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Abzocker in der Umweltbranche Ich bin dann mal Energieberater

Sie fuchteln mit Feuerzeugen vor der Heizung herum, wechseln ein paar Glühbirnen aus - und schreiben dafür hohe Rechnungen. Die Branche der Energieberater ist ein Paradies für Betrüger, denn die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Hausbesitzer kann der Pfusch Zehntausende Euro kosten.
Arbeit am Altbau: Wärmedämmung kann viel Geld sparen - aber auch viel Geld kosten

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Foto: dapd

Manchmal fällt sogar ein Anwalt auf einen Abzocker herein. Dabei hatte Rüdiger H., 47, eigentlich alles richtig gemacht: Er fragte beim städtischen Bauzentrum, wer ihn bei der energetischen Sanierung seines Hauses beraten könne. Und kurze Zeit später inspizierte ein Energieberater den Bau in München: "Der Mann lief einige Minuten im Haus herum und stellte ein paar Fragen zur Heizung. Dann zündete er neben der Terrassentür ein Feuerzeug an, um zu überprüfen, ob dort Wärme austritt."

Zum Schluss habe der Mann gesagt, er brauche jetzt noch ein paar Stunden im Büro. Er wolle am Computer berechnen, welche energetischen Maßnahmen Sinn für die Familie ergeben. Doch statt der erhofften Einsparungsvorschläge bekam H. eine Beratungsrechnung über 200 Euro. "Es ist unglaublich, dass die Firma ohne jede Leistung Geld verlangt", ärgert sich der Anwalt. Und weigerte sich zu zahlen.

Das Unternehmen hat eine andere Sicht der Dinge: "Der Kunde hat unsere Leistung beauftragt und durch Unterschrift abgenommen", sagt eine Sprecherin. Den Vorwurf mangelnder Beratung, weist sie zurück: H. habe unter anderem eine "Beratung hinsichtlich der Funktionalität des Kaminofens" sowie "in Hinblick auf die Montage einer Solaranlage auf dem Dach" erhalten.

Der Münchner Anwalt bestreitet das. Der Fall landete vor Gericht - und endete mit einem Vergleich: Rüdiger H. muss nur die Hälfte der offenen Summe begleichen.

"Gewerbe voller Scharlatane"

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Richter mit Streitereien über eine vermeintliche Energieberatung herumschlagen müssen. Von "einer wachsenden Zahl von Beschwerden über die Branche", berichtet etwa Frank Deitschun, Sachverständiger für Schäden an Gebäuden in Bremen. Der Ingenieur arbeitet selbst als Energieberater. Über feuerzeugschwenkende Kollegen kann er nur den Kopf schütteln: "Unser Gewerbe ist voll von Scharlatanen."

Der Beruf des Energieberaters ist nicht geschützt. Jeder kann sich ganz legal so nennen. "Weil der Beruf keinen staatlichen Reglementierungen unterliegt, tummeln sich dort extrem viele unqualifizierte Anbieter", sagt Klaus Layer, Leiter der Akademie für Glas-, Fenster- und Fassadentechnik in Karlsruhe.

Viele angebliche Energieberater seien schon überfordert mit der Bedienung der Computerprogramme, mit der sie ihre Sanierungsvorschläge berechnen, sagt Wolfgang Wulfes, bayerischer Landesvorsitzende des Verbandes der öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen.

Für die Kunden habe eine schlechte Energieberatung oft kostspielige Folgen: Es drohen teure Nachbesserungen, höhere Heizkosten und sogar die Rückzahlung von Fördergeldern der staatlichen KfW-Bank. Manchmal bleibe eine Wohnung nach einer fehlgeschlagenen energetischen Sanierung sogar komplett unbewohnbar, sagt Wulfes.

Betrüger geben sich als Verbraucherschützer aus

In Goslar, Ingolstadt und Viersen wird aktuell vor falschen Energieberatern gewarnt, auch in anderen Städten weisen Polizei, Stadtwerke oder Verbraucherzentrale auf schwarze Schafe hin. "In der Region um Mainz gaben sich angebliche Energieberater sogar als Mitarbeiter der Verbraucherzentrale aus", sagt Hans Weinreuter, Energiereferent der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Das Vorgehen der Betrüger ist meist dasselbe: Sie rufen gezielt Hausbesitzer an oder klingeln unangemeldet und behaupten dann, sie kämen im Auftrag der örtlichen Stadtwerke oder einer Behörde.

Die Pseudo-Experten wollen schnelles Geld machen: Einige finden im Handumdrehen dramatische Schäden und bieten die passende Fenster- oder Dachsanierung gleich mit an. Andere empfehlen einen besonders provisionsfreudigen Stromanbieter, stellen Phantom-Rechnungen oder drängen Hausbesitzern einen Energiepass auf, den man nur braucht, wenn man sein Haus verkaufen will.

Wie teuer eine verpfuschte energetische Sanierung werden kann, zeigt ein Beispiel aus Norddeutschland: Der Besitzer eines Landhauses wollte die Heizkosten in seinem Keller drücken. Dummerweise ignorierte die beauftragte Firma, dass die Wände zum Teil bereits feucht waren. "Als Folge lief der Keller mit Wasser voll und musste komplett saniert werden", sagt der Bremer Sachverständige Deitschun. Kostenpunkt: 80.000 Euro.

Falscher Dämmstoff bei jedem zweiten Bau

Der Verband privater Bauherren untersuchte unlängst mehr als 5000 Bauvorhaben aus dem Jahr 2010. Fast die Hälfte aller Wärmeschutznachweise seien falsch gewesen, so das Ergebnis. Und bei jedem zweiten Bau wurde ein falscher Dämmstoff verwendet. Das bemerken Kunden oft gar nicht. Verbraucherschützer gehen deshalb von einer hohen Dunkelziffer aus.

Eine staatlich geregelte Ausbildung und Zulassung von Energieberatern könnte den Pfuschern und Betrügern Einhalt gebieten. Dafür wären die Länder zuständig, heißt es beim Bundeswirtschaftsministerium. In den meisten Landesregierungen ist eine Regulierung der Branche derzeit jedoch kein Thema.

Dabei sehen auch Berufsverbände Handlungsbedarf: "Das Hauptproblem ist in der Tat, dass der Beruf des Energieberaters nicht geschützt ist und sich auch jemand Energieberater nennen darf, der herkömmliche Glühbirnen gegen Energiesparlampen austauscht", sagt Thomas Lohr, Vorsitzender des Europäischen Verbands der Energie- und Umweltschutzberater.

Zertifikat der Deutschen Energieagentur

Darunter leiden nicht nur die Verbraucher, sondern auch die ausgebildeten Energieberater. Ihr Beruf müsse "auf Basis der bereits bestehenden Ausbildungskriterien geschützt werden", fordert Lohr.

Seit kurzem können verunsicherte Hausbesitzer bei der Suche nach qualifizierten Experten aber immerhin auf eine Online-Datenbank der Deutschen Energieagentur (DENA) zurückgreifen. Dort werden nur Anbieter aufgenommen, die spezielle Kurse für Energieberater besucht haben. Ingenieure und Architekten müssen 120 Stunden nachweisen, Handwerker sogar 200 Stunden.

Energieberater Deitschun reicht das nicht, er kritisiert die vorgeschriebenen Leistungsnachweise als "mangelhaft". Die DENA weist die Kritik zwar zurück, doch auch Christian Stolte, DENA-Bereichsleiter für Energieeffizienz, sagt: "Es gibt noch viel zu tun."

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