Diskriminierung Fernsehen setzt Moderatorinnen auf Diät

Das ägyptische Staatsfernsehen hat acht Moderatorinnen suspendiert. Die Frauen dürfen erst wieder vor die Kamera, wenn sie abgenommen haben. Frauenrechtlerinnen sind empört.

Khadija Khattab
ERTU

Khadija Khattab


Die Chefin der staatlichen ägyptischen Rundfunkunion ERTU, Safaa Hegazy, hat acht Fernsehmoderatorinnen suspendiert und sie zum Abnehmen aufgefordert.

Die Frauen dürfen erst wieder auf Sendung gehen, wenn sie ein "angemessenes Erscheinungsbild" vorweisen, berichten lokale Medien. Dafür sollen sie einen Monat Zeit bekommen.

Die Nachrichtenagentur AFP meldet hingegen, die Frauen seien nicht suspendiert worden, sondern sollen einen Monat lang hinter der Kamera mitarbeiten.

Die Entscheidung solle alle TV-Moderatoren daran erinnern, auf ihr Aussehen und ihr Körpergewicht zu achten, hieß es von der Senderleitung. Die Suspendierung der acht Frauen sei der erste Schritt eines Plans, Disziplin und Reformen anzustoßen, um "das schöne Bild all unserer TV-Sender wiederherzustellen."

Khadija Khattab, eine der betroffenen Moderatorinnen, sagte im Interview mit einem privaten Fernsehsender, dass sie noch nicht offiziell über die neuen Anweisungen informiert worden sei, wie die "New York Times" berichtet. Kürzlich sei aber denen "mit Maßnahmen gedroht worden", die es nicht schafften, bis Mitte September an Gewicht zu verlieren. Berichte, in denen Khattab unter anderen als "fett" bezeichnet wurde, nannte die Moderatorin "unfair" und "verletzend".

Eine Form der Gewalt gegen Frauen

Frauenrechtlerinnen reagierten empört auf die Geschehnisse und nannten das Vorgehen sexistisch, da augenscheinlich nur Frauen davon betroffen seien. Das ägyptische Frauenzentrum für Beratung und rechtliches Bewusstsein sieht darin eine Verletzung der Verfassung und beschrieb die Anordnung als eine Form der Gewalt gegen Frauen.

In einem Facebook-Post forderten die Aktivisten das Sendernetzwerk auf, die Entscheidung zurückzunehmen. Ägyptischen Berichten zufolge haben die Fernsehmacher ein Zurückrudern von ihrer Anordnung aber bereits ausgeschlossen.

Eman Beibers, Vorsitzende der in Kairo sitzenden NGO Association for the Development and Enhancement of Women (ADEW), plädierte dafür, weder männliche noch weibliche TV-Moderatoren auf Grundlage ihres Gewichts zu beurteilen, sondern lediglich nach ihren Fähigkeiten. Als Beispiel für eine Frau, die es auch mit ein paar Pfunden mehr auf den Hüften zu großem Erfolg geschafft hat, verwies Beibers auf die US-amerikanische Talkshow-Königin Oprah Winfrey.

Safaa Hegazy, die Chefin des Sendernetzwerks, verteidigte am Donnerstag ihre Entscheidung und wies die Sexismusvorwürfe zurück. "Wie kann es in einer Institution mit einer Frau an der Spitze Diskriminierungen gegen Frauen geben?", sagte sie der Nachrichtenagentur AFP.

"Sie ist vielleicht ein bisschen übergewichtig, aber sie ist eloquent"

Die ägyptische Medienszene dagegen ist sich uneinig, ob der Schritt des Sendernetzwerks richtig war oder nicht. Viele Kommentatoren stehen den beurlaubten Frauen zu Seite, doch es gibt auch Gegenstimmen. So zitiert die "New York Times" eine ägyptische Kolumnistin, die ihren Lesern die Frage stellt, ob nicht noch mehr Moderatorinnen verbannt werden sollen.

Die Debatte beschäftigte sogar das ägyptische Parlament. Der Abgeordnete und Journalist Sayyid Hegazy verteidigte eine der Moderatorinnen, in dem er laut BBC sagte: "Sie ist vielleicht ein bisschen übergewichtig, aber sie ist eloquent."

Khadija Khattab selbst glaubt inzwischen, dass das angebliche Übergewicht der Frauen nur ein Vorwand des Rundfunks war, sie und ihre Kolleginnen aufs Abstellgleis zu stellen. "Es ist bloß ein Versuch, erfolgreiche Moderatorinnen loszuwerden und durch andere zu ersetzen, die seichteres Programm bringen", zitiert sie die Nachrichtenseite Gulf News aus einem Zeitungsbericht.

Das ägyptische Staatsfernsehen ist schon seit Längerem um Reformen bemüht, um den stetig sinkenden Einschaltquoten entgegenzuwirken. Viele Ägypter halten die Sender des Netzwerks für parteiisch und regierungstreu, schreibt die "New York Times".

Seit dem Umsturz des Mubarak-Regimes seien die Zuschauerzahlen nochmals dramatisch zurückgegangen. Laut Gulf News schalten die Leute lieber andere Kanäle ein, die hauptsächlich junge, gutaussehende Menschen vor der Kamera beschäftigen.

jal/AFP

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Ein_denkender_Querulant 18.08.2016
1. Für die Gesundheit
Das istin Japan schon lange Realität, weil die Firmen der ungesunden Fettleibigkeit schon lange den Kampf angesagt haben. Das ist sehr verantwortungsbewußt. Da könnten sich unsere Firmen eine Scheibe von abschneiden.
box-horn 18.08.2016
2.
Nun - es besteht sicher ein Unterschied zwischen "ein paar Pfund zuviel" und schlicht und einfach fett. Nun habe ich bis jetzt angenommen, daß unsere europäischen Hungerhaken dort als unästhetisch empfunden würden, aber das ist vielleicht auch nicht das gewünschte Ideal. Oprah W. eignet sich übrigens nicht als Beispiel für eine erfolgreiche Übergewichtige. Die hat meines Wissens ihre Pfunde erst gesammelt, als sie schon Quotenqueen war, und überdies hat sie zwischenzeitlich auch wieder abgespeckt.
a.totok 18.08.2016
3.
jetzt kommen wieder die frauenrechtlerinnen...
bollocks1 18.08.2016
4. In Indien...
...auch. Besonders bei den Airlines....
räbbi 18.08.2016
5.
don't hate the player hate the game
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