Chinas Aktiengöttinnen "Yang, spring nicht aus dem Fenster"

Von Mark Böschen

2. Teil: Liu Yang kauft fast alle B-Aktien - und hat keine Ahnung, welche gut sind


Der Konzern ist aufs Engste mit dem Politbüro verknüpft, auch durch seinen Gründer und Vize-Staatspräsidenten Rong Yiren, den ersten Milliardär der Volksrepublik. Der Spross einer Unternehmerdynastie war auch nach der Revolution 1949 in China geblieben, hatte schwere Jahre durchlitten und sollte nun für seinen Freund und Reformer Deng Xiaoping mit Citic im In- und Ausland investieren.

Liu Yang rechnet viele dieser Projekte durch. Denn außer ihr hatte im Citic-Turm noch niemand von Bewertungsmodellen wie diskontierten Cashflows oder der Internen Zinsfußmethode gehört. "Das war aus heutiger Sicht sehr einfach, aber damals fanden mich alle großartig, weil ich so etwas konnte", sagt Liu. Von den Kontakten zur Partei- und Wirtschaftselite, die sie bei dem Staatskonzern knüpfte, zehrt sie noch heute.

Wohl wegen dieser Kontakte will sie 1992 eine Investmentbank als China-Chefin anheuern. Um sie zu halten, befördert ihr Vorgesetzter Wang Jun sie an die Spitze einer ausländischen Tochterfirma in Australien. So beginnt Lius Karriere als Fondsmanagerin: Sie geht für Citic nach Sydney. Dort gründet sie im Februar 1993 einen der ersten China-Fonds.

"Vor mir hat das hier keine gemacht"

Es sind Pionierzeiten: Erst 1990 hat die Börse in Shanghai aufgemacht, allmählich bringen Staatsunternehmen Papiere an den Markt: A-Aktien für heimische, B-Aktien für ausländische Investoren.

"Ich gehöre zur ersten Generation chinesischer Fondsmanager. Vor mir hat das hier keiner gemacht", sagt Liu. Sie habe überhaupt nicht gewusst, was Investieren bedeute: "Ich habe fast alle B-Aktien gekauft. Ich wusste nicht, welche gut sind und welche schlecht."

Zum Glück für Liu steigt bald die erste Rallye von Schwellenländer-Aktien. Liu nutzt die guten Zeiten, um ihr Metier gründlich zu lernen, und macht nach Feierabend einen Uni-Abschluss in angewandter Investmentkunde. Außerdem begreift sie schnell, wie wichtig es ist, Zentralbanker und Politiker in Peking regelmäßig zu sprechen - um zu erfahren, welche Branchen von staatlichen Investitionen und Steuervergünstigungen profitieren.

Dann trifft sie 1997 der erste Schock, die Asien-Krise. In ihrem Büro, von dem aus sie auf Sydneys Opernhaus herabblicken kann, rufen die Kunden an: "Sie sagten: 'Yang, du darfst nicht aus dem Fenster springen!' Die haben mich getröstet."

"Chinesen finden mich aggressiv"

Beim Durchhalten hilft ihr Mann, ein Chinese, dessen Familie seit drei Generationen auf Jamaika lebt. Der ungewöhnliche Hintergrund passe zu ihr, sagt Liu: "Mit einem typischen Chinesen könnte ich nicht zusammenleben, die finden mich ziemlich tough und aggressiv."

Ihr robustes Gemüt hilft Liu immer wieder, Rückschläge zu verkraften. In der Finanzkrise 2008 hat ihr Fonds zeitweise 85 Prozent eingebüßt. Wer den Fonds vor fünf Jahren gekauft hat, kann sich heute dennoch über 17 Prozent Rendite pro Jahr freuen. "Ich bin nach jeder Krise größer und stärker gewesen", sagt Liu.

Zu der britischen Investmentboutique Atlantis kommt sie 2002, inzwischen ist sie sogar Mehrheitseignerin. Die meisten ihrer 20 Mitarbeiter hier sind weiblich. "Bei uns macht eine Frau die Arbeit von drei Männern. Viele junge Männer sind heute Träumer", findet Liu.

Ihr Vater in Peking, heute 78 Jahre alt, sei stolz auf ihren Erfolg, sagt sie. Dann nimmt sie das Vertu-Handy und ruft ihren Chauffeur an, der sie nach Hause zu ihrem Mann, den beiden Kindern, den Dienst- und Kindermädchen fährt.

Ein Lehrer, der als Bauer arbeiten muss

Wer mit Liu und anderen chinesischen Managerinnen spricht, stellt fest: Hinter den Fonds stecken einige der klügsten Köpfe ihrer mehr als 100 Millionen Menschen umfassenden Generation. Um aus dieser Masse hervorzustechen, mussten sie um Bildung und Karriere kämpfen.

So wie Victoria Mio, 41, die in einem gläsernen Büroturm in Hongkongs Geschäftsviertel Central sitzt und den China-Fonds des niederländischen Anbieters Robeco leitet. Dabei waren die prosperierenden Ex-Kolonien Hongkong und Macao lange Zeit ein unerreichbarer Traum für Mio und ihre Familie, die aus der gegenüberliegenden Festlandsprovinz Kanton stammt.

Mios Vater ist Lehrer, doch er wird gezwungen, als Bauer zu arbeiten. Ende der siebziger Jahre wandert er mit der Familie nach Macao aus, da ist Victoria Mio acht Jahre alt.

Der Vater schlägt sich als Straßenhändler durch. Dann arbeitet er sich nach oben, gründet eine Fabrik, wird wohlhabend. So wohlhabend, dass er seiner Tochter den Besuch einer englischsprachigen katholischen Mädchenschule ermöglichen kann, dann ein Wirtschaftsstudium in Macao und später sogar das MBA-Studium an der Wharton School. "Meine Eltern haben sich das Geld für Wharton geliehen, das war eine harte Zeit. Das hat mich noch mehr motiviert."

Analysten in China: Knapp ein Drittel sind Frauen

Die Chancengleichheit in der Sonderverwaltungszone lockt Talente wie Mio an, die nach dem Studium zunächst eine Zeit lang bei der Investmentbank J. P. Morgan in New York gearbeitet hat und bei einem Hedgefonds in Boston. "In Hongkong geht es nicht darum, ob du ein Mann oder eine Frau bist", sagt Mark O'Reilly vom Headhunter Astbury Marsden. "Unsere Kunden suchen denjenigen mit der besten Ausbildung und Erfahrung für den Job."

Weil Fachwissen honoriert wird, bemühen sich hier viel mehr Frauen als in Deutschland um die zeitraubenden und schwierigen Zusatzqualifikationen, die als Karriereturbo wirken. Ein Beispiel: In China ist fast jeder dritte Certified Financial Analyst eine Frau, in Deutschland dagegen nur jeder siebte. Das Prüfungsmaterial umfasst 20 Ordner; durch die drei Regalmeter quält sich niemand, der danach keine Karrierechancen sieht.

Die gibt es in Hongkong zuhauf. Längst nicht alle Stars der dortigen Finanzbranche sind aus der Volksrepublik zugewandert: Die Hälfte der Fondsmanagerinnen ist in Hongkong aufgewachsen. Diese Hongkongerinnen verfügen über die beiden Vorzüge, die im rasant wachsenden China-Finanzgeschäft Ende der achtziger Jahre gebraucht werden: perfektes Englisch und Finanzexpertise. Samantha Ho, 43, zum Beispiel verwaltet den China-Fonds von Invesco verwaltet, sie ist schon als 15-Jährige zur Ausbildung in die USA gegangen und besitzt den MBA-Abschluss der Universität von Los Angeles.

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