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21. Juli 2014, 14:01 Uhr

Illegale Immigranten zurück in Mexiko

Abgeschoben und aufgestiegen

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Tausende Kinder mexikanischer Einwanderer werden jedes Jahr von US-Beamten in Mexiko ausgesetzt - in einem Land, das ihnen fast unbekannt ist. Drei erzählen hier, warum ihnen dennoch kaum etwas Besseres passieren konnte.

Wenn die Polizei sie aufgreift, bleibt ihnen nur, was sie am Körper tragen. Zeit, sich von Familie und Freunden zu verabschieden, haben sie nicht: Kinder von illegalen mexikanischen Einwanderern, die in den USA aufgewachsen sind, ohne Aufenthaltsgenehmigung. Oft sind es kleine Vergehen, durch die die Behörden auf sie aufmerksam werden: Schwarzfahren in der U-Bahn, Biertrinken auf der Straße, Routinekontrollen.

Sie landen im Abschiebeknast, werden über die Grenze nach Mexiko transportiert - und einfach ausgesetzt. In einem Land, das ihnen fremd ist. Mehr als eine halbe Million Rückkehrer zwischen 18 und 29 Jahren sind seit 2005 freiwillig oder unfreiwillig nach Mexiko zurückgekehrt. "Dreamer", Träumer, werden die jungen Leute mit US-amerikanischer Biografie genannt, die darum kämpfen, sich in Mexiko ein neues Leben aufzubauen, einen Job zu finden oder zu studieren.

Mexiko ist für sie Kulturschock, aber auch Karrieresprungbrett. Die Callcenter-Branche boomt, Firmen sind auf der Suche nach englischsprachigen Mitarbeitern - egal, ob die am ganzen Körper tätowiert sind, eine Gangster-Karriere hinter sich haben oder gar keinen Abschluss vorweisen können. Jaen Carlos hat es in eine Kanzlei geschafft, Adriana Cervantes arbeitet zum ersten Mal in einem Büro mit Klimaanlage, und Maria Ponce kann als Aktivistin sagen, was sie denkt.

Gestreiftes Hemd, Lederschuhe, die Haare millimeterkurz rasiert: Jaen Carlos sieht aus wie alle hier, in dem wohlhabenden Geschäftsviertel in Mexiko-Stadt, in dem er arbeitet, mit den verglasten Bürotürmen, teuren Cafés und Restaurants.

Aufgewachsen ist der 25-Jährige in einem "Ghetto" in Kalifornien. Er trieb sich auf der Straße herum mit seinen Kumpels. Sie tranken, prügelten sich. Zwölf Stunden täglich schuftete seine Mutter in einer Fabrik. Die Gang wurde für ihn, wie für so viele Einwandererkinder, zur Ersatzfamilie.

"Ich gehörte eher zu einer Skatertruppe, an Schießereien und Überfällen haben wir uns nicht beteiligt", erzählt er, "aber irgendwie gerätst du in den Gang-Sog hinein." Mit 18 musste er für drei Monate ins Gefängnis - wegen Graffiti, wie er sagt. Beim zweiten Mal wanderte er für sechs Monate in den Knast.

Am Tag seiner Entlassung entdeckten Beamte, dass er nicht in den USA geboren war - einen Tag später wurde er mit dem Bus nach Mexiko gebracht. Er habe sich "wie in einem Dritte-Welt-Land" gefühlt, sagt er.

In Mexiko-Stadt kam er bei Verwandten unter, jobbte in einem Fast-Food-Laden, dann in einer Schokoladenfabrik. Bis ihm bewusst wurde, dass seine Englischkenntnisse ein Vorteil sind. Er bewarb sich in einem Callcenter und verdiente auf einmal genauso viel wie jemand mit Studium: "Fließend Englisch zu sprechen ist quasi so viel wert wie ein Uni-Abschluss", sagt er.

Jetzt kümmert er sich um die Buchhaltung in einer Kanzlei, die sich auf Migrationsfälle spezialisiert hat. So kann er den Unterhalt für seinen kleinen Sohn zahlen, will ein Abendstudium beginnen, sich irgendwann ein Haus leisten. Juan Carlos sagt, er sei dankbar für die Abschiebung, selbst wenn er seine Familie in den USA vermisse. "Es war ein Kulturschock", sagt er. "Aber ich bin nicht mehr das Ghetto Kid. Die Abschiebung hat mich aus einer Situation befreit, in der niemand stecken möchte."

Wenn ihre Freunde sie nicht aus dem Bett geklingelt hätten zu einer spontanen Party, wäre Adriana Cervantes wohl noch in den USA. Die Polizisten erwischte die Gruppe mit Alkohol in der Öffentlichkeit - in Amerika verboten. Und Cervantes war die Einzige ohne Papiere. "Das war der letzte Tag, an dem ich meine Freunde gesehen habe", sagt sie.

Weil sie sich entschied, juristisch gegen die Abschiebung vorzugehen, musste sie zwei Monate in einem Gefängnis ausharren. Erst konnte sie nachts nicht schlafen vor Angst, doch die anderen Häftlinge brachten ihr Essen, beschützten sie. Dann wurde sie nach Mexiko abgeschoben, im Grenzort Nogales ausgesetzt, niedergeschlagen und ausgeraubt.

Den illegalen Grenzübertritt zurück wollte sie nicht wagen: Die mexikanischen Kartelle haben inzwischen auch Migranten im Visier, und in den Staaten hätte sie wieder keine Papiere gehabt. "In den USA hätte ich selbst mit Sozialversicherungsnummer nie die Chance gehabt, in einem Büro mit Klimaanlage zu arbeiten."

Obwohl sie ihren College-Abschluss mit guten Noten geschafft hatte, war für sie zunächst nicht mehr drin als ein Aushilfsjob an einer Tankstelle. In Mexiko-Stadt fand Cervantes dank ihrer Zweisprachigkeit schnell einen Job in einem Callcenter. Bald wird sie in das Callcenter einer großen Bank wechseln, dort verdient sie etwa 670 Euro im Monat, plus Boni, Zulagen, kostenlose Medikamenten. Für sie ein Traumjob.

Es sei zwar zynisch, dass sie erst deportiert werden musste, um von Mexiko aus US-amerikanische Kunden zu beraten, der Job mache ihr aber trotzdem Spaß: "Im Callcenter bekommst du ein neues Leben, selbst wenn du im Gefängnis warst und Tattoos hast. Dort interessiert vor allem, wie viele Stunden du arbeiten kannst und wie gut dein Englisch ist."

Maria Ponce ist geübt darin, unsichtbar zu sein. Wäre sie aufgefallen, hätte sie das ihr Leben in den USA kosten können. Einmal stand trotzdem die Polizei vor der Tür. Die Nachbarn hatten sie alarmiert, der Fernseher war zu laut. Der Vater ließ die Polizisten in die Wohnung, blieb freundlich. Die sahen sich um, gingen wieder.

"Du kannst nicht für deine Rechte kämpfen, weil du Angst hast, deinen Job zu verlieren oder abgeschoben zu werden", schimpft Ponce. Sie erinnert sich, dass in einer Pizzeria einmal andere Gäste sie und ihre Familie mit rassistischen Sprüchen verhöhnten. Es blieb nur der Rückzug: Sie ließen sich die Pizza einpacken und gingen. Für Ponce damals unverständlich: "Es hat mich immer gestört, dass meine Eltern sich nicht verteidigten."

Als sich ihre Freunde über Studiengänge, Berufe, Stipendien informierten, dämmerte ihr, dass sie in den Staaten keine Zukunft hat. "Meine Eltern sind in die USA gegangen, weil sie von einer besseren Bildung für uns träumten", sagt Ponce. "Aber sie haben nie darüber nachgedacht, was es bedeutet, keine Papiere zu haben." Die Mutter ging putzen, der Vater rackerte sich in einer Fischfabrik ab. Ponce studierte Wirtschaft, aber sich eine richtige Stelle zu suchen, das ging nicht. Sie half beim Putzen, jobbte in Bars.

"Viele Jugendliche sind frustriert. Wir haben alles - aber am Ende haben wir nichts." Ponce zog freiwillig nach Mexiko, um einer Abschiebung zu entgehen. Bei ihrem ersten Job fühlte sie sich zum ersten Mal akzeptiert: Im Callcenter hatte sie Sozialleistungen und Rechte. Inzwischen arbeitet sie für die Organisation Dream in México, die junge Rückkehrer berät.

Maria Ponce kann jetzt laut sein, ohne Angst. Mit Talkshows, Interviews und einem Buch macht sie auf die Situation der "Träumer" aufmerksam, prangert an, dass Kinder von Papierlosen in USA keine Chance haben, weil sie damit selbst illegal sind. Sie sagt: "Man denkt, die USA sind das Land der Möglichkeiten - aber das ist Quatsch."

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