Erste Hilfe Karriere Die Mörder der Motivation

Ein typisches Karriere-Dilemma: Soll man in seiner Firma lieber ein anspruchsvolles Aufgabengebiet übernehmen - aber unter einem cholerischen Chef? Oder im alten Trott bleiben - bei einem angenehmen Vorgesetzten? Karriereberater Martin Wehrle gibt Entscheidungshilfen.

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Petra K., Betriebswirtin in einem Konzern, schreibt: "Ich stehe vor einer schwierigen Entscheidung: In den nächsten Monaten wird unser Bereich umstrukturiert. Dann ergeben sich zwei Möglichkeiten für mich: Entweder wechsle ich in eine neue Fachposition, die Perspektiven hat und mich sehr reizen würde. Das Problem: Mein direkter Vorgesetzter wäre dann ein Typ, den ich überhaupt nicht leiden kann - er gilt als Choleriker und Schaumschläger. Oder ich nehme eine Fachposition an, die meiner aktuellen sehr gleicht. Dann hätte ich kaum Spielraum für meine Entwicklung und eine eher langweilige Tätigkeit, bliebe aber im Bereich meines jetzigen Chefs, den ich sehr schätze und mit dem ich gerne weiter zusammenarbeiten möchte. Wie soll ich mich entscheiden?"

Sie stehen vor einem echten Dilemma: Auf der einen Seite winkt Ihnen jeweils eine Verlockung - hier die spannende Aufgabe, dort der geschätzte Vorgesetzte. Aber andererseits bekommen Sie den fähigen Vorgesetzten nur, wenn Sie sich auf eine langweilige Aufgabe einstellen. Und die spannende Position ist gekoppelt an einen Chef, dessen Führung möglicherweise zu nichts führt außer einem Magengeschwür bei Ihnen.

Die Wissenschaft hat alles Mögliche definiert, natürlich auch solche inneren Konflikte: Es handelt sich um einen Appetenz-Aversions-Konflikt, um eine gleichzeitige Anziehung und Abstoßung. Damit sind Sie allen, die vor zwei ausschließlich abstoßenden Möglichkeiten stehen (Aversion-Aversion), schon mal einen Schritt voraus: Immerhin gibt es etwas Reizvolles.

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Vielleicht hilft Ihnen folgender Ansatz: Denken Sie einmal über die nächsten Monate hinaus. Wie würden sich Ihre Perspektiven entwickeln, wenn Sie sich für die eine Möglichkeit entscheiden? Und wie sieht Ihre Prognose bei der anderen aus? Vor allem: Ist das, was Sie jetzt jeweils stört, wirklich in Stein gegossen? Oder kann es sich verändern?

Überlegen Sie, was sich bald alles verändern kann

Ein Beispiel: Wenn der Vorgesetzte, der Sie abschreckt, 63 Jahre alt ist und kurz vor der Rente steht, dann wäre er als Übergangslösung für Sie vielleicht hinnehmbar. Dasselbe gilt, wenn er bekanntermaßen seine Stellen im Unternehmen schneller als seine Socken wechselt. In diesem Fall würden Sie sich ärgern, wenn Sie sich die spannende Fachaufgabe entgehen ließen, nur weil sie zu kurzfristig denken.

Dieselben Planspiele lohnen sich mit Blick auf die eintönige Fachposition: Wer sagt denn, dass die Aufgabe in den nächsten Jahren genau so bleiben muss, wie sie im Moment ist? Nehmen wir an, Sie könnten sich diese Position frei nach Wunsch zusammenbasteln: Was genau würden Sie verändern? Welche Arbeiten wollten Sie keinesfalls weitermachen? Welche ausbauen?

Viele Mitarbeiter glauben: Firmen gestalten Stellen. Formal ist das richtig. Aber mit den meisten Stellen verhält es sich wie mit dem Teig beim Brotbacken - welche Form sie annehmen und ob sie aufgehen, liegt immer an dem, der die Sache gerade in der Hand hat: am Inhaber der Position. Entwerfen Sie mal ein Konzept, wie Sie sich die Stelle wünschen, und sprechen Sie Ihren aktuellen Vorgesetzen an - Ihr gutes Verhältnis zu ihm wird sicherlich hilfreich sein.

Langweilige Aufgaben bekommen keine Tobsuchtsanfälle

Und noch ein Gedanke: Wer sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden muss, übersieht leicht eine Tatsache - dass es noch dritte, vierte, fünfte Möglichkeiten gibt. Schon mal darüber nachgedacht, andere Bereiche Ihres Unternehmens anzusteuern? Ein Konzern bietet meist zahlreiche Alternativen. Oder käme es in Frage, die Firma zu wechseln? Oder gar in die Selbständigkeit zu gehen?

Eine gute Methode, um innere Klarheit zu finden: Schreiben Sie möglichst viele Optionen auf einzelne Zettel, die Sie dann auf dem Tisch vor sich verteilen. Schieben Sie Möglichkeiten, die Sie nicht reizen, von sich weg. Und ziehen Sie das, was Sie reizt, zu sich heran. Schnell wird sich auf dem Tisch ein greifbares Szenario abzeichnen. In der Regel bleiben nur ein bis zwei Möglichkeiten übrig. Welche liegt am dichtesten bei Ihnen? Das wird dann Ihr (heimlicher) Favorit sein.

Allerdings will ich mich nicht um eine klare Antwort zu Ihrer Ausgangsfrage drücken: Ein schlechtes Verhältnis zum Vorgesetzten zermürbt Menschen immer mehr als eine Aufgabe, die wenig reizvoll ist. Aufgaben bekommen keine Tobsuchtsanfälle, sie können nicht lügen, nicht brüllen, nicht abmahnen, nicht entlassen. Aufgaben lassen sich verändern, Vorgesetzte weniger.

Nach Studien hängt es in erster Linie von der Beziehung zum direkten Vorgesetzten ab, ob Sie in Ihrem Job glücklich oder unglücklich werden. Ein schlechter Chef ist eine Kröte, die man nur für kurze Zeit schlucken kann, ohne davon ein Magengeschwür zu bekommen.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
tsillmann, 04.07.2011
1. Dilemma? Welches Dilemma?
Spannende Jobs kommen und gehen. Gute Vorgesetzte sind rar. Wenn die Managerin aus Ihrem Beispiel tatsächlich in einem Dilemma steckte, also spannende Aufgabe gleichwichtig wäre wie guter Chef, dann könnte Sie ja das Unternehmen wechseln. Das will sie aber scheinbar nicht. Also ist ihr die spannendere Aufgabe nicht so wichtig gewesen. Großartig finde ich den Tipp mit dem Rentenalter. Wenn der neue Boss schon alt ist, soll man noch mal überlegen. Ich würde weitergehen und raten: Wenn der neue Boss schon über 80 ist, soll sie ihn heiraten und beerben. (Das war Ironie)
Asirdahan 04.07.2011
2. ohne
Ich kann hier nicht verallgemeinern, nur für mich sprechen. Wenn ich an meine Firma denke, so würde ich die reizvollere Aufgabe wählen, denn: Wenn man mir diese anbietet und zutraut, dann habe ich auch genug Selbstbewusstsein, mich gegen einen wie immer gearteten Chef durchzusetzen und ihm mal auf Augenhöhe klar zu machen, dass er nicht der liebe Gott ist. Aus meiner Berufserfahrung haben sich Chefs immer nur dort daneben benommen, wo ihnen niemand Paroli geboten hat. Ein gefragter Mitarbeiter muss im worst case auch keine Angst vor Entlassung haben. Ist mit dem Chef gar nicht auszukommen und er veranlasst diese, so ist es zum Schaden der Firma, nicht zu meinem.
Badibu 04.07.2011
3. ?
Zitat von AsirdahanIch kann hier nicht verallgemeinern, nur für mich sprechen. Wenn ich an meine Firma denke, so würde ich die reizvollere Aufgabe wählen, denn: Wenn man mir diese anbietet und zutraut, dann habe ich auch genug Selbstbewusstsein, mich gegen einen wie immer gearteten Chef durchzusetzen und ihm mal auf Augenhöhe klar zu machen, dass er nicht der liebe Gott ist. Aus meiner Berufserfahrung haben sich Chefs immer nur dort daneben benommen, wo ihnen niemand Paroli geboten hat. Ein gefragter Mitarbeiter muss im worst case auch keine Angst vor Entlassung haben. Ist mit dem Chef gar nicht auszukommen und er veranlasst diese, so ist es zum Schaden der Firma, nicht zu meinem.
Dem Chef Paroli bieten? Wenn der schon Choleriker ist? Im heutigen Arbeitsklima? Bei der Arbeitsmarktlage? Sind sie Beamter?
Asirdahan 05.07.2011
4. ohne
Zitat von BadibuDem Chef Paroli bieten? Wenn der schon Choleriker ist? Im heutigen Arbeitsklima? Bei der Arbeitsmarktlage? Sind sie Beamter?
Wenn ein Choleriker beginnt mich anzuschreien, würde ich wortlos den Raum verlassen, ihn ins Leere laufen lassen. Was wäre die Alternative? Mich von ihm kaputt machen zu lassen? Glaubt wirklich jemand, man könne unter solchen Umständen seinen Job anständig erledigen?
Mondaugen 05.07.2011
5. Beruf
Zitat von BadibuDem Chef Paroli bieten? Wenn der schon Choleriker ist? Im heutigen Arbeitsklima? Bei der Arbeitsmarktlage? Sind sie Beamter?
Ich bin kein Beamter, aber in gut geführten Unternehmen kann der Mitarbeiter dem Vorgesetzten durchaus Paroli bieten. Emotional instabile Führungskräfte haben es heute auch bei den eigenen Leuten schwer, verlieren leicht ihre Legitimation. Im zweifel gibt es ja dann noch Betriebsräte, die uneinsichtigen Vorgestzten das Leben schwer machen können. Dies alles gilt nicht für Niedriglohnsektoren, von denen ich keine Ahnung habe, sondern in Bereichen, wo Spezialisten gebraucht werden
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