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21. März 2019, 14:36 Uhr

Allianz-Personalvorständin

"Wir haben das Lernen in der Arbeitswelt schwer beschädigt"

Lebenslange Weiterbildung hat bei vielen Arbeitnehmern keinen guten Ruf. Ana-Cristina Grohnert, Personalchefin bei der Allianz, erklärt, was sich in den Firmen ändern muss - und was viele Chefs falsch machen.

Das Lernen hat in Deutschland nur vordergründig einen guten Ruf. Insbesondere in der Arbeitswelt haftet ihm oft eher ein Makel an. Wer lernen muss, weiß nicht genug oder ist nicht fit für die Zukunft. Besonders schwer hat es der Begriff des lebenslangen Lernens. Er erzeugt eine Erwartungshaltung und Drucksituation, die kontraproduktiv ist.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass der Begriff des Lernens selbst unter einer Vorbelastung leidet. Lernen ist erst einmal schulisches oder akademisches Lernen. Ich wage die Vermutung, dass die allermeisten Menschen mit mehr als gemischten Gefühlen auf ihre Schulzeit zurückblicken.

Dort findet Lernen nach Plan und Lernen auf Vorrat statt. Ein Pflichtprogramm, dessen Nutzen sich gerade in jungen Jahren oft nicht direkt erschließt. Die Belastung hingegen schon. Zeitaufwand, Motivationsprobleme und Prüfungsstress sind Alltagserfahrung. Auch bei Studierenden hat der gestiegene Lerndruck seit den Bologna-Reformen sicherlich nicht dazu beigetragen, dass der Begriff des Lernens mit reiner Freude gleichgesetzt ist.

Falsch verstandenes Effizienzdenken

Doch auch in der Arbeitswelt haben wir das Lernen schwer beschädigt. Aus einem falsch verstandenen Effizienzdenken haben wir uns viel Mühe gegeben, den Arbeitsprozess "rein" zu strukturieren. Arbeit besteht für uns nur aus Arbeit. Wir erwarten das maximale Ergebnis dadurch, dass nichts die Arbeit stört. Auch nicht das Lernen.

Das haben wir aus der Arbeit herausgeholt. Wir haben es sowohl zeitlich als auch räumlich überall hin verteilt. Wir schicken ganze Gruppen von Menschen über Wochenenden in abgelegene Hotels. Das geht zulasten von Freizeit, Familie, aber auch Arbeitszeit. Die Ergebnisse des massenhaften Präsenzlernens und anderer Lernformen der Vergangenheit sind oft mager.

Es ist Zeit, dass wir eine neue Art des Lernens etablieren, und das Lernen selbst wieder zu einem wertvollen und sinnstiftenden Prozess machen, den Menschen schätzen.

Kein Zweifel: Im Lernen liegt die Zukunft. Aber die Art und Weise, wie wir lernen, was wir lernen, und wie wir darüber diskutieren, wird sich ändern. Die Formel vom lebenslangen Lernen ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Jeder Mensch lernt jeden Tag irgendetwas dazu. So wie wir im Unternehmen darüber reden, wird es jedoch zu einer unbestimmbaren Erwartungshaltung, die Menschen unter Druck setzt, ohne Wege aufzuzeigen.

Nicht zuletzt die digitalen Technologien ermöglichen uns einen Quantensprung beim Lernen. Auf der organisatorischen Ebene schaffen sie die Möglichkeit des individualisierten Lernens. Jeder und jede lernt anders, benötigt andere Formate und Inhalte, hat ein eigenes Tempo. Wir können zukünftig lernen, wann, wie und mit wem es am besten passt, ohne unter ständigem Druck zu stehen. Inhaltlich bringt uns digitales Lernen weiter, weil wir durch spielerisches Lernen (Gamification), virtuelle Lernmöglichkeiten oder Assistenzsysteme sehr viel intensiver lernen können.

Die Fähigkeit zu lernen ist die wichtigste Voraussetzung, Zukunft zu gestalten. Diese Fähigkeit ist jedem Menschen gegeben. Die Möglichkeit dazu sollten Unternehmen schaffen. Denn in einer Welt, die weitere technologische Entwicklungsschübe erleben wird, zählt das Lernen zum Kernbestandteil unternehmerischer Aktivität.

Im Lernen von heute liegt die Wertschöpfung von morgen. Wir können zahlreiche Möglichkeiten nutzen, Arbeit und Lernen wieder zusammenzubringen. Und das Unternehmen selbst wird so zum kombinierten Arbeits- und Lernraum. Schon in zehn Jahren werden Menschen vielleicht gar nicht mehr zu ihrem Arbeitsplatz, sondern an ihren Lern- und Entwicklungsplatz fahren.

Den größten Lerneffekt müssen wir aber in den Führungsetagen auslösen: Das Lernen neu zu denken - als integrative Aufgabe von Unternehmensentwicklung.

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