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Job & Karriere

Amerikanischer Jobtraum Wie Deutsche ihr Glück in New York suchen

Den Manager mit Mode-Leidenschaft begeistern die Fashion-Shows. Die Fitnesstrainerin gibt Kurse auf der Brooklyn Bridge. Die Künstler reizen die unbegrenzten Möglichkeiten, aber die Stadt ist auch ein hartes Pflaster - fünf Deutsche, fünf Geschichten über das Leben und Überleben in New York.
Von Katharina Finke
Fitness in New York: Ariane Hundt hat das erfolgreiche "Bootcamp" ins Leben gerufen.

Fitness in New York: Ariane Hundt hat das erfolgreiche "Bootcamp" ins Leben gerufen.

Foto: Katharina Finke

Freiheitsstatue, Wolkenkratzer, Broadway - ikonische Orte überall. Die gelben Taxis hupen, Menschenmassen hetzen durch Hochhausschluchten, darunter grollt die U-Bahn. Tickt die Uhr hier schneller?

New York sehen Menschen weltweit als die Adresse, um ganz groß rauszukommen. "If I can make it there, I'll make it anywhere", besang Frank Sinatra die Stadt. Hier suchen Arbeitsnomaden, darunter viele Deutsche, ihr berufliches und privates Glück.

Einfach ist das nicht. Das Ringen um die Aufenthaltsgenehmigung, hohe Mieten, unsichere Arbeit machen Einsteigern das Leben schwer. Manche hangeln sich mit mehreren Jobs zugleich durch, andere machen sich selbständig, hin und wieder winkt auch das Glück einer gutbezahlten Festanstellung.

Fünf Deutsche erzählen, was sie nach New York zog und warum sie geblieben sind. Aber auch, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben, was anders funktioniert als in Deutschland und welche Möglichkeiten die Stadt für ihre Karriere bietet.

Die Fitness-Spezialistin startet ihre eigenes Kursprogramm, der Manager bekommt viel Verantwortung und trifft Top-Designer. Der Jazzmusiker, der Tenor, die Künstlerin lassen sich von der lebhaften Kulturszene inspirieren. Sie alle lieben, was sie tun, sie arbeiten viel und versuchen, ihren persönlichen Traum zu leben.

Nils Neubert, Tenor: "Trau dich zu träumen"

Nils Neubert, 26: Der Tenor aus Hamburg ist seit 2003 in New York

Nils Neubert, 26: Der Tenor aus Hamburg ist seit 2003 in New York

Foto: Katharina Finke

"Wer von seiner Arbeit besessen ist, ist in New York genau richtig. Denn hier arbeitet man ununterbrochen. Feierabend oder Wochenende wie in Deutschland gibt es so gut wie gar nicht, insbesondere für Künstler.

Durch einen Schüleraustausch vor zehn Jahren bin ich in die USA gekommen. Nachdem ich in Hamburg meine Leidenschaft für die Musik entdeckt hatte, bekam ich an der Schule in Massachusetts das erste Mal Gesangsunterricht. Ich wollte Sänger werden und beendete die Schule. In New York machte ich mit einem Ausbildungsvisum einen Bachelor in Gesang und einen Master in Pädagogik. Ermöglicht wurde mir das durch Stipendien.

Danach durfte ich für ein Jahr in meinen Fachbereichen arbeiten. Also nahm ich bezahlte Engagements an und machte bei Wettbewerben mit. Dazu lud ich Leute ein und versuchte, Beziehungen aufzubauen. Das reichte noch nicht, um die hohen Lebenshaltungskosten und PR-Ausgaben zu decken. Und da es in den USA kaum Festanstellungen für Sänger gibt, baute ich mir, wie viele andere, ein zweites Standbein auf. Ich arbeitete als Gesangslehrer und Chorleiter, unterrichtete Privatschüler. Letztes Jahr wollte ich mich für ein Künstlervisum bewerben, doch dann erhielt ich durch die Heirat mit meiner amerikanischen Frau eine Greencard.

Als Sänger weiß man nie, was passiert

Inzwischen habe ich drei bis vier Auftritte im Monat und sogar schon auf allen drei Bühnen der Carnegie Hall gesungen. Bammel hatte ich nie. Ich habe alles Unerwartete immer als Chance gesehen, nicht als Problem, zum Beispiel meine Entscheidung für einen Master in Pädagogik statt in Gesang. So kann ich nun schon mit 26 an der Uni dozieren.

Andere Sänger kellnern oder haben einen Bürojob. Dagegen bin ich flexibel: Ich muss kein Vorsingen absagen, kann regelmäßig meinen Gesangslehrer sehen und genug üben. Außerdem habe ich immer mit Musik zu tun und werde auch gut genug bezahlt.

Doch als Sänger weiß man nie, was passiert. Die Stimme ist ein sehr mächtiges und gleichzeitig sehr empfindliches Instrument. Außerdem haben viele Entscheidungen nicht nur mit Qualifikation, sondern auch mit Beziehungen und Glück zu tun. All diese Dinge muss man akzeptieren, deswegen brauche ich auch die finanzielle Absicherung mit dem Gesangsunterricht. Wir werden sehen, vielleicht unterrichte ich in zehn Jahren weniger und singe mehr. Oder andersrum.

Ich würde jedem, den New York reizt, empfehlen, sein Glück zu probieren. Man sollte sich trauen zu träumen, aber andererseits auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Das Wichtigste bei allem ist es immer, ehrlich zu sein."

Ariane Hundt, Fitnesstrainerin: "Sei nicht zu blauäugig"

Ariane Hundt, 35: Die Personal Trainerin aus Dortmund ist seit zehn Jahren in New York

Ariane Hundt, 35: Die Personal Trainerin aus Dortmund ist seit zehn Jahren in New York

Foto: Katharina Finke

"Ohne Greencard oder Visum ist es schwer, eine Stelle in den USA zu finden. Als ich mit 24 nach New York kam, hatte ich über 200 Bewerbungen geschrieben und nichts bekommen. Die erste Frage beim Vorstellungsgespräch zielte immer auf die Aufenthaltsgenehmigung ab, denn die Arbeitgeber zahlen nicht gern fürs Visum. Also schlug ich mich erst mal mit mehreren Nebenjobs gleichzeitig durch: Deutschunterricht geben, Messekarten verkaufen, babysitten.

Damit konnte ich gerade so die Miete zahlen. Dann kam 9/11, und nichts ging mehr. Also bin ich zum Arbeiten nach Connecticut, was mir nicht gefallen hat. Das Leben war so langweilig, dass ich eine Ausbildung als Personal Trainerin machte.

Zwei Jahre später stellte mich, zurück in New York, endlich eine Firma ein und sponserte meine Greencard. Mein Einstiegsgehalt waren 45.000 US-Dollar, damit kommt man in New York nicht weit. Aber ich habe mich schnell hochgearbeitet. Nach drei Jahren mit 15 Stunden täglich am Schreibtisch war ich Assistant Director of Research. Dafür blieb mein Privatleben auf der Strecke. Ich wusste, dass sich etwas ändern muss. Ich wollte ein Bootcamp auf der Brooklyn Bridge aufmachen.

Der Start war ernüchternd

Also gab ich vor und nach der Arbeit Fitnesskurse und legte mir Geld zur Seite. Außerdem machte ich einen Master in Ernährungswissenschaften. Vor vier Jahren kündigte ich dann meinen Job und machte mich als Personal Trainerin selbständig. Das erste Bootcamp war ernüchternd: Keiner kam. Ich verteilte unzählige Flyer, Medien fingen an, über mich zu berichten, immer mehr Menschen kamen. Nach vier Monaten hatte ich das gleiche Gehalt wie in meinem alten Job. Inzwischen ist es eines der erfolgreichsten Bootcamps der Stadt und mein "Slim & Strong-Kurs" Wochen im Voraus ausgebucht.

Pech hatte ich bislang nur einmal, als letztes Jahr ein Angestellter mein Vertrauen missbrauchte. Erst wollte ich alles hinschmeißen, dann habe ich mich wieder aufgerappelt. Schließlich erfüllt mir mein Job einen Traum: Ich kann positiven Einfluss auf Menschen haben. Und dafür gebe ich viel. Ich stehe sechs Tage die Woche um fünf Uhr auf und arbeite bis acht Uhr abends.

Mein Rat ist daher immer: Sei nicht blauäugig und komm einfach hierher, sondern informiere dich erst mal. Ich habe mir das auch gut überlegt, aber nie mit so einem Erfolg gerechnet: Ich darf mich neben meinem Idol David Kirsch als Fitnessexpertin einreihen, in den nächsten Wochen kommt meine Workout-DVD auf den Markt. Und bald mache ich mein eigenes Studio in Manhattan auf. This is really a dream come true."

Elias Meister, Musiker: "Hab keine Angst davor, unten anzufangen"

Elias Meister, 27 (bei einem Auftritt mit seiner Band Mon Khmer): Der Münchner Musiker zog 2007 nach New York

Elias Meister, 27 (bei einem Auftritt mit seiner Band Mon Khmer): Der Münchner Musiker zog 2007 nach New York

Foto: privat

"Die Mischung aus Menschen, die nach New York kommen, um sich hier etwas aufzubauen, hat mich schon immer fasziniert. Außerdem ist die Musikszene hier unvergleichlich mit der in deutschen Städten. Jeden Tag kann man so viele gute Musiker treffen, mit ihnen spielen und sich inspirieren lassen. Das ist einfach unglaublich. Ich komme mit Menschen in Kontakt, von denen ich es mir nicht erträumt hätte, sie mal zu treffen.

Vor vier Jahren bin ich hierher gekommen, direkt nach meinem Musikstudium in Boston. Ich habe schnell gemerkt, dass New York eine sehr teure Stadt ist. Außerdem werden Musiker schlechter bezahlt als in Deutschland. Dafür gibt es aber auch mehr Möglichkeiten aufzutreten. So bewarb ich mich für ein Künstlervisum, denn ich wollte Musik machen, mich weiter als Künstler entwickeln und entfalten. Hier sind die Karrierechancen um einiges größer, aber der Wettbewerb ist umso härter.

Man muss sich beweisen

Ich bekam das Visum und begann immer mehr, meinen Traum zu leben: Ich gab Konzerte im Bowery Ballroom und im Littlefield, an den Universitäten Yale und Princeton. Ich veröffentlichte meine erste Jazz-CD, die Debüt-Vinyl-Platte mit meiner Rockband Mon Khmer und tourte mit ihr letztes Jahr durch das Land.

Gerade stecken wir in den letzten Zügen für eine EP, parallel dazu mache ich ein Video zu meiner Jazz-CD fertig. Ende Juni werde ich mein zweites Album aufnehmen und im September ein neues Künstlervisum beantragen.

Es ist nicht einfach, in New York zu überleben, weil die Mieten und Lebenshaltungskosten so hoch sind. Deswegen verdiene ich noch etwas als Barkeeper dazu. Wer hierher kommt, darf man keine Angst davor haben, unten anzufangen. Wenn man sich beweist, kann das zu einer guten Festanstellung führen. Ich glaube, die USA sind offener für unkonventionelle Ideen, solange sie erfolgreich sind."

Markus Kirwald, Produktentwicklungsmanager: "Tritt selbstbewusst auf"

Markus Kirwald, 45: Vor drei Jahren aus Reutlingen nach New York

Markus Kirwald, 45: Vor drei Jahren aus Reutlingen nach New York

Foto: Katharina Finke

"Eigentlich wollte ich nicht mehr ins Ausland gehen. Direkt nach meinem Studium habe ich für die Niederlassung des deutschen Strickmaschinenherstellers Stoll in New York gearbeitet. Ursprünglich wollte ich nur zwei Jahre bleiben, daraus wurden über drei, bis es zurück nach Reutlingen ging. Fast 20 Jahre lang reiste ich für Stoll um die Welt. Doch vor drei Jahren gab es unerfreuliche private Ereignisse, so dass ich kurzerhand einen Neuanfang wagte.

Ich bewarb mich bei Stoll als Produktentwicklungsmanager in New York und bekam mein firmenfinanziertes Arbeitsvisum sozusagen über Nacht. Im neu errichteten Showroom mitten in Manhattan wurde mir viel Verantwortung übertragen, die ich in Deutschland nicht so schnell bekommen hätte. Hier kommen täglich hochrangige Designer, etwa von Calvin Klein und Polo Ralph Lauren, mit neuen Ideen, die wir für sie mustern und zum Teil auch produzieren.

Der Andrang ist groß, es ist eine echte Herausforderung, das alles zu bewältigen. Deswegen bin ich oft von sieben Uhr morgens bis sieben oder neun Uhr abends oder später im Büro, fünf bis sieben Tage die Woche.

Die Erfahrungen sind unbezahlbar

Vor der New York Fashion Week ist es das totale Chaos hier. Aber die Arbeit macht Spaß, ich habe ein super Team hinter mir. Ein tolles Gefühl ist es, wenn ein bekanntes Model auf dem Runway ein Teil trägt, das von uns gemacht wurde. Da bekomme ich Gänsehaut.

Es gibt auch richtig schwierige Momente, aber ich bin ein Kämpfer und gebe nicht so schnell auf. Außerdem weiß ich, wo ich meine Kraft herbekomme: von Gott. Gott hat für mich hier in New York eine Tür aufgemacht, ich bin durchgegangen. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage in den USA sehe ich einen Segen auf unserem Geschäft und bin dankbar, dass ich diesen Job habe.

Ich kann nur jeden, der ins Ausland gehen möchte, dazu ermutigen. Die Erfahrungen sind unbezahlbar. Man sollte einfach immer selbstbewusst auftreten, sein Ziel vor Augen haben und sich entsprechend beim Vorstellungsgespräch präsentieren. Wenn man in Deutschland ausgebildet wurde, hat man hier große Chancen auf einen guten Job."

Tine Kindermann, Künstlerin: "Such ein zweites Standbein"

Tine Kindermann, 49: Die Künstlerin aus Berlin lebt seit 1993 in New York

Tine Kindermann, 49: Die Künstlerin aus Berlin lebt seit 1993 in New York

Foto: Katharina Finke

"Ich wollte schon immer Künstlerin sein. Aber in Deutschland hatte ich früher das Gefühl, keine Chance zu haben. Als ich vor 20 Jahren wegen meines Manns nach New York kam, war ich fasziniert von der Offenheit. Hier traute ich mich auf einmal, auf der Straße zu singen und Kunst zu machen. Es gab keine vorgefertigten Vorstellungen, ich hatte das Gefühl: Alles ist möglich. 2009 habe ich sogar gemeinsam mit Iggy Pop gesungen.

Man muss aber dazu sagen, dass ich das Glück habe, finanziell nicht von meiner Kunst abhängig zu sein. Für die meisten Künstler ist New York ein hartes Pflaster. Man braucht gute Kontakte und sollte sich für Stipendien bewerben. Auch Ateliers, die sonst ab 600 Dollar Miete im Monat kosten, sind mit verschiedenen Initiativen zeitweise kostenlos zu haben. Ansonsten braucht man auf jeden Fall ein Standbein außerhalb der Kunst. Viele jobben deswegen tagsüber und können sich nur abends ihrer Leidenschaft widmen.

Denn die Stadt ist so viel teurer geworden. Schon allein die Miete zu bezahlen, verlangt viel. Ich habe auch amerikanische Freunde, die nach Berlin gegangen sind, weil sie dort besser leben können. Denn inzwischen sind die Grenzen fließend geworden, auch in Deutschland ist in Sachen Kunst mehr möglich."