Brand im Atomkraftwerk Krümmel Willkommener Störfall

Ein Brand im Atomkraftwerk Krümmel hält wochenlang die Republik in Atem. Dem Betreiber Vattenfall gelingt es nicht, die Sorgen zu zerstreuen – zur Freude mancher Politiker.

Das Erste, was die Männer auf der Leitwarte des Kernkraftwerks Krümmel hören, ist das Schrillen einer Alarmglocke. Sekunden später kommt ein zweiter Alarm dazu, ein anhaltender, dumpfer Basston. Auf den Anzeigetafeln in der Warte blinken Hunderte kleine Leuchten auf. Die Kraftwerksfahrer sind alarmiert.

Es ist Donnerstag, der 28. Juni, kurz nach 15 Uhr. In einem der beiden riesigen Transformatoren, die das Atomkraftwerk (AKW) Krümmel nahe Hamburg mit dem 380.000-Volt-Stromnetz verbinden, ist nach einem Kurzschluss ein Feuer ausgebrochen. In der Folge geht auch der zweite Transformator vom Netz. Die Abtrennung löst um genau 15.02 Uhr automatisch eine Reaktorschnellabschaltung aus. Über dem Kraftwerk steht dichter schwarzer Rauch.

Der Brand in dem Transformator außerhalb des Reaktorgebäudes ist nach sieben Stunden gelöscht. Radioaktivität sei nicht ausgetreten, teilt die Betreiberfirma Vattenfall erleichtert mit. Es bestehe keine Gefahr für die Bevölkerung.

Doch die Manager des schwedischen Energieriesen geben sich zu früh mit ihrem vermeintlich erfolgreichen Krisenmanagement zufrieden. Der Störfall in Krümmel wird in die Geschichte der deutschen Atomkraft eingehen – als Kommunikations-GAU für Vattenfall und für die gesamte Atomindustrie.

Eigentlich hoffen die Konzernbosse gerade auf einen Image-Wandel. Sie wollen die schon totgeglaubte Atomkraft als nahezu CO2-emissionsfreien Klimaretter reanimieren; manch einer träumt bereits davon, mit Hilfe von Union und FDP den rot-grünen Atomausstiegsbeschluss wieder rückgängig machen zu können.

Mit den Rauchwolken über Krümmel lösen sich diese Hoffnungen in Luft auf. Die Bilder vom brennenden Kraftwerk machen auf die Öffentlichkeit einen starken Eindruck. Zumal nur wenige Stunden vor dem Zwischenfall, offenbar zufällig, auch das AKW Brunsbüttel wegen eines Kurzschlusses im Stromnetz automatisch abgeschaltet werden musste.

Der Störfall in Krümmel beschäftigt die Nation drei Wochen lang. Die Staatsanwaltschaft in Lübeck befasst sich mit den Vorgängen, die Landesregierung Schleswig-Holsteins, zwei Landtagsausschüsse des Kieler Parlaments und der Deutsche Bundestag. Am Ende schaltet sich sogar die Kanzlerin ein.

Im Laufe der drei Wochen kommen immer neue Details ans Licht, die die Zuverlässigkeit der Betreiberfirma in Frage stellen. Was anfangs nach einem normalen Betriebsunfall aussah, wirkt immer mehr wie eine Beinahekatastrophe.

Bei der Schnellabschaltung sei der Kühlwasserstand zwischenzeitlich bedrohlich abgesunken, berichten die Zeitungen. Gleichzeitig habe es wegen einer Kommunikationspanne auf der Warte einen Druckabfall im Reaktor gegeben. Brandgase seien in die Warte eingedrungen. Ein Reaktorfahrer habe eine Atemmaske aufsetzen müssen. "Brand in Krümmel offenbar verharmlost", meldet die "Süddeutsche Zeitung". Die Umweltschützer von Greenpeace schlagen Alarm: "Ein solcher Vorfall kann der erste Schritt zu einer Kernschmelze sein."

Für Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ist der Störfall der offenbar willkommene Beweis, dass Atomkraft eine "Risikotechnologie" sei, die so schnell wie möglich abgeschafft gehöre. Er schlachtet den Vorfall ungeniert aus, um gegen die Atomkraft Stimmung zu machen. Kaum zufällig entpuppt sich vieles, was von zuständigen Politikern wie Gabriel und den Aufsichtsbehörden in den Wochen nach dem Vorfall behauptet wird, im Nachhinein als Übertreibung.

Wenig Beachtung findet hingegen die Tatsache, dass schon eine Woche nach dem Brand der zuständige Experte des TÜV zur Einschätzung kommt, dass die Sicherheitssysteme bestimmungsgemäß funktioniert haben. Alle sogenannten Abweichungen vom Normalbetrieb – der Ausfall der Trafos, das Abschalten einer Speisewasserpumpe, das Öffnen von zwei Entlastungsventilen durch die diensthabende Schicht – seien Fehler, die die Sicherheit der Anlage nicht gefährdet hätten. "Der Brand des Trafos selber hat keine direkten Auswirkungen auf das Reaktorgebäude und den Reaktor gehabt", so der TÜV-Experte.

Wie ein Störfall zu bewerten ist, dafür gibt es genaue Richtlinien. Weltweiter Standard ist heute die von der Atomenergiebehörde IAEA in Wien aufgestellte "International Nuclear Event Scale" (Ines). Sie erfasst Pannen in sieben Kategorien, von "1 Störung", über "2 Störfall", bis "7 Katastrophaler Unfall". In Deutschland ist für die Einstufung die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln zuständig. Dort bewertet man die Ereignisse in Krümmel in Abstimmung mit dem Bundesumweltministerium – und zwar nicht als Störung, geschweige denn als Störfall. Der Vorfall gilt als "Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung". Das ist auf der Ines-Skala Stufe 0.

Die Aussage ist eindeutig, aber niemand nimmt sie zur Kenntnis. Vielleicht will auch niemand sie hören. Die für die Atomaufsicht in Schleswig-Holstein zuständige Kieler Gesundheitsministerin Gitta Trauernicht (SPD) erweckt den Eindruck, sie sei von den Kraftwerksbetreibern nur unzureichend und scheibchenweise über den Zwischenfall informiert worden. Dabei hatte Vattenfall ihrem Ministerium bereits zwei Tage nach dem Brand in einem Fachgespräch eine genaue Auflistung aller wichtigen Abläufe und "Abweichungen" geliefert. Das Bundesumweltministerium lässt sich die Powerpoint-Präsentation aus Kiel zuschicken. In Berlin bekommt Ministerialdirigent Dieter Majer die Präsentation in die Hände. Ihm genügt ein Blick auf das Wort "Abweichungen", um elektrisiert zu sein. Umweltminister Gabriel telefoniert mit der Parteifreundin Trauernicht; man versichert sich, dass man auf einer Linie ist.

So nutzen die beiden SPD-Minister die Informationen über die sicherheitstechnisch wenig bedeutsamen Abweichungen zur Attacke gegen die gesamte Atomwirtschaft. Gabriel nennt Krümmel einen "Gefährdungsreaktor" und spottet: "Die deutschen Atomkraftwerke sind weltweit die sichersten, nur gelegentlich knallt’s und brennt’s." Sein Parlamentarischer Staatssekretär Michael Müller rückt Krümmel sogar in die Nähe der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: "In keinem Szenario war offenkundig dieser Vorfall vorgesehen. Das zeigt, dass eben nicht nur in der Dritten Welt oder in Osteuropa solche Unfälle passieren können, sondern auch in einem hochentwickelten Land."

Betreiber Vattenfall ist ein leichter Gegner. Das Informieren der Öffentlichkeit hat man dort Technikern überlassen. Sie haben vielfach Mühe zu verstehen, wie beängstigend es auf viele Menschen wirkt, wenn ausgerechnet in einem AKW ein Feuer ausbricht. Es dauert fast eine Woche, bis die zuständigen Vattenfall-Manager Bruno Thomauske und Klaus Rauscher entscheiden, auf einer Pressekonferenz ausführlich zu allen Abläufen nach dem Brand Stellung zu nehmen.

Zum Verhängnis wird Rauscher und Thomauske der 13. Juli. An diesem Tag fahren gegen elf Uhr zehn Beamte der Kriminalpolizei Geesthacht in Krümmel vor, sie haben einen Durchsuchungsbeschluss dabei. Die Polizei ermittelt im Auftrag der Staatsanwaltschaft Lübeck wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung. Es ist eine der seltsamsten Durchsuchungsaktionen der deutschen Rechtsgeschichte. Sie ist in jeder Hinsicht unverhältnismäßig. Weder gibt es eine Strafanzeige noch einen wirklich Verletzten. Es gibt eigentlich nur einen vagen Hinweis der Berliner "Tageszeitung". Dort hat ein Redakteur von einem Bekannten gehört, dass es bei dem Brand zwei Tote gegeben habe.

Als die Nachricht von der Durchsuchung über die Medien geht, ist dem Vattenfall-Vorstand klar, dass nichts mehr zu retten ist. Der Image-Schaden für das Unternehmen ist katastrophal. Thomauske und Rauscher müssen als Verantwortliche gehen. Der schwedische Konzernchef Lars Göran Josefsson entschuldigt sich für "Fehler" des Unternehmens und rügt im SPIEGEL-Gespräch die "Bunkermentalität", die bei den Mitarbeitern in den Kernkraftwerken herrsche.

Die Folgen des Störfalls reichen weit über Vattenfall hinaus. Selbst in der Union finden sich danach kaum noch Leute, die sich trauen, offen für die Atomkraft einzutreten. Während sich vor Krümmel mehr und mehr Deutsche für eine Revision des Atomausstiegsbeschlusses erwärmen konnten, ist die Mehrheit der Bevölkerung danach wieder klar gegen Atomkraft eingestellt. Die beteiligten Politiker machen Wochen nach dem Störfall andere für Übertreibungen verantwortlich. Greenpeace und die Grünen hätten ein bisschen den Überblick verloren, findet Ministerin Trauernicht. Und sie selbst? Nun ja, windet sich die Ministerin, immerhin hätten ein paar Mitarbeiter am Tag des Brandes über Atemprobleme geklagt, es habe auch Schnittverletzungen gegeben.

Das ist wahr: Am Morgen des 28. Juni, etwa viereinhalb Stunden vor dem Störfall, hatte sich ein Schlosser bei Bohrarbeiten auf dem Kraftwerksgelände einen Schnitt am Finger zugezogen, so steht es im Verbandsbuch. Es ist an diesem Tag der einzige Eintrag, neben dem Insektenstich eines Monteurs.

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