Chinas Aktiengöttinnen "Yang, spring nicht aus dem Fenster"

Von Mark Böschen

3. Teil: Chungs halbe Familie wandert aus - aus Angst vor den Chinesen


Ein Wirtschaftsstudium mit Finanzschwerpunkt sei Ende der achtziger Jahre eine naheliegende Wahl gewesen, sagt Christina Chung, 48, die bei der Allianz-Tochter RCM den China-Fonds führt: Die Fabriken verließen damals Hongkong und siedelten sich auf der anderen Seite der Grenze, in China, an. In der Kronkolonie erblühten Dienstleistungen, besonders die Finanzbranche.

Ihr Bruder, der bei einer Bank tätig war, stellte sie einem Freund vor, der beim Finanzhaus Watley arbeitete. "Er beschrieb Watley als das Shaolin-Kloster des Fondsmanagements", sagt Chung in Anspielung auf die Wiege der Kampfkünste, wo die wahren Meister ausgebildet werden. Chung lernte, auf Shaolin-Art zu investieren. Noch heute ist es ihr Ziel, unterbewertete Aktien schneller zu finden als andere.

Kurz nach dem Start bei Watley wollen viele Kollegen einschließlich ihres Bruders dann aber nur eines: weg aus Hongkong. Die Ermordung von weit mehr als tausend Protestierenden in Peking am 4. Juni 1989 und die gewaltsame Niederschlagung der Demonstrationen im ganzen Land haben die Menschen schockiert.

Der Tag, nachdem die Demonstrationen niedergeschlagen wurden

"Als ich am Tag danach zur Arbeit ging, sah ich lange Schlangen vor den Botschaften Singapurs und Kanadas", erinnert sich Chung. Ihre halbe Familie zieht nach Kanada - aus Angst vor der geplanten Übergabe der Kronkolonie an die Volksrepublik 1997.

Für Chung eröffnet die Emigration der gestandenen Manager ungeahnte Chancen. "Ich hätte niemals so früh so viel Verantwortung übernehmen können, wenn nicht viele erfahrenere Kollegen Hongkong verlassen hätten", sagt sie. Als Chung zu Allianz Global Investors wechselte, waren Fondsmanagerinnen klar in der Minderheit - und sind es geblieben. Damals wie heute sitzen in Frankfurt vor allem männliche Manager.

Ganz anders in China, dort mehrt Chung das Geld der Kunden - genau wie viele erfolgreiche Kolleginnen bei der Konkurrenz. "Ich denke, Frauen haben einige Vorteile: Wir sind geduldiger, hartnäckiger und achten stärker auf Details", sagt die Hongkongerin.

Außerdem würden Männer dazu neigen, sehr selbstbewusst zu sein - mitunter zu selbstgewiss: "Am Markt können die Dinge gegen dich laufen, dann musst du deine Fehler eingestehen." Das Phänomen, dass Männer Gefahr laufen, dem eigenen Urteil zu sehr zu trauen und ein zu hohes Risiko einzugehen, ist von der Finanzwissenschaft gut dokumentiert.

"Empfänglicher für neue Ideen als andere"

Lilian Co, 42, hat die Risiken bisher gut im Griff. Mit ihrem Hedgefonds LBN China + Opportunity Fund verdreifachte sie seit dem Start 2007 das Anlegergeld - während der Aktienindex MSCI China mehr als 40 Prozent seines Werts verlor.

Um trotz der Börsenflaute zu gewinnen, kauft Co nicht nur aussichtsreiche Aktien, sondern wettet auch auf fallende Kurse bei schlechten Titeln. Vor allem Letzteres brachte in der Krise Ertrag. Ihre Fondsgesellschaft LBN Advisers residiert in einer bescheidenen, engen Bürosuite. Um Technik und Organisation kümmert sich Ehemann Benjamin Chang.

Cos Leistung in der Finanzkrise ist atemberaubend - ebenso wie ihre Ergebnisse als Managerin des Baring China Fonds bis 2007. Für Eckhard Sauren, den Gründer des Dachfondsanbieters Sauren, ist sie schlicht die beste Fondsmanagerin der Welt. Aber was macht Hongkongs Fondsmanagerinnen und besonders Lilian Co so erfolgreich?

"Jeder analysiert dieselben Zahlen", sagt Co, die sehr schnell redet und dabei gern die Arme vor ihrem zierlichen Körper verschränkt. "Entscheidend ist, worauf man sich fokussiert." Sie suche stets nach unterschätzten Werten. Allerdings tun das viele Rivalen auch - ohne so regelmäßig fündig zu werden.

Co zuckt mit den Schultern: "Ich bin empfänglicher für neue Ideen als andere." Nur die Hälfte des Erfolgs eines Fondsmanagers sei durch rationale Faktoren wie den Investmentansatz erklärbar, glaubt Co: "Der Rest ist Persönlichkeit."

"Ich habe als Frau großes Glück, in Hongkong zu leben"

Für ihre Karriere sieht sie allerdings einen weiteren nachvollziehbaren Grund: "Ich habe einfach das Glück, in Hongkong zu leben - das ist wahrscheinlich der Ort mit dem höchsten Anteil arbeitender Frauen weltweit."

Das zeigt sich nirgends deutlicher als im örtlichen Büro der britischen Fondsgesellschaft Schroders. Die meisten China-Experten im Team von Louisa Lo sind Frauen. In der Zentrale in London sitzen dagegen weit mehr männliche als weibliche Kollegen. Lo ist die Diskrepanz bewusst. "Wir versuchen verzweifelt, mehr Männer einzustellen, wir müssen ja ausgewogen sein", scherzt sie. Die Frage ist allerdings, ob Lo wirklich mehr Männer braucht: Auch der China-Fonds von Schroders, geführt von Laura Luo, gehört zu den besten seiner Klasse.

Um die weibliche Dominanz in der Investmentbranche zu beenden, müsste Hongkongs Regierung wohl eine Männerquote einführen.

Frauen aber trauen sich sogar weniger zu, als sie können, sagt Susan Levermann. Das sei gut für die Rendite, aber schlecht für die Karriere, so die ehemalige DWS-Fondsmanagerin. "In diesem Job muss man seine Erfolge auch verkaufen können", weiß Levermann, die für die Deutsche-Bank-Tochter zwei Milliarden Euro verwaltete. Doch 2008 hatte sie genug von der Branche, schrieb den Bestseller "Der entspannte Weg zum Reichtum" und arbeitet heute bei der Umweltorganisation Carbon Disclosure Project.

Als Hindernis für Frauen sieht sie, dass viele Kolleginnen sich mehr um die Kinder kümmern als die Männer. "Das ist vermutlich auch eine kulturelle Frage: Viele Frauen wollen hierzulande die Erziehung selbst in die Hand nehmen und sie nicht einem Kindermädchen überlassen", sagt Levermann.

Solche Bedenken sind der China-Fondsmanagerin Lilian Co fremd. "Wir Hongkongerinnen beschäftigen alle Kindermädchen aus den Philippinen, Malaysia oder Indonesien", sagt sie. "Wenn ich kein Dienstmädchen anstellen könnte, wäre ich Hausfrau."


Autor Mark Böschen ist Redakteur beim manager magazin. Dort erschien sein Beitrag zuerst.

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