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29. März 2012, 13:03 Uhr

Arzt-Service für Vielflieger

Bohrer statt Wartehalle

Von Martin Hintze

Was tun mit der Wartezeit zwischen den Flügen? Eine sinnvolle Möglichkeit: zum Arzt gehen. Deutschlands Flughäfen werben mit präzise getakteten medizinischen Behandlungen um die Gunst der Nomaden. Die Grenzen setzt nur der Himmel.

Hamburg - Vielflieger sind vor allem eines: Vielwarter. Warten vor dem Check-in, warten vor der Sicherheitskontrolle, warten vor dem Boarding, warten auf den nächsten Flieger. Und dazwischen: noch mehr Wartezeit. Was tun? Die Geschäfte am Flughafen bieten überteuerten Schnickschnack, die Cafés haben meist nicht mehr Charme als eine zugige Wartehalle, die E-Mails auf dem Laptop im Handgepäck sind längst abgearbeitet.

Genau auf diese ungebuchten Stunden in den digitalen Kalendern der Flughafen-Nomaden haben es Dienstleister abgesehen, die man an solchen Orten nicht unbedingt vermutet: Ärzte. Medizin to go - so lässt sich das Konzept auf den Punkt bringen. Für Menschen, die ohnehin nur wenig Zeit an einem Ort verbringen, kann dieser Service durchaus sinnvoll sein.

Eine Zahnreinigung nach dem Boarding? Ein Blutwerte-Check vor dem nächsten Anschlussflug? Kein Problem. Ein kurzer Anruf einen Tag vorher genügt und der Termin wird minutiös mit dem Flugplan des Patienten abgestimmt. Auf fünf der sechs größten Flughäfen Deutschlands sind Ärzte direkt vor Ort mit ihren Praxen vertreten. Das Spektrum an angebotenen Leistungen ist von Airport zu Airport unterschiedlich.

Rund um die Uhr Rezepte

In München ist die Vielfalt am größten: Augenärzte, Frauenheilkunde, eine Hals-, Nasen-Ohren-Praxis, ein Dermatologe, Physiotherapie, sogar eine Ärztin für Innere Medizin und einen Zahnarzt findet man am Flugdrehkreuz der bayerischen Hauptstadt. "Untersuchungen und Check-ups sind nach vorheriger Terminvereinbarung auch zwischen zwei Flügen machbar", sagt Barbara Schindler, Leiterin des Medizinischen Zentrums am Flughafen München. Auch das Ausstellen von Rezepten ist rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche möglich - praktisch, wenn ein gestresster Manager mal wieder das Heuschnupfenmittel nicht im Handgepäck hat.

Auch am Flughafen Köln/Bonn hat man es besonders auf zahlungskräftige Vielflieger abgesehen. Mit klassischen Warteräumen haben die Lounge-Sessel und aufwendig beleuchteten Tresen der "Medical + Dental Suite" kaum noch etwas gemein. "Wir bieten Flugreisenden Behandlungen im allgemeinmedizinischen und zahnmedizinischen Bereich an", erklärt Leiter Jochem Heibach. Geöffnet ist die Praxis - wie auch der Flughafen - an 365 Tagen im Jahr. Feiertage gibt es für die neun behandelnden Ärzte vor Ort nicht. Dafür dürfte auch die Zahl an lukrativen Privatpatienten unter den Bonus-Meilen-Sammlern besonders hoch sein.

Bloß keine Nachblutungen riskieren

Zahnärzte sind auf den Airports der Bundesrepublik am häufigsten vertreten. "Die Behandlungen von Fluggästen bei kurzen Aufenthalten ist ein Wachstumsfeld für uns", sagt auch Kathrin Tobien, die eine Praxis am Frankfurter Flughafen betreibt. Freilich kommt nicht jede Behandlung vor einem Flug in Frage. Chirurgische Eingriffe beispielsweise sind nicht machbar. "Wegen der Druckunterschiede kann es während des Fluges zu Nachblutungen kommen" erklärt Tobien.

Füllungen, Kronen oder Zahnreinigungen sind dagegen unproblematisch. Auch die schnelle Therapie von plötzlich auftretenden Zahnschmerzen gehört zum üblichen Service. Ebenfalls kein Problem: Keramikinlays innerhalb von 24 Stunden. Das funktioniert so: Vor dem Hinflug nimmt der Arzt den Zahnabdruck, nach dem Rückflug wird das in einem eigenen Labor angefertigte Inlay eingesetzt. Was gemacht werden kann und was nicht, sollte direkt bei der Terminvereinbarung abgesprochen werden.

Noch ist die zeitoptimierte Behandlung von Reisenden vielerorts eher ein Nebengeschäft. Die weitaus größere Zahl der Patienten gehört zum Personal. Kaum verwunderlich: Allein am Köln/Bonn Airport, dem sechstgrößten Flughafen Deutschlands, arbeiten 12.000 Menschen. Vielen kommt ein kurzer Weg zum Arzt sehr gelegen.

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