Urteil Bewerber darf trotz ADHS zur Polizei

Weil er als Jugendlicher unter der Aufmerksamkeitsstörung ADHS litt, lehnte die Berliner Polizei einen Bewerber ab. Zu Unrecht, entschied nun ein Gericht.

Polizisten in Sachsen (Archivfoto)
DPA

Polizisten in Sachsen (Archivfoto)


Eine ADHS-Erkrankung ist nicht unbedingt ein Grund, um vom Polizeidienst ausgeschlossen zu werden. Das hat das Verwaltungsgericht Berlin festgestellt.

Geklagt hatte ein 23-Jähriger, der sich 2014 für den gehobenen Dienst der Schutzpolizei in Berlin beworben hatte und mit Hinweis auf seine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung abgelehnt worden war. Die Begründung: Er könne "Aufgaben und Tätigkeiten nicht ausführen, die besondere Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit, das Reaktionsvermögen, die Umstellungs- und Anpassungsfähigkeit und die Merkfähigkeit" stellten.

Die Personaler verwiesen unter anderem auf die Belastungen des Schichtbetriebs, die Arbeit unter Zeitdruck und vor allem auf den Umgang mit der Dienstwaffe: Hier müssten "besondere Anforderungen an die gesundheitliche Eignung" gestellt werden. Für den jungen Mann nicht nachvollziehbar: Er war zum Zeitpunkt der Bewerbung schon seit mehreren Jahren symptomfrei und nimmt seit dem 19. Lebensjahr auch keine Medikamente mehr.

Ein vom Gericht bestelltes Gutachten bestätigte, dass er "aktuell nicht dienstunfähig" sei und er als Erwachsener keine ADHS-Symptome mehr zeige. Neuropsychologische Tests bescheinigten ihm außerdem normale und teilweise sogar überdurchschnittliche Ergebnisse. Das Gericht urteilte deshalb: Die Ablehnung des jungen Mannes war rechtswidrig (Aktenzeichen: VG 26 K 29.15).

Auch wenn ein erneuter Ausbruch der Krankheit "nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann, ist dies mit Blick auf seinen aktuellen Gesundheitszustand unwahrscheinlich", heißt es im Urteil.

Wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Rechtsstreits hat das Gericht ausdrücklich die Berufung in der nächsten Instanz zugelassen.

him

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insgesamt 43 Beiträge
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Brillenschlumpf 21.06.2016
1. Helicobacter-Eltern
Vielleicht merkt die aktuelle Eltern-Generation endlich einmal, dass sie mit ihrem Überbehüten ihren Sprösslingen teils mehr schaden als nützen. "Nein Dscheremie-Dankwart, du darfst nicht studieren, das wird von unserer Rechtschutz nicht bezahlt." Ist das polemisch? Ja sicher, aber wenn Kindern Chancen nicht ermöglicht werden, weil die Eltern sich oftmals vor der aktiven Erziehungsarbeit (Pille = passiv) gedrückt haben, dann ist es weitaus trauriger.
lab61 21.06.2016
2.
Außergewöhnliches Reaktionsvermögen, hohe Anpassungsfähigkeit und Wandlungsfähigkeit, sind gerade die Stärken von ADHS-Menschen. In außergewöhnlichen Situationen mit hohem Streß- und Gefahrenpotential fühlen sich ADHSler erst richtig wohl und funktionieren mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Und gleichzeitig mit der Fähigkeit, sich ungewöhnlich schnell und gut an sich verändernde Situationen anzupassen. Hunters in a farmers world.
ksail 21.06.2016
3. Persönliche Verantwortung der Richter?
Ich habe ja grundsätzlich nichts gegen solche Urteile. Mich würde allerdings interessieren, ob die beteiligten Richter auch zu ihrer persönlichen Verantwortung stehen, wenn die psychisch kranken Menschen, denen der Weg in den Polizeidienst geöffnet wurde, den Anforderungen nicht standhalten. Oder bekommen wir dann wieder nur zu hören, das hätte ja niemend mit letzter Sicherheit wissen können?
missluce 21.06.2016
4. @apfeldroid
Sie leben wohl nicht mit einem Soldaten mit PTBS zusammen? :'(
cobaea 21.06.2016
5.
Zitat von ksailIch habe ja grundsätzlich nichts gegen solche Urteile. Mich würde allerdings interessieren, ob die beteiligten Richter auch zu ihrer persönlichen Verantwortung stehen, wenn die psychisch kranken Menschen, denen der Weg in den Polizeidienst geöffnet wurde, den Anforderungen nicht standhalten. Oder bekommen wir dann wieder nur zu hören, das hätte ja niemend mit letzter Sicherheit wissen können?
Ein Kind mit ADHS ist nicht psychisch krank sondern hyperaktiv. Und in diesem Fall war der Bewerber ausschliesslich in seiner Kinder- und Jugendzeit hyperaktiv. Zum Zeitpunkt seiner Bewerbung war er seit Jahren symptomfrei.
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