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Klinikärzte vor dem Zusammenbruch "Sechs Wochen Pause, so ein Glück"

Wochenenddienste, kaum Zeit für Patienten und jede Menge unbezahlte Überstunden: Drei Klinikärzte erzählen von ihrem Arbeitsalltag - und warum sie froh sind, wenn sie selbst krank werden.

"Nachts mach ich's fast umsonst" stand auf einem Plakat, und auf einem anderen: "Arzt 24/7 inklusive": Am Mittwoch versammelten sich 5000 Ärzte in Frankfurt, um für bessere Arbeitsbedingungen zu streiken. Deutschlandweit legten sie die Arbeit in kommunalen Kliniken nieder.

Ihr Ziel: Sie wollen nur noch zweimal im Monat einen Wochenenddienst übernehmen und fordern eine Begrenzung der Bereitschaftsdienste. Hier erzählen drei Ärzte, warum das nötig ist.

Sylvia Ottmüller, 47, arbeitet als Gynäkologin am Klinikum Stuttgart in Baden-Württemberg:

"Wenn einer meiner Kollegen krank wird, gibt es oftmals keinen Ersatz. Damit sind alle Kollegen einer extremen Belastung ausgesetzt. Gerade die älteren sagen deshalb immer häufiger: 'Ich kann dieses Tempo nicht halten.' Die gehen dann in Teilzeit, damit wird das Problem natürlich nur schlimmer.

Auch Nachwuchs zu finden, wird immer schwieriger. Dicke Stapel aus Bewerbungsmappen gibt es schon lange nicht mehr. Viele Mediziner nehmen nach dem Studium den Arztberuf gar nicht erst auf oder verlassen die Klinik nach einem halben Jahr wieder, weil es zu anstrengend ist.

In guten Wochen arbeite ich 52 Stunden. Dazu muss man sagen, dass in vielen Kliniken in Deutschland Überstunden unter den Tisch fallen.

In der Gynäkologie ist die Arbeitszeit oft nicht planbar, Geburten kann man nicht wie beispielsweise eine Operation in einen Terminkalender eintragen. Dadurch häufen sich Überstunden an. Zusätzlich muss ich für Kollegen einspringen, Bereitschafts- und Wochenenddienste übernehmen.

Ein geregeltes Privatleben hat keiner von uns. Für den Job fällt vieles hinten runter: Ausflüge, Konzertbesuche, Essen gehen mit Freunden. Ständig muss man solche Termine verschieben. Das macht Ärzte in vielen Fällen irgendwann einsam."

Ein Facharzt für Chirurgie, 55, aus Hessen:

"Einmal habe ich mir beim Skilanglauf den Außenknöchel gebrochen. Ich lag da im Schnee und tastete mein Bein ab. Ich wusste sofort, der war gebrochen - ich bin ja Chirurg. Ich war total erleichtert. Zu meiner Frau sagte ich nur: 'Sechs Wochen Pause, so ein Glück.'

Ich wusste, dass sich etwas an meinem Arbeitsalltag ändern musste, als die Kinder kamen. Mein Sohn ist heute zwölf Jahre alt, für ihn nahm ich die vollen drei Jahre Elternzeit. Nebenher machte ich Bereitschaftsdienste, wegen des Geldes. Das war ein ungewöhnlicher Schritt, aber er war nötig. Vorher habe ich gearbeitet, bis ich nicht mehr konnte, Überstunden habe ich natürlich nicht aufgeschrieben.

Heute arbeite ich in Teilzeit, offiziell bin ich 20 Stunden die Woche in der Klinik. Mit Überstunden und Bereitschaft komme ich trotzdem auf einen Vollzeitjob. Das reicht dann auch, mehr geht in meinem Alter nicht mehr."

Heike Richter, 35, arbeitet als Neurologin am Kreisklinikum Siegen in Nordrhein-Westfalen:

"Wenn man anfängt zu studieren, geht man naiv an die Sache ran. Natürlich weiß man, dass die Arbeitsbelastung später im Job hoch sein wird - aber was wirklich auf einen zukommt, kann man sich nicht vorstellen.

Ich liebe meinen Job, Neurologie ist wie Rätselraten. Aber die Arbeitsbelastung ist extrem hoch. Ich kann es mir nicht leisten, mal nicht so fit zu sein, das bade ich sonst am nächsten Tag auf jeden Fall aus. Auch so mache ich häufig Überstunden.

Zusätzlich habe ich regelmäßig 24-Stunden-Schichten, da schließt sich an einen normalen Arbeitstag eine Nachtschicht an. Über Nacht habe ich Bereitschaftsdienst, das heißt, dass ich eigentlich nur ungefähr die Hälfte der Zeit arbeiten sollte. Das klappt aber nie, wenn ich Glück habe, kriege ich ein bis zwei Stunden Schlaf. Ich bin schon seit ein paar Jahren im Job und erfahren - die jungen Kollegen schlafen meist gar nicht.

Wenn ich nach so einer Schicht am späten Vormittag nach Hause gehe, bin ich natürlich für nichts mehr zu gebrauchen. Am nächsten Tag muss ich trotzdem um acht Uhr wieder in der Klinik sein."

Im Video: Emergency Room Essen 1 - In der Notaufnahme

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