Terror-Zelle aufgeflogen Showdown im Sauerland

Nur knapp bleibt Deutschland von mörderischen Anschlägen verschont. Mehrere Islamisten wollen offenbar möglichst viele Ungläubige töten - doch die Polizei ist schneller.

Der Erwartungsdruck, den die Brüder aus Pakistan ausüben, muss gewaltig sein, jedenfalls klingt die E-Mail, die Adem Y. am 24. August an Fritz Gelowicz schreibt, besorgt: "Der Chef meint, wir müssen die Sache in 15 Tagen erledigen, wenn nicht, müssen wir zurück."

Zwei Tage später antwortet Adem Y. seinem Kontaktmann an der iranisch-pakistanischen Grenze, einem Mann mit dem Pseudonym "Jaf": "Du sollst das Vaterland benachrichtigen, der Unterricht und die Vorbereitung sind fertig. Ich habe persönlich mit Malik gesprochen." Abdul Malik, so nennen sie Gelowicz in der Ulmer Islamistenszene.

Fünfzehn Tage. Das wäre die Woche des 11. September, wissen die Fahnder im Bundeskriminalamt (BKA), die die konspirative Kommunikation mitverfolgen. Ein Termin, wie er symbolträchtiger nicht sein könnte.

Der Countdown läuft jetzt, bis zum 4. September, 14.30 Uhr, der Showdown findet tief in der westdeutschen Provinz statt. In einem Ferienhaus in Oberschledorn im Sauerland bricht die GSG 9 die Tür auf und arretiert den Türken Adem Y., 28, den deutschen Konvertiten Gelowicz, 28, und Daniel S., 21, der aus dem Klofenster springt und flüchtet, als die Elitepolizisten die Wohnung stürmen. 300 Meter weit kommt der junge Mann, dann wird er von einem Polizisten niedergerungen, es löst sich ein Schuss, dann ist es vorbei.

In Oberschledorn und in einem Versteck im Schwarzwald finden die Ermittler genug Chemikalien für zwei oder drei Autobomben mit der Sprengkraft von insgesamt 550 Kilogramm TNT. Deutschland ist Anschlägen womöglich infernalischen Ausmaßes entkommen, die Gefahr ist gebannt. Ein halbes Dutzend Mal haben Islamisten nach Einschätzung der Ermittler seit dem 11. September 2001 Anschläge in Deutschland vorbereitet. Aber nie zuvor sind sie so weit gekommen wie das im Sauerland verhaftete mutmaßliche Terrortrio, nie zuvor waren die Methoden so ausgefeilt.

Von einem "unbändigen, selbstzerstörerischen Hass auf die Zivilisation" spricht Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble am Tag nach den Festnahmen und warnt, mit amerikanischem Zungenschlag: "Wir haben ein ernstzunehmendes Problem des homegrown Terrorismus" – des hausgemachten Terrors. Der US-Heimatschutzminister Michael Chertoff gratuliert Schäuble am Tag nach den Festnahmen zum Fahndungserfolg und konstatiert: "Europa ist genauso Teil des Schlachtfeldes geworden wie die USA selbst."

Dabei ahnen die deutschen und die amerikanischen Geheimdienstler bestenfalls, welches Ziel die Verbindung zwischen Deutschland und Pakistan hat, als sie im Herbst 2006 ersten Spuren folgen. Ein "Muaz" und ein "Zafer" seien in pakistanischen Terrorcamps einer ominösen Gruppe namens Islamistische Dschihad Union (IJU) ausgebildet worden, mel- det die CIA. "Operation Alberich", wie die Dienste den Komplex nach einem Zwerg aus dem Nibelungenlied nennen, beginnt.

"Zafer", das soll ein junger Deutsch-Türke namens Zafer S. aus Neunkirchen im Saarland sein. Hinter "Muaz" verbirgt sich angeblich Attila S. aus Ulm, ein enger Freund von Fritz Gelowicz. S. wird Anfang November in der Türkei als vierter Verdächtiger festgenommen.

In der Silvesternacht wird aus "Operation Alberich" ein akuter Fahndungsfall. Ein Observationsteam des Verfassungsschutzes beobachtet Attila S., Fritz Gelowicz und einen Kurden namens Dana aus Frankfurt dabei, wie sie in einem Honda Accord im Umfeld der amerikanischen Hutier-Kaserne im Hanauer Stadtteil Lamboy umherfahren. Das Trio wird kontrolliert, und ein paar Tage später, am 6. Januar, durchsuchen die Ermittler die Wohnungen, weil sie fürchten, dass die Autofahrt dem Ausspähen eines möglichen Anschlagsziels dienen sollte.

Sie finden nichts Belastendes, und noch am Abend des 6. Januar erscheint Fritz Gelowicz auf dem Ulmer Polizeirevier und gibt eine persönliche Erklärung zu Protokoll, die sich rückblickend wie Hohn liest: "Ich bin unschuldig. Ich habe weder eine Straftat geplant oder verübt", notiert er in ungelenker Handschrift auf einem losen Blatt Papier. "Ich möchte des Weiteren sagen, dass ich nicht genau verstanden habe, was mir vorgeworfen wird." Die Polizisten kennen Gelowicz zu diesem Zeitpunkt als einen jungen Konvertiten, der sich seit einigen Jahren im Umfeld des Ulmer Multikulturhauses bewegt.

Am 11. Dezember 2004 taucht der Name das erste Mal in den Akten des Staatsschutzes auf, weil der Werkschutz der Firma Moco in Ulm zwei junge Männer beobachtet, die vor dem Firmengelände ein Buch verbrennen. Die beiden Männer werden festgehalten, ihr Wagen wird durchsucht. Dabei finden die Ermittler CDs mit Hymnen auf den Dschihad und Lobpreisungen auf Scheich Osama Bin Laden. Bei den Verdächtigen handelt es sich um Attila S. und Fritz Gelowicz, der zu diesem Zeitpunkt offenbar bereits indoktriniert ist und voller Hass.

Den Ermittlern ist es ein Rätsel, warum der junge Deutsche in den Strudel jener Ideologie geriet, die ihn tief in die Terrorszene hineinzieht. Der Lebenslauf des jungen Fritz liest sich bürgerlich-unauffällig. Vater Gelowicz betreibt ein Unternehmen für Solartechnik, die Mutter ist Ärztin. Die Ehe wird schon früh geschieden; sein Bruder und er bleiben beim Vater. Der Jugendliche findet Trost bei türkischen Freunden. Schon mit 15 soll er zum Islam konvertiert sein. Das Foto auf dem Führerschein zeigt einen jungen Mann mit Föhnfrisur, der leicht melancholisch in die Kamera schaut. Er scheint sich zu fangen; abends holt er das Abitur nach und beginnt ein Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Fachhochschule Neu-Ulm. Er ist ein guter, ein "unauffälliger Student", wie der Kanzler der Fachhochschule sagt. Seine letzte Prüfung im Wintersemester 2003/2004 in Unternehmensführung besteht er mit "befriedigend". Dann lässt er sich für 18 Monate beurlauben.

Gab es in Fritz Gelowicz’ Leben eine Art "Erweckungserlebnis"? Ein Ereignis, das aus dem jungen Ingenieursstudenten einen Fanatiker machte? Der Verfassungsschutz tippt auf Gelowicz’ Auslandsaufenthalte. Sie häufen sich, nachdem er in Ulm mit einem Imam namens Yehia Yousif verkehrt, einem "Hassprediger", wie die Ermittler sagen. Dana, Gelowicz’ Bekannter aus der Silvesternacht, berichtet von einer Reise nach Mekka, Saudi-Arabien, bei der er Fritz kennengelernt habe, im Januar 2005. Bei der Hadsch, der für Muslime so wichtigen Massenpilgerei. Gelowicz, Adem Y. und er seien in einem "Hotel" untergebracht gewesen, das "vorzugsweise deutsche Muslime" aufgenommen habe.

Nur ein paar Monate später geht Gelowicz nach Syrien, offiziell, um Arabisch zu lernen. Aus einem Zertifikat geht hervor, dass er bei der Stiftung Scheich Ahmed Kuftaru in Damaskus eingeschrieben ist, angeblich von Anfang August 2005 bis Mitte Juni 2006.

In jener Zeit hält sich Gelowicz nach Angaben der CIA allerdings auch in Pakistan auf, wohl im März 2006, in einem Trainingslager der aus Usbekistan stammenden Guerillagruppe IJU, die nun in Pakistan operiert. Später rekonstruieren die Ermittler, dass er offenbar mit zwei Pässen gereist ist. Kein Visumstempel sollte bei der Rückkehr nach Deutschland die weiße Weste beflecken.

Bei der IJU lernen die Rekruten aus Deutschland, das teilt die CIA den deutschen Behörden mit, auch den Umgang mit explosiven Chemikalien, Wasserstoffperoxid zum Beispiel. Die Konzentration der Lösung kann man erhöhen, indem man sie erhitzt. Erst ab 70 Prozent wird die Substanz für einen Sprengsatz nutzbar. Genau das ist es, was das mutmaßliche Terrortrio bei der Verhaftung in Oberschledorn gerade probiert.

Den Höllenstoff hat Gelowicz in Niedersachsen aufgetrieben – kanisterweise. Am 20. Juli fährt der Konvertit wieder einmal auf Einkaufstour, in einem Mietwagen, den das BKA verwanzt hat. Die Fahnder hören live mit, als sich Gelowicz und Adem Y. über den geplanten Plot unterhalten: "Wir brauchen drei große Ziele", sagt einer der beiden, Pubs beispielsweise oder vielleicht die US-Airbase in Ramstein oder den Frankfurter Flughafen.

Sie reden auch über eine perfide Taktik, die Terroristen schon mehrmals angewandt haben: Erst soll ein kleiner Sprengsatz detonieren, etwa in einer Gaststätte. Wenn dann die Menge in Panik ins Freie flüchtet, wird eine zweite Bombe in einem parkenden Auto gezündet. "Die Welt wird brennen", freuen sich die Islamisten. Dazu kommt es freilich nicht: Das BKA hat in einer Nacht-und-Nebel-Aktion heimlich das Wasserstoffperoxid ausgetauscht, das Gelowicz in einer unscheinbaren Garage im Schwarzwald deponiert hat. Das BKA-Gebräu, mit dem das Trio im Sauerland experimentiert, ist nicht sprengfähig.

Bei der Autofahrt im Juli sprechen die Islamisten auch über die Zeit danach. Sie wissen, dass sie viele Jahre ins Gefängnis müssen, wenn sie erwischt werden, "25 Jahre Haft oder lebenslänglich", wie Adem Y. glaubt. Aber es scheint sie nicht zu schrecken, ihr Glaube an die göttliche Mission ist stärker.

Als er ins Gefängnis Stuttgart-Stamm-heim eingeliefert wird, bittet Fritz Gelowicz den Anstaltspfarrer als Erstes um einen Koran.

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