Immer im Dienst: Doppelschicht und Doppellast
Ärzte und Pfleger Total biegsam, total aufgerieben
Elmar Offers erinnert sich noch gut an seine Zeit als Assistenzarzt an einem Bielefelder Krankenhaus, Mitte der neunziger Jahre. Vor allem an die Nachtdienste am Wochenende, wenn das ständige Geräusch des Piepers durch die Gänge hallte. Während ein Mann mit Herzinfarktverdacht eingeliefert wurde, bekam ein anderer Patient plötzlich Atemnot. Offers pendelte ständig zwischen Notaufnahme und seiner Station in der Inneren Medizin.
Nach der Nachtschicht ging es weiter, mit Neuaufnahmen und der Visite bis zum Nachmittag. Manchmal war er 32 Stunden im Dienst. "Wenn du nicht geschlafen hattest, warst du schon nach 24 Stunden am Ende. So konnte ich nicht vernünftig arbeiten", sagt er heute. Seit seinem Berufseinstieg findet das Leben des Kardiologen in der Klinik statt. Hobbys wie Basketball gab er auf, zu selten konnte er die Trainingszeiten einhalten.
Wie Offers, 44, geht es vielen Medizinern, Krankenschwestern oder Altenpflegern - daran hat sich wenig geändert. In Schichtsystemen arbeiten Pflegende rund um die Uhr und opfern dafür ihr Privatleben. Der Beruf wird zum Mittelpunkt des sozialen Lebens - "wie eine Ersatzfamilie", so Offers.
Wolfgang Schmidbauer glaubt, dass der Drang zu Helfen in eine Sucht münden kann. Mit seinem Buch "Die hilflosen Helfer" prägte der Münchner Psychoanalytiker schon 1977 den Begriff "Helfersyndrom". Das altruistische Berufsethos unter Medizinern, die häufig über die eigenen Kräfte hinausgehen, kennt auch Offers. Selbstausbeutung sei unter seinen Kollegen nicht selten: "Das Gefühl, der Job könne nicht ohne einen auskommen, ist sicher in der Medizin weit verbreitet."
Der Arzt: Wie nimmt man Druck aus dem System?
Die Folgen können Burnout oder andere psychische Probleme sein. Auch Offers hat solche Fälle in seinem Bekanntenkreis. "Die Kollegen konnten nicht mehr und mussten einfach mal raus." Inzwischen ist er als Oberarzt an einem Krankenhaus in Lippstadt selbst für Dienstpläne verantwortlich. Den Wechsel hat er sich gut überlegt, er hätte sich auch mit einer eigenen Praxis niederlassen können. Ohne Bereitschaftsdienste, mit geregelten Arbeitszeiten. "Die Liebe zum Krankenhaus war größer", sagt er.
Sein Arbeitszeitmodell sieht inzwischen Tagdienste von 8 bis 16.30 Uhr vor. Häufig bleibt er länger. Dazu kommen bis zu 15 nächtliche Bereitschaftsdienste pro Monat. Werden Patienten mit Herzinfarktverdacht eingeliefert, muss er binnen 15 Minuten im Krankenhaus sein. Etwa bei jedem zweiten Dienst steht er nachts in der Klinik, angerufen wird er immer.
"An 15 Tagen im Monat kann ich kein Glas Wein trinken oder Freunde in Bielefeld treffen" - dort verbringt er die freien Wochenenden mit seiner Freundin. In Lippstadt arbeitet er nur und wohnt auf dem Krankenhausgelände. Er überlegt, seine Stelle langfristig auf 90 Prozent zu reduzieren. Und hat mit Triathlon angefangen, weil sich bei diesem Sport die Trainingszeiten frei einteilen lassen.
Wenn er heute Dienstpläne schreibt, hat er auch nur begrenzte Möglichkeiten, Druck aus dem System zu nehmen. Mit der Personalleitung denkt er über neue Arbeitszeitmodelle nach, um Assistenzärzte zu entlasten. Aber er muss feststellen: "Die Belastung für Berufsanfänger hat weiter zugenommen, gerade in den Bereitschaftsdiensten. Das macht viele Ärzte heute mürbe."
Die Hebamme: "Kinder kommen, wann sie wollen"
Ulrike Aulbach, 54, kennt die zwei Seiten des Helfersyndroms nur zu gut: "Ohne würde das System nicht funktionieren." Seit 18 Jahren ist sie freiberufliche Hausgeburts-Hebamme und hat schon oft darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen. Als sie vor zwei Jahren mit den Kräften am Ende war, nahm Aulbach ein halbes Jahr Auszeit. Drei Monate davon grübelte sie in den Pyrenäen über ihre berufliche Zukunft - und entschied, den Job weiterzumachen. Nun ist Aulbach wieder rund um die Uhr als Hebamme erreichbar. "Kinder kommen, wann sie wollen, das ist eben ein Sieben-Tage-Job", sagt sie.
Drei, vier Geburten betreut Aulbach pro Monat, bei vier weiteren assistiert sie als zweite Hebamme. Ein- oder zweimal pro Woche muss sie nachts raus, egal wie viel sie vorher gearbeitet hat oder wie viele Vorsorgeuntersuchungen und Wochenbettbetreuung der nächste Tag bringt. Etwa 850 Kindern hat sie schon auf die Welt geholfen. Kürzlich rechnete sie zum ersten Mal ihre Wochenarbeitszeit aus: 62 Stunden.
Zwei Monate im Jahr nimmt Aulbach Urlaub. Dann hat sie ein geregeltes Privatleben, sonst nie. "Meine Kinder sind oft stinksauer. Zu viele Schulaufführungen habe ich schon verpasst. Zu oft musste ich an Weihnachten raus." Am Wochenende sind mit ihrem Lebensgefährten und den drei Kindern nur kleinere Ausflüge möglich - mit zwei Autos, damit Aulbach im Notfall schnell zu einer Patientin fahren kann. Zu ihrem 40. Geburtstag wollte sie mit Freunden eine große Party schmeißen. Kaum war die Feier richtig im Gange, klingelte ihr Handy: Noch jemand wollte in dieser Nacht Geburtstag haben. Den Abend feierten die Gäste allein.
So sehr sie für ihren Beruf liebt, so skeptisch sieht Ulrike Aulbach ihre Zukunft als Hebamme. Immer mehr freie Geburtshelferinnen geben aus finanziellen Gründen auf. Die Honorare für Geburten sind niedrig, die Berufshaftpflicht-Kosten für freiberufliche Hebammen mit 3600 Euro jährlich hoch.
Warum tut Ulrike Aulbach sich das an? Und arbeitet nicht fest in einer Klinik? "Es gibt für mich nichts Schöneres, als zu sehen, wie gut einer Frau eine Geburt tun kann. Wie sehr sie daran wachsen kann." In einer Klinik könne sie niemals arbeiten, dort werde zu viel Chemie eingesetzt.
Die Pflegerin: "Das sind keine Roboter"
Auch Andrea (Name geändert), Altenpflegerin in einem Hamburger Altenheim, hilft gern. Viele Jahre arbeitete sie in zwei Schichten: Frühdienst 6 bis 13 Uhr, Spätdienst 14 Uhr bis 20.30 Uhr. Wenn eine der Nachtwachen Urlaub hatte oder krank war, sprang Andrea auch nachts ein.
Als Pflegedienst und Heim neue Leiter bekamen, hieß es: ab sofort sparen, es gehe um die Existenz. Die letzte Leitung habe schlecht gewirtschaftet und zu viele teure Leiharbeitskräfte angefordert. Bei einem Spätdienst 2007 wurde Andrea, 44, ins Büro gerufen. Der Heim- und der Pflegedienstleiter erklärten, sie solle ihre Wochenstunden auf 34 reduzieren. Den neuen Vertrag könne sie direkt unterschreiben - das Heim habe sie immer unterstützt, nun könne sie dem Haus etwas zurückgeben. Andrea hätte gern nur 34 Stunden gearbeitet. Aber 200 Euro weniger Gehalt, das konnte sie sich nicht leisten. Und lehnte ab.
Dafür sollte die Pflegerin aber vier geteilte Dienste pro Monat übernehmen, so könne das Haus auch sparen, sagten die beiden Leiter. Andrea willigte ein. Aber unterschrieben habe sie diese Vereinbarung nie, auch keinen Arbeitsrechtler gefragt. "Damals wusste ich noch nicht, was ein geteilter Dienst wirklich bedeutet."
Nun arbeitet Andrea vor allem an Wochenenden mehr als sonst. Ihr Dienst beginnt um 6.30 Uhr, die lange Pause um 12.30 Uhr. In der zweiten Schicht versorgt Andrea die Bewohner von 15.30 Uhr bis 19.30 Uhr. Eine Heimfahrt lohnt sich in den drei Stunden Unterbrechung nicht. Andrea verbringt sie in leerstehenden Zimmern und einer ausgedienten Umkleidekabine mit Sofa.
Der geteilte Dienst ist für die Pfleger anstrengender und wirbelt zudem den Tagesablauf der Bewohner durcheinander, glaubt Andrea: "Ich hab's doch mit Menschen zu tun. Das sind keine Roboter, die man programmieren kann wie einen Wecker." Trotzdem beschwert sie sich nicht bei der Heimleitung. Sie weiß, dass die alten Menschen ihre Hilfe brauchen. Abends ist Andrea völlig fertig. Sie hat oft keine Lust, sich mit Freunden zu treffen, fällt nur noch ins Bett.
In den Internet-Pflegeforen finden sich viele solcher Geschichten. Vor allem Pflegende, die schon lange in ihrem Beruf arbeiten, seien sehr stark vom Wunsch beseelt, anderen zu helfen, glaubt Hebamme Ulrike Aulbach: "Wer so etwas nicht in sich trägt, der steigt meist kurz nach der Ausbildung aus."
Sie hat immerhin einen Plan B: Sollte Aulbach als Hebamme nicht mehr genug Geld verdienen können, will sie als Sterbebegleiterin arbeiten. "Ich habe mal eine Freundin in den Tod begleitet und gemerkt, dass mich das ähnlich berührt wie eine Geburt." Auch hier könne sie helfen.
Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.