Chinas Aktiengöttinnen "Yang, spring nicht aus dem Fenster"

Die chinesische Finanzbranche ist überraschend weiblich: Die vier Investmentfonds in Hongkong, deren Gewinne sich in den vergangenen zehn Jahren am besten entwickelt haben, sind fest in Frauenhand. Was ist das Erfolgsgeheimnis der Super-Kapitalistinnen?

Von Mark Böschen


Hinter den Hochhäusern von Kowloon versinkt die Sonne im Meer. Es ist Samstagabend, kurz nach sechs Uhr. Liu Yang, 46, sitzt in einem Sessel, schenkt dem Schauspiel, das sich hinter dem Panoramafenster des "Hongkong Four Seasons"-Hotels abspielt, kaum einen Blick und widmet sich stattdessen ihrem Ingwertee.

Die Frau, die einheimische Medien "Chinas Aktiengöttin" oder "Chinas weiblichen Buffett" nennen, trägt eine weiße, geblümte Bluse und einen Armreif aus grüner Jade. Neben ihrer Teetasse liegt ein schwarzes Vertu-Mobiltelefon, Kaufpreis: ab 4000 Euro.

Während der Pianist am Flügel mit weichem Anschlag Jazz-Standards spielt, erzählt Liu im rauen Pekinger Dialekt ihre Geschichte, die zugleich die des Fondsmanagements in China ist. Denn Liu war Anfang der neunziger Jahre eine der Ersten, die in den neu geschaffenen Aktienmarkt investierten, damals noch für den Staatskonzern Citic. Heute gehört ihr die Fondsboutique Atlantis, die vier Milliarden Dollar verwaltet. Seit dem Start ihres Atlantis China Fund 2003 hat sie das Geld der Anleger verachtfacht.

Der Weg an die Spitze der Finanzbranche war hart. "Für Frauen ist es in China immer noch nicht leicht, erfolgreich zu sein", sagt Liu. "Die Gesellschaft wird von Männern dominiert, seit 3000 Jahren."

"Produkt des Kapitalismus"

Umso erstaunlicher, dass Lius Erfolgsgeschichte kein Einzelfall ist an Hongkongs Börse: Hier entscheiden meist Frauen darüber, welche Aktiengesellschaften die Milliarden der Anleger bekommen. Die vier besten Fonds der vergangenen zehn Jahre wurden Ende 2010 von Frauen geführt. Bei vielen weiteren Greater-China-Fonds haben ebenfalls Managerinnen das Sagen.

Auch internationale Gesellschaften, deren Hauptsitze in London, New York und Frankfurt kaum Managerinnen beherbergen, besetzen ganze Teams mit Frauen. Deren Leistung ist beeindruckend: Nicht wenige haben das Kundengeld binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt, pro Jahr schafften die vier Führenden im Durchschnitt mehr als 10 Prozent Rendite.

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Karriere-Frauen: Chinas Amazonen
Was ist der Grund für die Dominanz der Fondsmanagerinnen in Hongkong? Wie ist es Liu Yang und ihren Kolleginnen gelungen, eine Schaltstelle der Wirtschaft zu besetzen?

"Ich bin ein Produkt des Kapitalismus und der Reformpolitik", sagt Liu und bietet Hors d'Oeuvres vom dreistöckigen versilberten Etagere-Tablett an. "Ohne die Reformen könnten wir hier nicht so entspannt zusammensitzen." Sie hat schon ganz andere Zeiten erlebt: Kurz nachdem Liu 1964 in Peking geboren wird, beginnt die Kulturrevolution. Diese Ära der Massenaufmärsche und Massenmorde endet 1976, früh genug, um Liu eine normale Schulausbildung zu ermöglichen.

Finanzwissenschaften? Kannte kaum jemand

Zu Hause erhält sie ungewöhnlichen Zusatzunterricht in Wirtschaftswissenschaften: Der Vater hat politische Ökonomie studiert und kann "Das Kapital" von Marx absätzeweise auswendig zitieren. Anfang der achtziger Jahre kehrt er jedoch desillusioniert von einer Reise in die Sowjetunion zurück, gibt seine Forschung auf und gründet stattdessen einen Wirtschaftsverlag für die neue westliche Lehre. Liu hilft, Manuskripte per Hand ins Reine zu schreiben.

Der Vater rät seiner Tochter, Finanzwissenschaften zu studieren. "Damals wusste in China kaum jemand, was das ist", sagt Liu. Obwohl sie an Finanzen keinerlei Interesse hatte und westliche Literatur studieren wollte, schreibt sie sich 1984 für das neue Studienfach ein.

Wie rar die an der Finanzakademie gelehrten Kenntnisse damals sind, erlebt Liu 1988, als die Hochschulabsolventin in ein Zentrum der Reformpolitik kommt: in die Zentrale des Finanzkonzerns China International Trust and Investment Corporation (Citic). "Das Unternehmen hatte noch nie jemanden mit Abschluss in Finanzwissenschaften eingestellt. Ich war die Einzige in meiner Abteilung, die Englisch konnte", sagt Liu.

Rasch steigt die Mittzwanzigerin in die obersten Etagen des Citic-Hochhauses in Pekings Diplomatenviertel auf und berichtet schließlich direkt an Vize-Chef Wang Jun, den Sohn von Vize-Staatspräsident Wang Zhen.

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