Nach Diktat verreist Der menschliche Bison

Mittelmanager Achtenmeyer nimmt den Kampf mit den Büffeltieren seines Konzerns auf. Doch auch sein Karate-Training hilft ihm dabei kaum. Körperliche Gewalt ist eben nicht mehr, was sie mal war, schreibt Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne.

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Wenn er in den nächsten zwei Sekunden nicht blinzelt, dann kippt er um, das weiß Achtenmeyer genau. Er wird auf die blaue Gummimatte plumpsen und nach altem Schweiß riechen, aber was noch viel schlimmer ist: Er wird das Blickduell verloren haben. Zum Glück blinzelt jetzt sein Gegenüber, und Achtenmeyer atmet erst mal tief aus. Dann schaut er sich um, ob auch jeder mitbekommen hat, wer der Sieger ist.

Er sieht: Eine Turnhalle, an deren Wänden die Farbe abblättert und 20 mehr oder weniger gelangweilte Mittvierziger mit nackten Füßen. Karate. Eigentlich hatte er schon die bloße Existenz des Kampfsports komplett vergessen. Karate? Das war doch dieses Ding aus den achtziger Jahren, mit den bunten Bademänteln und den schrillen Schreien. Die bevorzugt das Zerhacken von Ziegelsteinen, Stahlträgern und sonstigem Baumaterial begleiteten. Per bloßer Hand, besser gesagt: per Handkante.

Wie sich herausstellt, ist Karate doch nicht mit den achtziger Jahren untergegangen, sondern, Achtenmeyer gestattet sich ein Wortspiel, immer noch alive and kicking. Das merkte er irritierenderweise daran, dass ein Flyer in seiner Post lag, der ihn über den Zustand der Mittelmanager informierte. Laut vielen Studien sind Manager der mittleren Führungsebene oft überfordert, sagte der Flyer und fuhr fort: Ständig zwischen den Forderungen der Unternehmensspitze und den Erwartungen der eigenen Mitarbeiter zu stehen, schafft besonders hohen Druck.

Wer Karate kann, behält das Heft des Handelns in der Hand

Achtenmeyer, der Mittelmanager, nickte zustimmend und wartete auf die selling line, mit der ihm etwas verkauft werden soll. Denn wenn Studien zitiert werden, läuft es immer darauf hinaus. Und da war sie schon: Wer innerlich gefestigt sei, behalte das Heft des Handelns leichter in der Hand. Der Weg dahin führe über Karate.

Nun hat Achtenmeyer tatsächlich seit einigen Wochen das unangenehme Gefühl, ständig Anforderungen erfüllen zu müssen, die seine Fähigkeiten übersteigen. Wer da unsicher ist, hat schon verloren. Erst recht gegen einen Mann wie Kulapp, den neuen Leiter Einkauf. Kulapp besitzt die Statur und die Feinfühligkeit eines Bisons.

Was nicht weiter tragisch wäre, würde er nicht dauernd in Achtenmeyers Budget rumschnüffeln und mehr Preissensibilität bei der Auswahl der Werbeagenturen und sonstigen Dienstleister anmahnen. Und dabei guckt, als werde er sein Gegenüber als Nächstes an die Wand nageln. Einhändig.

Klassische Intrigen helfen nicht mehr

Mit den klassischen Management-Intrigen, das war Achtenmeyer sofort klar, ist einem Kaliber wie Kulapp nicht beizukommen. Hier zählt allein physische Präsenz, besser noch: physische Stärke. Chikara, wie man in Japan sagt. Deshalb also Karate.

Zu seiner großen Enttäuschung allerdings glänzen Ziegelsteine und Stahlträger beim ersten Turnhallen-Termin durch Abwesenheit. Auch martialische Kampfschreie, erläutert der Trainer, seien verpönt. Ebenso Gewalt. Stattdessen gehe es vor allem um Selbstkontrolle, Konzentration und, Achtenmeyer fasst es nicht, um "Respekt" vor dem Gegner. "Denken Sie immer daran", flötet der Trainer, "wir wollen den anderen nicht besiegen. Sondern uns selbst als Persönlichkeit weiterentwickeln."

Besser Steine werfen

Eine ziemlich ernüchternde Botschaft, doch Achtenmeyer gab der Sache eine Chance. Wenn Japan mit Selbstkontrolle und Konzentration Giganten wie Toyota hervorbringen kann, sollte es auch möglich sein, damit Kulapp in die Schranken zu weisen. Brav absolviert er alle zehn Kurseinheiten, nimmt seinen bunten Gürtel in Empfang und übt sich bis zum entscheidenden meeting mit Kulapp in Selbstkontrolle.

Als es so weit ist, sagt Kulapp: "Also dann, spendings für agencies down 25 percent, mein letztes Angebot." Achtenmeyer ist erst verblüfft über die Englischkenntnisse des menschlichen Bisons, dann wütend. Dann besinnt er sich auf den Karate-Kurs, atmet tief ein und aus, sammelt sich und starrt Kulapp direkt in die Augen. Selbstkontrolle. "Auf keinen Fall akzeptiere ich ein cutting nördlich zehn Prozent", hört er sich sagen. "25, sorry. Nächster Punkt", sagt Kulapp und hält dem Blick stand.

Plötzlich wünscht sich Achtenmeyer, er hätte doch einen Ziegelstein mitgenommen. Zertrümmern könnte er ihn zwar nicht, aber immerhin Kulapp an den Kopf werfen. So aber bleibt ihm nur der taktische Rückzug bis zur nächsten Besprechung. Immerhin: Er kann förmlich spüren, wie sich seine Persönlichkeit weiterentwickelt hat. Schließlich lernt man am meisten aus Niederlagen.

+++ Lessons learned +++

1. Verhandlungssicher: Nennt der andere eine Zahl, ist es reichlich phantasielos, mit einer eigenen Zahl zu kontern. Klügere Verhandler streichen zunächst die eigenen Verdienste heraus, erläutern ihre Argumente und fordern dann das Gegenüber auf, vor diesem Hintergrund sein Angebot zu überdenken. "Kommen lassen" ist manchmal Trumpf.

2. Blickduell: Sicher wirken derlei Spielchen ziemlich pubertär, doch Dominanz und sicherer Auftritt - beziehungsweise das Fehlen derselben - spielen in Konferenzen und bei Verhandlungen eine wichtige Rolle. Wer sich damit schwertut, sollte es trainieren. Das geht nämlich.

3. Love and Peace: Schon klar, Gewalt löst keine Probleme. Aber Sport jeder Art stärkt Selbstvertrauen und -kontrolle. Das hilft bei Büro-Kämpfen, die zwar mittlerweile ohne Gewalt, aber trotzdem nicht weniger brutal ablaufen.



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