Mangelnde Altersvorsorge junger Menschen "Traditionelle Muster ganz stark in den Köpfen verankert"

Bei der Rente nehmen sich viele junge Menschen ausgerechnet ihre Eltern zum Vorbild. Jugendforscher Klaus Hurrelmann erklärt, woran das liegt - und wie gefährlich das für diese Generation werden könnte.

imago images /PhotoAlto

Ein Interview von


Nur etwa ein Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen spart fürs Alter - und fühlen sich bei der finanziellen Zukunftsplanung von der Politik vernachlässigt. Das geht aus einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Kantar Public im Auftrag des Versorgungswerks MetallRente hervor, die an diesem Montag vorgestellt wird.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 19/2019
Energiewende: Wie eine große Idee am deutschen Kleingeist scheitert

84 Prozent der 17- bis 27-Jährigen in Deutschland stimmten demnach der Aussage zu, dass es auch in Zukunft "eine gute Rente" geben könne, wenn der Staat dies wirklich wolle. Gleichzeitig bezweifeln sie aber, dass die Politik die notwendigen Voraussetzungen schaffe.

Knapp die Hälfte legt ab und zu etwas für die Rente zurück. Knapp jeder dritte Befragte spart regelmäßig für das Alter. Im Vergleich zu 2010 sank der Anteil der Vorsorger um sieben Prozent. Für die Studie befragten Wissenschaftler 2500 junge Erwachsene zu ihren Vorstellungen über die persönliche Zukunft, Sparverhalten und finanziellen Kenntnissen. Der Soziologe Klaus Hurrelmann, Mitautor der Shell-Jugendstudien, begleitet die Erhebung wissenschaftlich.

ZUR PERSON
  • imago/Reiner Zensen
    Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance. Sein Forschungsinteresse gilt dem Bereich Gesundheits- und Bildungspolitik. Er ist Mitglied des Leitungsteams mehrerer fortlaufender nationaler Studien zur Entwicklung von Familien, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hurrelmann war Professor für Sozialisation an den Universitäten Essen und Bielefeld und Gründungsdekan der Bielefelder Fakultät für Gesundheitswissenschaften.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hurrelmann, der Studie zufolge sind viele junge Menschen pessimistisch, wenn es um ihre Rente geht. Wie wirkt sich das aus?

Klaus Hurrelmann: Wenn die Rentenpolitik sich nicht an den Bedürfnissen junger Menschen ausrichtet, sind sie nicht nur von Altersarmut bedroht, sondern ihr Vertrauen in die Politik wird gefährdet. Sie haben eine sehr skeptische Haltung, was ihre Absicherung für das Alter angeht. Die Jugendlichen haben nicht das geringste Vertrauen, dass ihnen das Sparen heute eine Garantie für eine ausreichende Rente in 50 oder 60 Jahren bietet. Das sorgt für eine große Unsicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig erwartet weniger als ein Viertel der Jugendlichen, in Zukunft einmal von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. Wie passt das zusammen?

Hurrelmann: Diese Unbekümmertheit ist eine Reaktion auf die sehr günstige Arbeitsmarktsituation. Die jungen Menschen wissen: Wir sind gefragt. Die Gefahr, heute von Jugendarbeitslosigkeit betroffen zu sein, ist sehr gering. Das wirkt sich auch auf die Zukunftsplanung aus.

SPIEGEL ONLINE: Legen deshalb immer weniger junge Menschen Geld fürs Alter zurück?

Hurrelmann: Die Jugendlichen wissen, dass die gesetzliche Rente nicht ausreichen wird. Aber die Möglichkeiten, die ihnen zum Sparen angeboten werden, leuchten ihnen nicht ein. Es wird von ihnen verlangt, dass sie Geld in den traditionellen Strukturen zurücklegen, etwa auf einem Sparbuch. Eine Garantie, dass ihnen das später zu Gute kommen wird, gibt es aber nicht. Es könnte ja durch eine Wirtschaftskrise zunichte gemacht werden, und derzeit sind die Zinsen extrem niedrig. Junge Erwachsene wünschen sich eine staatliche Absicherung.

SPIEGEL ONLINE: Der Staat sollte sich kümmern?

Hurrelmann: Genau. Im Idealfall wollen die Jugendlichen, dass das Modell ihrer Eltern fortgeführt wird: eine verbindliche, umfassende Altersvorsorge mit garantierter Ausschüttung. Die jungen Menschen haben den Wunsch nach möglichst wenig Stress.

SPIEGEL ONLINE: Laut Ihrer Studie erwarten die Jugendlichen auch, in Zukunft mehr Freizeit neben der Arbeit zu haben. Das klingt insgesamt nach hohen Ansprüchen.

Hurrelmann: Die Ansprüche sind gestiegen, ganz klar. Die Generation erwartet viel vom Berufsleben: Junge Menschen wollen sich persönlich voll entfalten können, aber nicht aufgezehrt werden. Sie wollen ihre Privatsphäre gesichert wissen. Und sie wollen Verlässlichkeit für die Zukunft. Allerdings muss man ihnen zugestehen, dass sich hier zum ersten Mal eine junge Generation aktiv um die Vorsorge für das Alter kümmern muss, um sich abgesichert zu fühlen. Das ist eine historisch neue Situation.

SPIEGEL ONLINE: Die Jungen scheinen alles anders machen zu wollen - gleichzeitig sehnen sie sich nach den Traditionen ihrer Elterngeneration. Gilt dieser Widerspruch nur beim Thema Rente?

Hurrelmann: Nein, es gibt noch weitere. Besonders überrascht hat uns, wie unterschiedlich Frauen und Männer ihre berufliche Zukunft einschätzen. Auch da scheinen traditionelle Muster ganz stark in den Köpfen verankert zu sein. Das Rollenbild der Hausfrau ist zwar fast völlig verschwunden. Dennoch gehen junge Frauen schon in der Vorplanung davon aus, dass sie diejenigen sein werden, die für die Kindererziehung kürzer treten werden. Bei jungen Männern ist das selten der Fall. Das ist unter dem Gesichtspunkt der Gleichberechtigung irritierend.

Mehr zum Thema


insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MioMioMimi 06.05.2019
1.
Überrascht das jetzt wirklich irgendjemanden? Wie sollen wir denn vorsorgen? Alle Methoden sind für die Katz. Unterm Strich steht immer ein dickes Minus. Ist ja auch logisch. Tausende Leute wollen ihr Geld mit der Verunsicherung der Leute verdienen. Wie soll ich am Ende also kein Minusgeschäft machen, wenn hier und da immer noch was abgezwackt wird?
Zita 06.05.2019
2. Recht haben sie!
Mal abgesehen davon, dass einem in dem Alter die Rente noch unendlich weit weg erscheint, natürlich denken die Jungen so. Welche Sparform sollen sie denn wählen: Riesterrente soll doof sein, Lebensversicherungen funktionieren auch nicht mehr so wie früher, Aktien können ganz toll oder ganz miserabel abschneiden und Zinsen sind eh im Keller. Dann die Frage, wie viel man als Berufsanfänger überhaupt monatlich übrig hat, um zu sparen. Studenten, die ja auch in diese Altersgruppe fallen, sicher gar nichts. Außerdem kann kein Normalverdiener genug Geld zusammensparen für die Lebenserwartung dieser Generation. Wenn man über 90 wird, sind alle Ersparnisse irgendwann weg. Man bräuchte also eine vernünftige Rente, die bis zum Lebensende bezahlt wird.
Spr. 06.05.2019
3. Richtig so!
Diese jungen Leute werden, bevor sie denn Rentner sind, die aktuelle Politik gestalten! Bei deren Einstellungen wird das keine neoliberale Politik mehr sein! Unsere heutige "wirtschaftskonforme Demokratie" wird diese Generation wohl ebenfalls dahin entsorgen, wo sie schon längst hingehört: auf den Müllhaufen der Geschichte! Aber es überrascht nicht, dass die heutigen Generationen an der Macht das nicht verstehen können. Haben doch genau diese Generationen die sehr erfolgreiche soziale Marktwirtschaft abgeschafft und durch die heutige radikale Marktwirtschaft ersetzt. Heute wird geradezu erwartet, dass jeder gequält aufschreit, wenn irgendjemand irgendetwas sagt, was auch nur annähernd sozial sein könnte. Die alten Parteien werden sich noch sehr darüber wundern, dass sie mit ihren ebenso alten Ideen bei den jungen Generationen keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Aber leider nach wie vor absolut nichts verstehen! Schon gar nicht, dass für die jungen Generationen endlich wieder andere Werte zählen als Geld und Macht!
katja78 06.05.2019
4.
Zitat von ZitaMal abgesehen davon, dass einem in dem Alter die Rente noch unendlich weit weg erscheint, natürlich denken die Jungen so. Welche Sparform sollen sie denn wählen: Riesterrente soll doof sein, Lebensversicherungen funktionieren auch nicht mehr so wie früher, Aktien können ganz toll oder ganz miserabel abschneiden und Zinsen sind eh im Keller. Dann die Frage, wie viel man als Berufsanfänger überhaupt monatlich übrig hat, um zu sparen. Studenten, die ja auch in diese Altersgruppe fallen, sicher gar nichts. Außerdem kann kein Normalverdiener genug Geld zusammensparen für die Lebenserwartung dieser Generation. Wenn man über 90 wird, sind alle Ersparnisse irgendwann weg. Man bräuchte also eine vernünftige Rente, die bis zum Lebensende bezahlt wird.
Ähm und diese "vernünftige Rente" fällt vom Himmel? Wie wäre es mal mit etwas Logik: wenn die Menschen immer älter werden, müssen sie entweder zu Lebzeiten deutlich mehr zurücklegen oder länger arbeiten um einerseits mehr zurücklegen zu können und andererseits die Rentenbezugszeit zu verkürzen. Anders wird es nicht gehen, wenn D nicht explosionsartig seine rentenbeitragszahlende Bevölkerung vergrößert.
interessierter Laie 06.05.2019
5. oh mein Gott...
Zitat von ZitaMal abgesehen davon, dass einem in dem Alter die Rente noch unendlich weit weg erscheint, natürlich denken die Jungen so. Welche Sparform sollen sie denn wählen: Riesterrente soll doof sein, Lebensversicherungen funktionieren auch nicht mehr so wie früher, Aktien können ganz toll oder ganz miserabel abschneiden und Zinsen sind eh im Keller. Dann die Frage, wie viel man als Berufsanfänger überhaupt monatlich übrig hat, um zu sparen. Studenten, die ja auch in diese Altersgruppe fallen, sicher gar nichts. Außerdem kann kein Normalverdiener genug Geld zusammensparen für die Lebenserwartung dieser Generation. Wenn man über 90 wird, sind alle Ersparnisse irgendwann weg. Man bräuchte also eine vernünftige Rente, die bis zum Lebensende bezahlt wird.
was für ein Blödsinn. Zukunft ist immer unsicher. Und früher waren die Sparzinsen bei 2 Prozent, die Inflation aber genauso hoch. Auch für die Existenz des Staates kann niemand garantieren. Oft leben Unternehmen sogar länger als Staaten - große Teile des heutigen DAX sind älter als die Bundesrepblik. Oder Sie können früh sterben und dann gar nichts von ihrer gesetzlichen Rente haben. Aber deswegen ganz auf Vorsorge zu verzichten ist selten dämlich. Damit wird das Risiko zur Gewissheit. Gerade mit einem niedrigen Einkommen ist bspw. Riester besser, denn auf knapp 1000 EUR im Jahr bekommt man 175 EUR Staatsförderung. Es gibt auch inzwischen Riester-Verträge mit ETFs, also ungemanageten indexnahen Aktien- und Anleihenfonds mit entsprechend sehr niedrigen Gebühren. Und gerade weil die Rente noch so weit weg ist, kann man in diesem Alter getrost in Aktienfonds gehen. Den Fall, dass ein komplettes Indexportfolio von heute auf morgen komplett wertlos wurde, hat es noch nie gegeben. Übrigens: Durch Zinsen ist es durchaus möglich, sogar bis in die Unendlichkeit von einem Kapitalstock zu leben. Dann muss es aber - das gebe ich zu, ein ziemlicher Batzen sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.