In Kooperation mit

Job & Karriere

Selbstbetrug Traumjob? Vergessen Sie's!

Wie komme ich endlich ins Job-Paradies? Viele Menschen suchen den perfekten Arbeitsplatz - und steigern damit nur den eigenen Frust. Karriereberaterin Svenja Hofert gibt sechs Tipps für mehr Zufriedenheit.
Suche nach dem Traumjob heißt oft: Wie komme ich groß raus - ohne mich zu ändern?

Suche nach dem Traumjob heißt oft: Wie komme ich groß raus - ohne mich zu ändern?

Foto: Corbis
Zur Autorin

Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach  und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".

Jetzt mal ehrlich: E-Mail an Svenja Hofert 
Die Autorin auf LinkedIn 

Ich will endlich meinen Traumjob! Das ist der häufigste Anlass für ein Karrierecoaching. Unzufriedenheit mit dem Job gibt es nicht nur bei den jungen Arbeitnehmern der Generation Y. "Das soll das Arbeitsleben sein?", fragen sich viele nach einigen Jahren im Job. Sie haben sich das ganz anders vorgestellt.

Doch paradiesähnliche Zustände sind weit und breit nicht zu finden. Deshalb plädiere ich für mehr Bodenhaftung. Ein paar Denkanstöße:

1. Das Leben ist viel mehr als ein Job

Wäre Arbeit an der Börse notiert, wäre sie viel zu hoch bewertet. Als Analystin würde ich sie bei vielen gern herabstufen auf "underweight". Das steht für die Empfehlung, den Anteil im Portfolio geringer zu halten. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Lebensportfolio. Da liegen folgende Dinge drin: Gesundheit, Familie, Freunde, Sport, Freizeit, geistige Anregung und eben Arbeit. Was hat den größten Anteil in diesem Lebensportfolio? Ist es Arbeit? Und wenn ja: warum? Wenn Sie jetzt sagen, bei Ihnen ist es die Arbeit, weil Sie das Geld brauchen, entgegne ich vielen Angestellten: Das ist Selbstbetrug. Sie müssen nicht in den Elbvororten oder Köln-Lindenthal leben, das erhöht das Glück nicht, im Gegenteil, die höheren Vergleichsmaßstäbe dort machen das Leben sogar härter.

2. Ein Traumjob macht Sie nicht glücklicher

Glück ist relativ. Menschen, die auswandern, machen immer wieder diese Erfahrung: Das Unglück von zu Hause reist mit. Menschen, die plötzlich im Lotto gewinnen oder Millionen erben, werden dadurch nicht glücklicher. Glück bleibt immer relativ zur Lebenssituation und zur Persönlichkeit. Vielen Menschen fällt es nun mal schwerer, Fröhlichkeit und Unbeschwertheit zu empfinden, das ist eine Typfrage. Deshalb sollten Sie lieber in sich selbst investieren, in Ihre eigene Entwicklung, in Ihre Fähigkeit loszulassen und Glücksmomente zu empfinden.

3. Sie dürfen bleiben wie Sie sind - aber dann ändert sich nichts

"Frau Hofert, ich bin wie ich bin. Ich kann da nichts ändern" - das höre ich häufig. Doch wer sagt "ich kann nichts ändern", sagt damit auch "ich will das nicht". Na schön, geben Sie weiter Ihrem Umfeld die Schuld, dass es Sie, diesen ungeschliffenen Diamanten, nicht unablässig lobt und preist. Lassen Sie auf Ihren Grabstein meißeln: "Verkanntes Genie." Das können Sie ruhig so machen, aber dann müssen Sie auch die Konsequenzen tragen: Wenn Sie immer nur auf Ihre Entdeckung warten, ohne selbst viel dafür zu tun, kann es passieren, dass Sie den Durchbruch nie erleben werden. Und die Nachwelt auch nicht.

4. Hören Sie auf, nach dem einen zu suchen

Es gibt keine höhere Berufung oder Bestimmung. Wenn Sie danach suchen, dann geben Sie die Hoheit über Ihr Leben auf. Ein selbst gestaltetes Leben ist eine Kette aus Entscheidungen, von denen jede immer anders hätte ausfallen können. Aber jede Entscheidung führt zu etwas. Viele Traumjobsucher treffen lieber keine Entscheidungen oder sie versuchen, diese Aufgabe an Coaches zu delegieren. Das ist der Grund, warum sie nicht weiterkommen. Erst wer akzeptiert, dass Veränderung Entscheidungen voraussetzt, kommt weiter.

5. Es gibt jenseits der Arbeit viele spannende Dinge

Entdecken Sie Dinge neu, die Ihnen mal wichtig waren - einfach so, ohne Berechnung. Ohne dass Sie dadurch beliebter, erfolgreicher, reicher werden. Nur, weil es Sie leitet. Diese Dinge gibt es bestimmt. Machen Sie mal den Schrank auf. Schauen Sie sich alte Fotos an, lesen Sie Briefe von früher. Da gibt es Themen, die wieder relevant werden. Denn das Leben verläuft in Kreisen, davon bin ich überzeugt. Wenn Sie das bewusst aufgreifen, diesen Themen neue Bedeutung geben, dann ist das Lebensgeschichte, die Sie selbst gestalten können.

6. Andere erzeugen Ihre Traumjobsehnsucht

Kennen Sie diese Websites, auf denen irgendein Spätgeläuterter davon erzählt, wie er den gutbezahlten Job hingeworfen hat, um nun seiner Berufung nachzugehen? Die meisten arbeiten danach als Mentor oder Coach, um ihresgleichen zu retten. Glücklich stehen sie jeden Morgen auf, umarmen ihre wunderbare Familie, gehen in ihr wunderbares Büro und sind unendlich glücklich, weil von der bösen, bösen Arbeitswelt befreit.

Auf solchen Websites werden bewusst Illusionen erzeugt, wie in Hollywood. Durch eine manipulative Sprache, die mit einem "Du" geschickt in einen Text zieht. Das zielt auf einfachste Emotionen. Da stehen Dinge wie: "Du kannst das auch." Oder "sieh her, mein Beispiel zeigt, dass es geht." Der Gipfel: "Melde dich nur bei mir, wenn du wirklich etwas ändern willst. Meine Zeit ist kostbar."

Wer sich bei solchen Leuten meldet, ist in einem emotionalen Abhängigkeitsverhältnis. Lassen Sie sich nicht veräppeln. Es ist gut, Sehnsüchte zu haben, aber die sollten aus Ihnen selbst kommen und nicht aus einem Bedürfnis, das andere in sie hinein projizieren.

P.S.: Wissen Sie, was passiert, wenn man loslässt? Es gehen Türen auf. Aber nur, wenn man nicht damit rechnet.

Fotostrecke

Traum vom anderen Leben: Ich schmeiße hin

Foto: Peter Glösekötter