik das Ende der real erlebbaren Welt. Aber er hatte ja zwei Seiten, der Vorhang. Jenseits der Grenze lag der Westen, je nach Blickwinkel Klassenfeind oder Sehnsuchtsort. Diesseits des Vorhangs jedoch war keinesfalls alles Grau. Auch im real existierenden Sozialismus gab es Reisefieber und touristisches Vergnügen. Was den Westdeutschen Italien und Spanien waren, das fanden Ostdeutsche in Bulgarien und Rumänien: Urlaubsorte, an denen die Sonne schien, die Menschen freundlich waren und die Verpflegung günstig.

Und an denen sich viele, viele Postkarten schreiben ließen für die Daheimgebliebenen.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks hat sich auch die touristische Infrastruktur in Bulgarien und Rumänien stark verändert - doch es gibt sie noch, die Zeugen von damals.

Und Georg Keim hat sie aufgestöbert. Dutzende von Postkarten hat der 43-jährige Werbetexter aus Frankfurt, selbst ein Wessi, auf Flohmärkten und Sammlermessen entdeckt. Geschrieben haben sie DDR-Urlauber in den siebziger und achtziger Jahren. Unter dem Titel "'Hoffentlich hält sich die Bräune', Urlaubsgrüße von DDR-Touristen aus Bulgarien" präsentiert Keim seinen Schatz aus Pappe ab Sonntag in Frankfurt/Main. Tatsächlich ist diese Ausstellung viel mehr als nur ein skurriles Sammelsurium für DDR-Nostalgiker: ein kleines, aber treffendes Zeugnis der deutschen Geschichte - banal und berührend, witzig und wundersam zugleich.

"Es geht mir nicht um einen Vorführeffekt, um zu zeigen: So blöd waren die DDR-Bürger", sagt Keim. "Die Motive und Texte sind einfach spannend für alle Menschen mit Interesse an der Geschichte. Vielen Westdeutschen war ja gar nicht klar, dass man auch in der DDR reisen durfte."

Und dass man von diesen Reisen erfrischend offenherzig berichten konnte. SPIEGEL ONLINE dokumentiert vorab eine Auswahl von Keims Karten.

1. Karte: "Gestern ein junger Mann aus der DDR ertrunken"

Postkarte vom 16.6.1969

Liebe Frau Schumann! Vom schwarzen Meer die allerherzlichsten Grüße. Es ist sehr schön. Schönes sonniges Wetter und eine herrliche Brandung. Baden täglich. Hier sehr viele West-Deutsche mit kleinen Kindern. Auch sehr viele Russen. Gestern ein junger Mann aus der DDR ertrunken. Wir hoffen, es geht Ihnen gut. Am 27sten Freitags wollte ich vormittags vorbeikommen u. sehr bitten, mir das türkis. Kleid (für die zweite Fahrt möchte ich es gerne kürzer haben) zu kürzen.
Alles, alles Liebe und Gute von meinem Mann...
Käthe R.

2. Karte: "10 Pfund Pfirsiche kosten genauso viel wie 2 Flaschen Bier"

Postkarte vom 10.8.1975

Viele Urlaubsgrüße vom Schwarzen Meer senden Tanja u. Familie. Man kann es mit Worten kaum beschreiben, wie schön es hier ist. 35-40 Grad im Schatten, wir sind nur im Wasser. 10 Pfund Pfirsiche kosten genauso viel wie 2 Fl. Berliner (Bier, Anm. d. Red.). Also leben wir fast nur von Obst. Rund um uns zelten nur Ausländer.

3. Karte: "Alles war mit der Harke auf den Feldern"

Postkarte vom 2.6.1986

Schwarzes Meer
Liebe Mutti, wir hatten eine Reise voller schöner Eindrücke bei bestem Wetter. Ich muss jetzt gedanklich erstmal sortieren. Rumänien ist ein wunderschönes Land mit schwer arbeitender Landbevölkerung. Keine Technik. Alles war mit der Harke bei glühender Hitze auf den Feldern. In Ungarn und Bulgarien nicht. Liebe Grüße L + H

4. Karte: "Lieber Manfred, wir haben nur wenig zu klagen ..."

Postkarte vom 17.8.1987

Lieber Manfred!
Direkt vom Strand in Slantchew Briag schreiben wir Dir nun unsere Flitterwochengrüße. Wir sind hier in Pomorie gut gelandet, das Quartier ist auch gut. Wir haben nur wenig zu klagen. Wie eben DDR-Touristen behandelt werden. Bis bald, es grüßen Dich ganz herzlich
Birgit und Stephan

5. Karte: Ledig bin ich auch noch"

Postkarte vom 11.8.1975

Lieber Herr Thiele!
Viele Grüße aus Bulgarien sendet Ihnen Conni. Ich habe ja schon lange nichts mehr von mir hören lassen. Ab 1. 9. 1976 beginne ich eine Lehre als Porzellanmalerin in Lichte (Thür.). 1 Jahr hatte ich techn. Glasverarbeitung in Ilmenau studiert. Das hat mir aber nicht gefallen. Sonst geht es mir gut und ledig bin ich auch noch. Ich hoffe, Sie sind auch noch gut in Form.
Alles Gute von Conni

Letzte Karte: "FKK existiert auch noch"

Postkarte vom 8.8.1978

Liebe Eltern!
Sind wieder in Losenez gelandet, jetzt mehr als doppelt so teuer (1,35 pro Pers., 1,20 Auto + 1,20 Zelt) u. übervoll. Das Kreuz vorn auf d. Karte ist "Korall", Euer damaliger Zeltplatz, Preis etwa 1,60 Lewa. Sonst alles beim alten, Wasser, Luft u. Sonne herrlich, FKK existiert auch noch. Waren fast eine Woche in Rumänien, wir wollten nicht weiterfahren, weil es so schön war. Haben sehr nette Bekanntschaften gemacht, Siebenbürgen aus Hermannstadt. Fahren auf d. Rückweg hin u. bleiben eine Weile. Viele Grüße!
Karola u. Thomas

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