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Arbeiten an Weihnachten "Auf mich wirken die Kunden ein bisschen netter als sonst"

Sie sind Pizzalieferant, Kabinenchef oder Landwirt: Hier berichten Menschen, wie es ist, an Heiligabend zu arbeiten. Und warum sie das gern tun.
Karim Dhaoui arbeitet bei einem Pizza-Lieferdienst in Wolfsburg

Karim Dhaoui arbeitet bei einem Pizza-Lieferdienst in Wolfsburg

Foto: Patryk Szewczyszyn

Spätestens ab dem Mittag des 24. Dezembers heißt es für den Großteil der deutschen Arbeitnehmer: Jetzt ist Schluss mit dem Job, ab nach Hause, die letzten Geschenke einpacken. Doch das gilt nicht für jeden. Hier erzählen ein Landwirt, ein Kabinenchef, ein Pizzalieferant und eine Redaktionsassistentin, wie es ist, an Heiligabend zu arbeiten.

"Rinder sind am glücklichsten, wenn sie absolute Eintönigkeit haben"

Landwirt Jan-Christoph Wilkens (36) hat im niedersächsischen Hamersen einen Hof mit 550 Mastbullen und baut auf 95 Hektar das Futter für die Tiere selbst an

Jan-Christoph Wilkens

Jan-Christoph Wilkens

Foto: Privat

"Meine Eltern wohnen noch mit auf dem Hof. Heiligabend macht meine Mutter immer ein klassisches Festessen, Raclette oder Ente. Für die Mastbullen gibt es an Weihnachten aber nichts Besonderes: Rinder sind nämlich am glücklichsten, wenn sie absolute Eintönigkeit haben. Die freuen sich, wenn sie jeden Tag das gleiche Futter bekommen, alles andere würde deren Verdauung nicht guttun. Der Heiligabend ist tagsüber eigentlich recht entspannt. Natürlich muss ich mich auch dann um die Tiere kümmern, aber da ich inzwischen nur noch Mastbullen halte, ist das überschaubar. Bis vor zwei Jahren hatte ich noch Milchkühe, da war der Tag eng getaktet; die Bullen füttere ich nur einmal am Tag, da fahre ich alle Futtertische mit dem Trecker ab, und zwei bis drei Mal am Tag muss man das Futter darauf wieder in Reichweite der Tiere schieben. Täglich streue ich neues Stroh ein und miste einmal die Woche aus, aber das muss ich nicht an Heiligabend tun. Den Hof führe ich in der vierten Generation. Seit 2006 bin ich allein für den Betrieb zuständig. Ich liebe meinen Beruf: Als Landwirt hat man unheimlich viele Möglichkeiten, seine Ideen zu verwirklichen, mir redet keiner rein. Mein größter Weihnachtswunsch wäre aber mehr Anerkennung für meine Arbeit. Es fehlen das Verständnis und das Vertrauen für den wichtigen Beitrag, den wir leisten."

"Manchmal nehme ich Lichterketten und Weihnachtssterne von zu Hause mit"

Adrian Neuenfels-Klitzschmüller (38), Kabinenchef, weiß noch nicht, wo er dieses Jahr Weihnachten feiern wird

Adrian Neuenfels-Klitzschmüller

Adrian Neuenfels-Klitzschmüller

Foto: TuiFly

Damit ich an Silvester frei habe, arbeite ich seit 18 Jahren fast immer an Weihnachten. Wer sich an diesem Tag für eine Schicht meldet, tut das in der Regel ganz bewusst - und deshalb haben auch die übrigen Crewmitglieder normalerweise große Lust, den Abend - wo auch immer - gemeinsam zu verbringen. Bei mehrtägigen Flügen reist mein Mann in der Regel mit, damit wir Weihnachten nicht getrennt feiern müssen. So habe ich schon die verrücktesten Feste gefeiert: einmal war es ein Tapas-Abend in Las Palmas mit Essen aus dem Supermarkt, ein anderes Mal ein Raclette-Essen in einem Hotelzimmer in Baden-Baden. Manchmal nehme ich Lichterketten und Weihnachtssterne von zu Hause mit, um das Hotelzimmer zu dekorieren. Abends verteilen wir untereinander kleine Geschenke - und machen es uns in der Ferne gemütlich.

Um unsere Passagiere im Flugzeug auf Weihnachten einzustimmen, schmücken wir manchmal unsere Service-Wagen oder tragen Weihnachtsmützen. Man muss allerdings aufpassen, dass man nicht übertreibt: Gerade am Morgen des 24. Dezembers sitzen genügend Menschen im Flieger, die mit Weihnachten nichts zu tun haben wollen und deshalb an den Strand reisen. Auf dem Rückflug am Abend ist der Flieger meistens relativ leer.

In diesem Jahr habe ich vom 24. bis zum 26. Dezember Bereitschaftsdienst. Das bedeutet: Von 5 bis 17 Uhr muss ich mich darauf einstellen, jederzeit loszufliegen - nach Dubai oder Las Palmas zum Beispiel. Vielleicht reise ich am Morgen los und komme am Abend zurück, vielleicht werde ich aber auch gleich am ersten Tag für einen mehrtägigen Flug angerufen. Wenn sich niemand meldet, werden mein Mann und ich an Heiligabend Kartoffelsalat und Bockwürstchen essen, am zweiten Weihnachtstag Braten oder Maronensuppe. Diese Gerichte können zur Not auch mal ein paar Tage stehen bleiben. Ein Rotwein zum Essen geht allerdings nicht: Zwölf Stunden vor jedem Dienst darf ich keinen Alkohol mehr trinken.

"Auf mich wirken die Kunden ein bisschen netter als sonst"

Karim Dhaoui (34) arbeitet in einer Pizza-Filiale in Wolfsburg, die auch an Weihnachten geöffnet hat

Karim Dhaoui

Karim Dhaoui

Foto: Patryk Szewczyszyn

"Dieses Jahr werde ich das vierte Mal in Folge an Weihnachten arbeiten. Normalerweise liefere ich Pizzen aus, über die Feiertage springe ich allerdings immer als Notbesetzung in der Küche ein. Wir öffnen um 11 Uhr und schließen um 23 Uhr - deshalb wird auch mein Weihnachtsessen in diesem Jahr vermutlich eine schnelle Pizza zwischendurch.

Denn für mich bedeutet der 24. Dezember purer Stress. Als mein Chef vor einigen Jahren angefangen hat, den Laden an Weihnachten zu öffnen, dachten wir, dass sowieso kaum jemand kommt. Mittlerweile verkaufen wir immerhin halb so viele Pizzen wie an regulären Tagen, von Jahr zu Jahr kommen mehr Kunden. Das sind zum einen die, die per Telefon bestellen, weil sie selbst arbeiten müssen: Feuerwehrmänner, Polizisten, Pflegepersonal in Altersheimen. Zum anderen kommen immer mehr Gäste, die noch schnell in der Stadt letzte Besorgungen gemacht haben und sich anschließend bei uns reinsetzen. Vor allem am Nachmittag und frühen Abend ist der Laden beinahe komplett voll mit den unterschiedlichsten Kunden: einzelne Gäste, Freunde, Pärchen, jung, alt, muslimische Kunden, die nicht feiern oder auch katholische, denen das Familienessen nicht geschmeckt hat.

Auf mich wirken die Kunden an Weihnachten ein bisschen netter als sonst, sowohl am Telefon als auch beim Liefern der Pizza. Viele rechnen nicht damit, dass wir aufhaben und wählen trotzdem probehalber unsere Nummer. Wenn wir dann rangehen, freuen sie sich umso mehr. Manchmal bekommen unsere Fahrer sogar eine Tafel Schokolade oder einen Schokoweihnachtsmann als Dankeschön."

"Beliebt ist der Pappkarton, abgestellt neben dem Hausmüll"

Heiko Nauschütz, 50, arbeitet beim Hamburger Tierheim Süderstraße als hauptberuflicher Tierretter

"Es geht schon vor Weihnachten los, dass Menschen uns ungeliebte Tiergeschenke vorbei bringen. Gerade neulich hatten wir so einen Fall: Da brachte uns ein Mann mittleren Alters einen Welpen, den hatte er angeblich gefunden. Seine Personalien wollte er uns nicht geben. Meine Vermutung ist, dass er das Tier für seine Kinder zu Weihnachten gekauft hatte. Aber der Welpe war krank, total verwurmt. Wahrscheinlich übergab er sich mehrfach und war ja auch noch nicht stubenrein. Der Mann hatte wohl einfach keine Lust mehr auf das Tier.

Wir von der Tierrettung sind rund um die Uhr besetzt, auch an den Feiertagen. Nachts gibt es eine Rufbereitschaft, wir fahren auch um drei Uhr früh raus, um ein Tier abzuholen. Im vergangenen Jahr wurden hier in Hamburg in den zwei Wochen nach Weihnachten 38 Tiere ausgesetzt. Hunde, Katzen, Vögel waren dabei. Tatsächlich sind das nicht mehr als im Jahresmittel - die meisten Tiere werden mit Beginn der Sommerferien ausgesetzt.

Beliebt ist der Pappkarton, abgestellt neben dem Hausmüll. Darauf liegt ein Zettel: "Das sind Max und Moritz, drei Jahre, bitte kümmert euch gut um sie." In der Kiste sitzen dann zwei zahme Ratten, völlig verdreckt und unterernährt.

Wir sammeln die Tiere ein, in unserem Krankentransporter haben wir alles dabei, was wir bei diesen Einsätzen brauchen: Schutzhandschuhe, Transportboxen, unterschiedliches Werkzeug. Ich muss genauso darauf vorbereitet sein, eine Giftschlange einzufangen, wie einen Druckverband an einer verletzten Pfote anzulegen.

Ich kann nicht verstehen, warum Menschen ihre Tiere so verwahrlosen lassen und sie dann einfach aussetzen. Das kann übrigens richtig teuer werden: Wer erwischt wird, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro rechnen. Verstirbt das ausgesetzte Tier, weil es zum Beispiel vor ein Auto rennt oder verhungert, kann das sogar mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Dabei gibt es so eine einfache Lösung: Nicht nur wir Tierretter sind immer im Einsatz, auch unser Tierheim ist ständig besetzt. Im Zweifel ist es immer noch besser, die Tiere da abzugeben."

"Diese Stimmung ist etwas ganz Besonderes"

Veronika Leibig

Veronika Leibig

Foto: FFH

Veronika Leibig (43 Jahre) assistiert bei Hitradio FFH dem Programmchef und sorgt dafür, dass die Hörer auch an Weihnachten jemanden zum Reden haben

"An Heiligabend ist unser Funkhaus wie ausgeknipst: Es sind nur der Moderator und die Hörertelefonisten da. Diese nehmen an 365 Tagen im Jahr Musikwünsche entgegen, geben Stau-Infos weiter oder notieren Teilnehmer für Gewinnspiele. Es ist mein Job, die 30 Kolleginnen und Kollegen in Schichten zu organisieren - auch die an Heiligabend und Silvester. Zwischen 18 und 24 Uhr reicht üblicherweise ein Telefonist - an diesen beiden Abenden besetzen wir aber doppelt: Die Kollegen sollen es ja etwas netter und weniger einsam haben. Denn an Weihnachten hat selbst der Nachrichtensprecher frei.

Diese Stimmung ist etwas ganz Besonderes, weil es sonst bei einem Radiosender eher trubelig zugeht. Natürlich melden sich an Heiligabend Hörer, die einsam sind. Die wollen aber in der Regel nur reden, oder - auch wenn es kitschig klingt - sich einfach bedanken, dass wir sie übers Jahr begleitet haben. Man würde erwarten, dass es auch zu tragischen Fällen kommt, aber mir ist tatsächlich keiner bekannt.

Im Gegenteil: Die Kolleginnen und Kollegen berichten, dass die Schicht angenehm und fast besinnlich ist - eben weil es auch viele nette und dankbare Anrufer gibt. Es melden sich daher auch immer Freiwillige zum Arbeiten. Im vergangenen Jahr war es beispielsweise ein Kollege, dessen Schwester als Flugbegleiterin ebenfalls unterwegs war; sie haben sich dann einfach für den 25. zum Feiern verabredet - und er konnte die Schicht machen. Wir zahlen natürlich extra und stellen am Hörertelefon Süßigkeiten, Knabberzeug und manchmal auch kleine Geschenke bereit. Auch ich bin an Heiligabend auf Abruf, falls Unterstützung benötigt wird. Das ist in den fünf Jahren, in denen ich diesen Job mache, aber noch nie vorgekommen."

faq/mh/jl/lmd
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