Ärztin im Krankenhaus Wer hält seine Schwangerschaft am längsten geheim?

Blut abnehmen, operieren, 24-Stunden-Dienste - all das ist für schwangere Medizinerinnen tabu. Eigentlich. Eine Assistenzärztin erzählt, warum viele Kolleginnen verschweigen, dass sie Mutter werden.

Schwangere Ärztin (Symbolbild)
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Schwangere Ärztin (Symbolbild)


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Ich dachte, ich hätte alles richtig gemacht. Jahrelang intensiv gelernt, das berüchtigte Hammer-Examen für Medizin bestanden. Und dann bekam ich die erste Stelle in meinem Traumjob: einen Vertrag als Assistenzärztin an einer Klinik. Nach einem halben Jahr gab es noch eine frohe Neuigkeit: Ich war schwanger. Zum Glück ist die Probezeit gerade abgelaufen, dachte ich.

Ich war erst in der achten Woche. Trotzdem ging es mir bei der Arbeit schlecht. Ich schaffte die Zwölf-Stunden-Dienste nicht mehr, konnte das Blut nicht mehr sehen, wollte mich nicht anstecken. Die Angst um das ungeborene Leben rief in mir einen diffusen Ekel vor dem Blut hervor, den Türklinken, den eitrigen Verbänden.

An einem Tag bekam ich selbst plötzlich Blutungen. Ich sagte nichts und brachte meinen Arbeitstag zu Ende. Abends ging ich zum Frauenarzt. Die Blutungen waren zum Glück ungefährlich. Am nächsten Tag war ich wieder bei der Arbeit.

Eigentlich durfte ich gar nicht weiterarbeiten wie bisher. Für Schwangere im Krankenhaus gilt: eine Arbeitszeit von höchstens acht Stunden, Nachtarbeit ist verboten, das heißt keine 24-Stunden-Dienste mehr. Die Arbeit mit potenziell infektiösen Stoffen ist untersagt. Damit fallen Blutabnahme, Operationen und Bluttransfusionen weg. Außerdem müssen Schwangere die Nähe zu Narkosegasen und Röntgenstrahlen meiden. Auch der Einsatz in der Notaufnahme ist praktisch nicht mehr möglich. Da begegnet einem alles: hochinfektiöse Patienten, Alkoholiker, Drogensüchtige und blutüberströmte Schwerverletze.

Das Wohlwollen des Chefarztes habe ich verloren

In der Woche darauf ließ ich mir einen Termin beim Chef geben. Ich konnte nicht mehr. Als ich die Nachricht überbrachte, reagierte er äußerst ungehalten. Und nicht nur er: Die ganze Abteilung, die nun meine Arbeiten übernehmen musste, schien gegen mich zu sein. Kollegen tuschelten, stichelten und griffen mich verbal offen an: Ich hätte mich doch nur um die Arbeit drücken wollen. Und das kurz nach der Probezeit!

Als ich endlich sechs Wochen vor der Geburt in Mutterschutz gehen durfte, konnte ich mich nicht mehr ungetrübt freuen. Ich liebe meinen Job, die Reaktionen haben mich sehr verletzt. Und jetzt, nach einem Jahr Elternzeit, frage ich mich auch, wie es weitergehen soll. Habe ich mir mit dieser Schwangerschaft jede Chance auf Weiterbildung verbaut?

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Mir stehen noch mindestens fünf Jahre Facharztausbildung in der Inneren Medizin bevor. Ich muss noch jede Menge Untersuchungen und Operationen absolvieren. Und meine Klinik verfügt - wie die meisten Krankenhäuser - nicht über ein festes Rotationssystem, in dem alle Assistenzärzte durch die Bereiche wandern. Ich hänge also vom Gutdünken des Chefs und der Oberärzte ab, ob sie mir Untersuchungen zeigen und Verantwortung übertragen - und das tun sie schon lange nicht mehr. Das Wohlwollen des Chefarztes habe ich verloren. So wie er sich verhalten hat, wird er meinen Vertrag wohl kaum verlängern.

Dafür haben die anderen Assistentinnen aus meinem Fall gelernt. Auch von ihnen sind ein paar schwanger, aber sie verschweigen das, solange es geht. Sie machen Dienste, sie nehmen Blut ab, gehen in Zimmer von hochinfektiösen Patienten und in den OP-Bereich. Das ist fast wie ein kleiner Wettbewerb: Wer hält seine Schwangerschaft am längsten geheim?

Eine Assistenzärztin aus meinem Bekanntenkreis hielt es sogar bis zur 25. Woche aus. Sie war gerade erst in die Anästhesie eingeteilt worden und hätte sonst, umgeben von Narkosegasen, nicht mehr weiterarbeiten dürfen.

Auch eine andere schwangere Kollegin wollte nicht sofort ausfallen. Sie zwang sich jeden Tag zur Arbeit, bis sie irgendwann Krämpfe im Bauch verspürte: Vorwehen, mitten in der Schwangerschaft. Der Frauenarzt erteilte ihr sofortiges Berufsverbot.

Eines steht fest: Noch ein Kind will ich nicht bekommen."

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aa_mode 18.04.2016
1.
Ich weiss nicht, was mich mehr betrübt: die Verantwortungslosigkeit dieser jungen Ärztinnen gegenüber ihres ungeborenen Kindes - und das in einem Beruf, dessen Grundvoraussetzung Verantwortungsbewustsein ist - oder die grotesk asoziale Verhaltensweise der Kollegen und Vorgesetzten - und das in einem Beruf, der von Empathie und Sozialkompetenz geprägt sein sollte.
drstefanjuettner 18.04.2016
2. jammernde Ärztin
Der Artikel stammt ist entweder ca. 10 Jahre alt oder die Ärztin sucht einen Grund zum jammern. In Zeiten der Generation Y über welche bereits das Ärzteblatt berichtet, sowie der Elterngeldgeneration können Ärzte die Spielregeln bestimmen und tun dies auch. Selbst männliche Ärzte können locker Eltern (teil) zeit nehmen. In der Assistentenzeit zu kündigen ist von Seiten der Klinik kaum möglich.
udolf 18.04.2016
3.
Das Verhalten der anderen ist sicherlich nicht zu entschuldigen, allerdings Schwangerschaften lassen sich heute relativ gut Planen das man sich einen besseren Zeitpunkt hätte aussuchen können?
isaskiara 18.04.2016
4. #regrettingmotherhood
Da haben wir es wieder: Diese Gesellschaft ist hochgeradig frauen-, familien- und kinderfeindlich!
MiniMoogMe 18.04.2016
5.
Mir ist schleierhaft, warum manche Menschen Schwangeren und Eltern im Beruf das Leben so schwer machen müssen. Als wäre Kinderkriegen irgendwelche egoistische und hedonistische Freizeitbeschäftigung, die nur auf die Kosten der Arbeit geht. Ich versuche immer, Schwangere und Eltern unter meinen Kollegen bestmöglich zu unterstützen, sie haben eh schon genug um die Ohren. Außerdem ziehen sie meine künftigen Rentenzahler groß. Es gibt Frauen, die dabei feststellen, dass sie lieber Vollzeitmütter sein wollen und nie wieder ins Angestelltenverhältnis treten - ja, OK, über solche mache ich mich gerne lustig, weil ich selbst diese Denkweise nicht nachvollziehen kann, aber ganz rational gesehen sollen sie das doch machen wenn es ihnen so passt. Ich kenne aber auch Frauen, die sich zuhause mit Kindern nur langweilen und so schnell wie möglich ins Berufsleben zurückwollen. Die holen die Zeit doch locker nach. Was sind 1-2 Jahre Elternzeit ggü. etwa 35 Gesamtarbeitsjahren bis zur Rente? Der Eine nimmt in der Zeit einen "Sabbatical", der Andere wird arbeitslos, der Dritte wiederum eine Weiterbildungsmaßnahme. Aber wenn stattdessen jemand ein Kild zur Welt bringt - mein Gott, auf einmal ist der Aufschrei groß!
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