SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

02. März 2015, 18:33 Uhr

Tabak-, Alkohol- und Glücksspielbranche

Image mies, Bezahlung grandios

Von Helene Endres

Wer in der Tabak-, Alkohol- oder Glücksspielbranche Karriere macht, verdient wesentlich mehr als Kollegen in anderen Bereichen. Allerdings: Man handelt sich auch ein soziales Stigma ein.

Für durchschnittlich 331.000 Dollar im Jahr verkaufen Top-Manager ihre Seelen - so das Ergebnis einer Studie der Cass Business School an der City University in London. Sie zeigt: Um die gesellschaftliche Stigmatisierung auszugleichen, verdienen leitende Angestellte in der Glücksspiel-, Tabak- oder Alkoholindustrie weitaus mehr als ihre Kollegen in gemeinhin unauffälligeren Branchen.

Die Forscher analysierten die Einkommen der 1500 größten börsennotierten US-Unternehmen der vergangenen 20 Jahre. Ihr besonderer Fokus lag dabei auf den Top-Manager-Gehältern in der Alkohol-, Glücksspiel- und Tabakindustrie.

Ansatz ihrer Untersuchung waren Zahlen, wonach Arbeitnehmer in Berufen, die sozial stigmatisiert sind, besser verdienen. "Würde beispielsweise ein Leichenwäscher schlecht bezahlt, wäre es schwer, Leute für diesen Job zu finden", sagt Pawel Bilinski, der an der an der London City University im Bereich Buchhaltung und Finanzanalysen forscht.

Bilinski und sein Kollege Jiri Novak von der Prager Karls-Universität wollten wissen: "Lassen sich diese Ergebnisse auch auf das Topmanagement in Branchen übertragen, die soziale Normen verletzen, weil sie der Gesundheit schaden?"

Bilinskis Bilanz: "Je größer der Schaden, den die verkauften Produkte den Menschen zufügen, desto höher ist das Gehalt, das die Verantwortlichen bekommen." Dabei machen die CEOs der Tabakfirmen, der wohl am meisten stigmatisierten Branche, den wohl besten Schnitt. Sie erhalten mit durchschnittlich 479.647 US-Dollar den wahrscheinlich höchsten Aufschlag pro Jahr im Vergleich zu Kollegen bei gut beleumundeten Firmen.

Dahinter klingeln die Kassen der Kollegen aus dem Glücksspielbereich mit einem Plus von 304.980 US-Dollar, für die Chefs der Alkoholindustrie gibt es 297.738 US-Dollar extra zum Ausgleich fürs schlechte Karma. Insgesamt wurden in der Studie im Zeitraum von 1992 bis 2012 insgesamt 147.284 Jahreseinkommen ausgewertet. Die Autoren halten die Ergebnisse für übertragbar auf den europäischen Raum.

Um sicherzugehen, dass der entscheidende Faktor für den Bonus das Negativ-Image des Arbeitgebers ist, untersuchten Bilinski und seine Kollegen, mit welchen Argumenten üblicherweise eine Spitzenbezahlung gerechtfertigt wird: "Unsere Analyse hat gezeigt, dass die höheren Gehälter der Sünden-Industrie nicht daran liegen, dass zum Beispiel die Aufgaben komplexer wären und somit nur besonders talentierte und teure Manager angeworben werden können", sagt Bilinski. "Auch besteht kein Ausfallrisiko beim Gehalt, auch ein klassischer Grund, mehr zu zahlen."

Ein weiterer Beleg, dass sich die miese Reputation einer Branche auf die Chefs überträgt: Keiner will mit den Schmuddelkindern spielen. Anders gesagt: CEOs aus anrüchigen Bereichen sind wesentlich seltener in branchenübergreifenden Gremien anzutreffen als ihre Kollegen aus der Mainstream-Wirtschaft. "Das soziale Stigma belastet den Ruf der Manager, sie werden wesentlich seltener in Aufsichtsräte berufen - und wenn, dann meist in kleinere Firmen", so Forscher Bilinski. "Das Statussymbol des Aufsichtsrats bleibt Sünden-Managern verwehrt." Auch das könnte mit ein Grund für ein erhöhtes Grundeinkommen sein: Zu lukrativen Nebengeschäften kommt es erst gar nicht.

Andererseits legt die Studie auch den Umkehrschluss nahe: In Firmen mit sehr gutem Image wird schlechter bezahlt. Oder wie es Finanzforscher Pawel Bilinski ausdrückt: "Es gibt starke Anhaltspunkte dafür, dass öffentliche Bewunderung auch eine Art der Bezahlung sein kann."

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung