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Studie zur Bezahlung in der Altenpflege "Überdurchschnittliches Risiko, trotz Arbeit arm zu sein"

Altenpfleger bekommen für ihre Arbeit weit weniger Geld als andere Beschäftigte in der Pflege. Damit der Fachkräftemangel nicht schlimmer wird, müssen die Löhne laut einer Studie schneller steigen.
Bewohnerin und Pflegekraft in einem Heim in Stuttgart

Bewohnerin und Pflegekraft in einem Heim in Stuttgart

Foto: Christoph Schmidt/ dpa

Die Löhne steigen, aber nicht schnell genug: Altenpfleger werden in Deutschland deutlich schlechter bezahlt als andere Erwerbstätige - und als andere Beschäftigte in der Pflege.

Während Fachkräfte der Gesundheitspflege in Krankenhäusern im Mittel etwa 3.340 Euro brutto im Monat verdienen, kamen Fachkräfte in der Altenpflege 2017 auf lediglich etwa 2740 Euro brutto für eine Vollzeitstelle.

Das entspricht etwa 85 Prozent des mittleren Verdienstes aller Berufsgruppen, heißt es in einer neuen Studie  im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Zwischen 2012 und 2017 stiegen die Löhne der 1,3 Millionen Beschäftigten in der Altenpflege demnach zwar um gut 15 Prozent und damit stärker als in vielen anderen Branchen. Dennoch ist der Rückstand auf die anderen Berufsgruppen weiter groß.

  • Besonders niedrig sind demnach die Löhne von Hilfskräften in der Altenpflege, die im Mittel bei 1940 Euro liegen.
  • Zudem unterscheidet sich die Bezahlung je nach Arbeitsplatz: Altenpflegekräfte in Krankenhäusern verdienen aufgrund von Tarifverträgen besser als Beschäftigte in Senioreneinrichtungen.
  • Am niedrigsten sind die Löhne in der ambulanten Altenpflege, wo besonders selten nach Tarif gezahlt wird.

Die Einkommen für eine Vollzeitstelle liegen hier unter 1560 Euro monatlich und damit im Bereich des Mindestlohns. "Eine Zahl, die an Brisanz gewinnt, verdeutlicht man sich, dass 67 Prozent der Hilfskräfte in der Altenpflege in Teilzeit arbeiten und deshalb noch einmal niedrigere Einkommen erzielen", sagt Studienautorin Michaela Evans.

"Die Beschäftigten im gesellschaftlich enorm wichtigen Tätigkeitsfeld der Altenpflege tragen ein überdurchschnittliches Risiko, trotz Arbeit arm zu sein", sagt Co-Autorin Christine Ludwig. Das sei nicht nur ein Problem für die Betroffenen, sondern auch für die Arbeitskräftesicherung in der Altenpflege –- mit Folgen für andere Branchen. Die Altenpflege leiste auch einen Beitrag dazu, den "Produktionsfaktor Arbeit" abzusichern, heißt es in der Studie. Denn Erwerbstätige seien zunehmend auch pflegende Angehörige.

Eine Annäherung an die Löhne in der Krankenpflege könnte die Altenpflege zudem attraktiver machen. Auszubildende in Pflegeberufen absolvieren zunächst einen "generalistischen" Teil, bevor sie sich für eine Spezialisierung entscheiden. Angehende Pfleger dürften sich daher doppelt fragen, warum sie sich für die schlechter bezahlte Altenpflege entscheiden sollten, argumentieren die Autorinnen.

Bis zu 5,2 Milliarden Euro jährlich für Bezahlung nach Tarif

Zur Aufwertung der Altenpflege schlagen die Wissenschaftlerinnen vor, flächendeckend tarifliche Mindeststandards zu setzen. Auch die gesetzlichen Vorgaben für die Refinanzierung von Lohnerhöhungen seien nicht mehr angemessen. Weil die Pflegeversicherung diese nicht übernimmt, wirken sich höhere Verdienste von Altenpflegern auf die Eigenbeiträge der Gepflegten aus.

Mehr zur Studie

Die von der Bundesregierung angestrebte bessere Bezahlung von Pflegekräften auf Tarifniveau würde einem Bericht zufolge jährlich zwischen 1,4 und 5,2 Milliarden Euro kosten. Das geht aus einer Studie des IGES-Instituts für das Bundesgesundheitsministerium hervor, über die die "Bild am Sonntag" berichtete.

Die günstigste Variante wäre demnach eine nach Regionen oder Bundesländern unterschiedliche tarifliche Bezahlung mit Kosten von mindestens 1,4 Milliarden Euro. Bei der teuersten Variante würden alle Gehälter bundesweit einheitlich an den Tarifvertrag im öffentlichen Dienst angepasst, was jährlich etwa 5,2 Milliarden Euro mehr kosten würde.

Dazwischen läge dem Bericht zufolge ein bundesweiter gestaffelter Mindestlohn mit Mehrkosten von 1,5 bis 2 Milliarden Euro. Eine Pflegehilfskraft würde dann bis 2500 Euro verdienen, eine Fachkraft bis zu 3200.

Für Studienautorin Evans stehen zunächst die unteren 20 Prozent der Verdienste im Vordergrund, also etwa die ambulanten Altenpfleger. Deren Bezahlung könne man wohl mit dem mittleren Modell verbessern, sagte sie dem SPIEGEL. Das Vollszenario hält Evans für "wünschenswert" - ob es realistisch ist, stellt sie aber infrage.

"Wenn wir die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte verbessern wollen, müssen sie besser bezahlt werden", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) der "Bild am Sonntag". "Egal, wofür wir uns entscheiden - das bedeutet spürbare Mehrkosten." Die privaten Pflegeanbieter wehren sich allerdings gegen eine bundesweit festgelegte Bezahlung.

mit Material von dpa