Streik in Spanien Aufstand der Zimmermädchen

Bodenwischen, Betten machen, Handtücher wechseln - und das alles in 15 Minuten: Die Zimmermädchen auf Ibiza arbeiten unter riesigem Druck. An diesem Wochenende streiken viele von ihnen - mitten in der Hochsaison.

Streikende Zimmermädchen auf Ibiza
Lucia Heisterkamp/ SPIEGEL ONLINE

Streikende Zimmermädchen auf Ibiza


Die Sonne ist gerade erst ganz aufgegangen hinter den Hügeln der Insel, aber die Frauen stehen schon auf der Straße, dort wo die Hotels und Ferienressorts liegen. Sie tragen Trillerpfeifen und Plakate, auf denen steht: "Es ist Zeit, für unsere Rechte zu kämpfen." Eigentlich müsste Milagros Carreño, 54, jetzt Zimmer putzen. Stattdessen marschiert sie mit rund 30 Kolleginnen voran und ruft: "Schluss mit der Ausbeutung".

Milagros Carreño lebt auf Ibiza und ist "Camarera de piso", was sich im Deutschen wohl am ehesten mit dem Wort "Zimmermädchen" übersetzen lässt. Die Bezeichnung ist eigentlich irreführend, schließlich gibt es auch einige Männer, die den Job machen. Und viele derjenigen, die an diesem Morgen protestieren, sind keine jungen Mädchen, sondern gestandene Frauen: So wie Carreño, die zwei erwachsene Kinder hat.

Milagros Carreño
Lucia Heisterkamp/ SPIEGEL ONLINE

Milagros Carreño

"Unsere Arbeit ist ein Knochenjob", sagt sie. Schlechte Löhne, unbezahlte Überstunden und dazu ein Tagesablauf, der früher oder später krank macht: "Viele von uns müssen 30 Zimmer am Tag sauber machen. Wenn es schnell gehen muss, haben wir nur 15 Minuten pro Zimmer." In dieser Zeit müsse sie die Böden wischen, die Betten machen, das Bad reinigen, die Handtücher wechseln.

Um auf die schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen, hat Carreño an diesem Wochenende zum Streik aufgerufen. Sie ist Sprecherin von "Las Kellys", einer Interessenvertretung der Zimmermädchen in Spanien. Auf den Inseln Ibiza und Formentera sollen die Reinigungskräfte der Hotels 48 Stunden lang die Arbeit niederlegen - mitten in der Hochsaison.

Gestreikt wird nicht überall

Einige sind dem Aufruf gefolgt. Im Hotel Palace Ibiza herrscht an diesem Vormittag Chaos. Von 40 Zimmermädchen, die für das 4-Sterne Ressort und dessen Partnerhotel arbeiten, seien nur 12 zur Arbeit erschienen, sagt die Rezeptionistin am Empfang. Im Flur des zweiten Stocks kann man davon schon erste Spuren sehen: Auf dem Teppich klebt Dreck, Sand und Erde, hier hat ganz offensichtlich morgens niemand gesaugt. Eine Frau mit Putzwagen eilt vorbei, sie gehört zu den wenigen Zimmermädchen, die heute gekommen sind. "Jetzt muss ich die Arbeit der anderen mitmachen", sagt sie, zuckt die Achseln und huscht schnell ins nächste Zimmer.

Im Hotel Ibiza Playa wird hingegen wie gewohnt geputzt: Am Mittag sind die Betten frisch gemacht, neue Handtücher hängen im Bad. "Ich streike nicht", sagt Loli, eines der Zimmermädchen im Haus. "Ich werde ja pro Tag bezahlt, da kann ich es mir nicht leisten, ein ganzes Wochenende nicht zur Arbeit zu erscheinen."

Tatsächlich läuft in den meisten Hotels der normale Betrieb. Manche haben von dem Aufruf der Interessenvertretung gar nichts mitbekommen. Andere haben Angst, ihren Job zu verlieren, meint Carreño. Sie weiß nicht, wie viele ihrer Kolleginnen dem Aufruf der "Kellys" gefolgt sind. "Gerade die Jüngeren trauen sich nicht, für ihre Rechte aufzustehen".

Die Schattenseite der Liberalisierung

Der Druck, der auf den Reinigungskräften lastet, ist groß: Viele sind nur für die Sommermonate angestellt, wer Pech hat, bekommt im nächsten Jahr keinen neuen Vertrag. Dabei boomt der Tourismusin Spanien: 83 Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr. Das Land zählt zu den beliebtesten Reisezielen der Welt.

Doch nicht alle profitieren davon. Für die etwa 20.000 Zimmermädchen in Spanien sind die Sommermonate hart. "Wir sehen den ganzen Luxus um uns herum, aber leben selbst sehr prekär", sagt Carreño. Für ihre Vollzeitstelle verdient sie 1300 Euro netto - das sei sehr wenig auf einer Urlaubsinsel wie Ibiza, wo die Preise für Touristen gemacht sind.

Dabei fordern die "Kellys" in erster Linie gar keine bessere Bezahlung, sondern vor allem humanere Arbeitsbedingungen. "Der Zeitdruck, unter dem wir arbeiten, ist einfach zu hoch", sagt Carreño. "Die Hoteliers müssen mehr Personal einstellen, damit wir genügend Zeit haben, die Zimmer zu putzen." Manchmal bliebe an einem 8-Stunden Tag nicht mal Zeit, um auf Toilette zu gehen.

Strand auf Ibiza
Lucia Heisterkamp/ SPIEGEL ONLINE

Strand auf Ibiza

Verschlechtert hat sich die Situation wohl vor allem mit der Liberalisierung des Arbeitsmarktes im Jahr 2012. Damals versuchte die konservative Regierung des damaligen Premierministers Mariano Rajoy, das Land durch Reformen aus der Krise zu holen. Unternehmen wurde es leichter gemacht, festangestellte Mitarbeiter zu entlassen und andere kurzzeitig über Zeitarbeitsverträge einzustellen. Die Arbeitslosigkeit ist in Spanien inzwischen stark gesunken, die Wirtschaft hat sich weitgehend erholt. Doch die Schattenseite sind Millionen von prekären Jobs - so wie die der Zimmermädchen.

Die Folgen des Knochenjobs: Chronische Beschwerden

Carreño macht ihre Arbeit seit 30 Jahren. Früher habe ihr der Zimmerservice Spaß gemacht, sagt sie. "Man hatte Zeit, sich mit den Gästen zu unterhalten, zwischendurch mal mit den anderen Zimmermädchen zu quatschen." Heute könne sie oft nicht mal eine halbe Stunde Mittagspause machen.

Ein Problem seien auch unangenehme Gäste. "Viele Touristen lassen hier die Sau raus", erzählt Carreño. "Wenn sie betrunken sind, machen sie den Fernseher kaputt oder zerschlagen Gläser." Von der Arbeit habe sie oft Rückenschmerzen durch das Heben schwerer Möbeln und das ständige Bücken beim Putzen."Wenn ich abends nach Hause komme, falle ich aufs Sofa und kann manchmal gar nicht mehr aufstehen."

Auch der hektische, ungesunde Arbeitsrhythmus führe dazu, dass viele Zimmermädchen irgendwann chronische Beschwerden entwickelten: "Viele von uns müssen Schmerztabletten nehmen, um das auszuhalten", sagt Carreño. Die Zimmermädchen fordern deshalb, dass das Rentenalter von 67 auf 60 Jahre gesenkt wird. "Niemand der unseren Job macht, kann mit über 60 noch so arbeiten", sagt Carreño. Sie macht sich Sorgen, dass ihr Körper die Strapazen in ein paar Jahren nicht mehr mitmacht.

Gerade die großen Ketten sparen am Personal

Der Chef der Personalabteilung im Hotel Ibiza Playa kann den Unmut von Frauen wie Carreño verstehen. "Es gibt Hotels, die behandeln ihre Bediensteten sehr schlecht", sagt er. "Die stellen viel zu wenig Leute ein, um Geld zu sparen." Doch nicht alle Hotels seien gleich. Es seien eher die großen Ketten, die ihre Mitarbeiter weniger gut behandelten.

Zu einer großen Hotelkette gehört auch das Alua Miami Ibiza. Offenbar hat man in dem Ressort damit gerechnet, dass ein Großteil der Bediensteten streikt. Im Aufzug hängt ein Zettel, auf dem steht, dass am Wochenende die Zimmer nicht gereinigt werden.

Das Ehepaar Kohl aus Frankfurt, das gerade in dem Hotel Urlaub macht, hat dafür Verständnis. "Wer zu wenig verdient, muss streiken", sagt Hannelore Kohl. "Man kann es als Gast schon mal verkraften, wenn das Zimmer nicht geputzt wird", sagt ihr Mann. "Der Streik muss ja auch was bringen."

Der Chef in dem Hotel ist für eine Stellungnahme nicht zu sprechen, er sei den ganzen Tag beschäftigt - wegen den Streiks, heißt es an der Rezeption. Ähnlich sieht es im Palace Ibiza aus. "Wir haben vier Manager für unsere zwei Hotels, die können wir alle seit Stunden nicht erreichen", sagt die Rezeptionistin. "Die sind nämlich irgendwo in den Hotels - Zimmer putzen."

insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
exHotelmanager 25.08.2019
1. In Deutschland
ist die Situation für das Reinigungspersonal in Hotels genauso kritisch. Niemand unterstützt die "outgesourcten" Menschen, die wie Ware oder Maschinen behandelt werden und oft nicht einmal den Tariflohn oder Mindestlohn verdienen. Die Gewinne der Hotels gehen voll in den Immobiliendienst, denn die Besitzer der Gebäude werden immer gieriger.
pwinky22 25.08.2019
2. Gut so!!!
Gut so macht was draus! Ihr habt es euch verdient! Ich wünsche euch dass man euch hört und darauf reagiert!
juuu1978.08 25.08.2019
3. Wenn der letzte Satz
nur wahr wäre, dann würde sich mal was ändern, weil die mal sehen würden, wie schwer die Arbeit ist.
exHotelmanager 25.08.2019
4. @juuu1978.08
Jede in einem Hotel ausgebildete Führungskraft hat schon reichlich Zimmer gemacht und kennt die Härte jedes Arbeitsplatzes im Hotel, denn bei Personalausfall muss es trotzdem gemacht werden und dann bleibt nur der Manager - auch der Hoteldirektor. Nur die Akademiker und Quereinsteiger (es-Autoverkäuferinnen) kennen das nicht und helfen dann auch aus Dünkel nicht.
giwi21 25.08.2019
5. Wieviele der Gäste
geben den Zimmermädchen eigentlich noch Trinkgeld? Ich finde sie haben es verdient.
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