Allianz-Personalvorständin "Wir haben das Lernen in der Arbeitswelt schwer beschädigt"

Lebenslange Weiterbildung hat bei vielen Arbeitnehmern keinen guten Ruf. Ana-Cristina Grohnert, Personalchefin bei der Allianz, erklärt, was sich in den Firmen ändern muss - und was viele Chefs falsch machen.

Weiterbildung (in der Automobilindustrie im Audi-Bildungszentrum, Archivbild)
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Weiterbildung (in der Automobilindustrie im Audi-Bildungszentrum, Archivbild)


Zur Person
  • Privat
    Ana-Cristina Grohnert, Jahrgang 1967, ist seit Juli 2017 im Vorstand der Allianz Deutschland für Personal zuständig, wird die Allianz aber nach Angaben des Unternehmens zum 1. April 2019 verlassen. Außerdem ist die Betriebswirtin Vorstandsvorsitzende des Vereins Charta der Vielfalt e.V.

Das Lernen hat in Deutschland nur vordergründig einen guten Ruf. Insbesondere in der Arbeitswelt haftet ihm oft eher ein Makel an. Wer lernen muss, weiß nicht genug oder ist nicht fit für die Zukunft. Besonders schwer hat es der Begriff des lebenslangen Lernens. Er erzeugt eine Erwartungshaltung und Drucksituation, die kontraproduktiv ist.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass der Begriff des Lernens selbst unter einer Vorbelastung leidet. Lernen ist erst einmal schulisches oder akademisches Lernen. Ich wage die Vermutung, dass die allermeisten Menschen mit mehr als gemischten Gefühlen auf ihre Schulzeit zurückblicken.

Dort findet Lernen nach Plan und Lernen auf Vorrat statt. Ein Pflichtprogramm, dessen Nutzen sich gerade in jungen Jahren oft nicht direkt erschließt. Die Belastung hingegen schon. Zeitaufwand, Motivationsprobleme und Prüfungsstress sind Alltagserfahrung. Auch bei Studierenden hat der gestiegene Lerndruck seit den Bologna-Reformen sicherlich nicht dazu beigetragen, dass der Begriff des Lernens mit reiner Freude gleichgesetzt ist.

Falsch verstandenes Effizienzdenken

Doch auch in der Arbeitswelt haben wir das Lernen schwer beschädigt. Aus einem falsch verstandenen Effizienzdenken haben wir uns viel Mühe gegeben, den Arbeitsprozess "rein" zu strukturieren. Arbeit besteht für uns nur aus Arbeit. Wir erwarten das maximale Ergebnis dadurch, dass nichts die Arbeit stört. Auch nicht das Lernen.

Das haben wir aus der Arbeit herausgeholt. Wir haben es sowohl zeitlich als auch räumlich überall hin verteilt. Wir schicken ganze Gruppen von Menschen über Wochenenden in abgelegene Hotels. Das geht zulasten von Freizeit, Familie, aber auch Arbeitszeit. Die Ergebnisse des massenhaften Präsenzlernens und anderer Lernformen der Vergangenheit sind oft mager.

Es ist Zeit, dass wir eine neue Art des Lernens etablieren, und das Lernen selbst wieder zu einem wertvollen und sinnstiftenden Prozess machen, den Menschen schätzen.

  • Der erste Ansatz lautet, das Lernen in die Arbeit zurückzubringen. Ein kurzfristiger Vorteil dessen ist meist schon, dass ein Lernerfolg unmittelbar dem Arbeitsergebnis zugutekommt. Aber es geht nicht nur um Optimierung, sondern auch um Entwicklung. Wir dürfen nicht nur den heutigen Arbeitsprozess betrachten, sondern auch den zukünftigen. Wir müssen vorhersehen, prognostizieren und planen, welche Fähigkeiten ein Mensch in seiner Arbeit benötigen wird. So lassen sich Lernpfade und Lernszenarien eröffnen, die Perspektiven bieten.
  • Dann müssen wir dringend Zeit zum Lernen schaffen. Denn Lerneffekte entstehen, wenn wir darüber nachdenken, was wir gemacht haben, wenn wir reflektieren. Das gelingt nicht, wenn uns die nächste Aufgabe drückt. Wir können aber auch nicht einfach die Freizeit der Menschen verplanen und Lernen allein in die Verantwortung von Beschäftigten verweisen.
  • Weiterhin müssen wir Lernen als Gemeinschaftsaufgabe verstehen. Denn wir lernen schneller und besser, wenn wir miteinander und voneinander lernen. Das gelingt, indem wir uns im eigenen Unternehmen und darüber hinaus auf die Suche nach denjenigen machen, die eine andere Perspektive beitragen können.
  • Zum neuen Lernen gehört auch ein neues Verständnis von Führung. Wer führen will, muss lehren können. Dabei geht es aber nicht allein um fachliche Expertise. Nicht der größte Experte ist automatisch die beste Führungskraft. Vielmehr ist es diejenige Person, die für eine gewisse Zeit dem Team den größten Erkenntnisfortschritt verschafft und Perspektiven eröffnet. Das beinhaltet auch, die Führungsposition zu verlassen, wenn man auf dieser Stufe nichts mehr beitragen kann. Dies ist vielleicht der fundamentalste Bruch, den ein neues Verständnis des Lernens im Unternehmen von uns verlangt.

Kein Zweifel: Im Lernen liegt die Zukunft. Aber die Art und Weise, wie wir lernen, was wir lernen, und wie wir darüber diskutieren, wird sich ändern. Die Formel vom lebenslangen Lernen ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Jeder Mensch lernt jeden Tag irgendetwas dazu. So wie wir im Unternehmen darüber reden, wird es jedoch zu einer unbestimmbaren Erwartungshaltung, die Menschen unter Druck setzt, ohne Wege aufzuzeigen.

Nicht zuletzt die digitalen Technologien ermöglichen uns einen Quantensprung beim Lernen. Auf der organisatorischen Ebene schaffen sie die Möglichkeit des individualisierten Lernens. Jeder und jede lernt anders, benötigt andere Formate und Inhalte, hat ein eigenes Tempo. Wir können zukünftig lernen, wann, wie und mit wem es am besten passt, ohne unter ständigem Druck zu stehen. Inhaltlich bringt uns digitales Lernen weiter, weil wir durch spielerisches Lernen (Gamification), virtuelle Lernmöglichkeiten oder Assistenzsysteme sehr viel intensiver lernen können.

Die Fähigkeit zu lernen ist die wichtigste Voraussetzung, Zukunft zu gestalten. Diese Fähigkeit ist jedem Menschen gegeben. Die Möglichkeit dazu sollten Unternehmen schaffen. Denn in einer Welt, die weitere technologische Entwicklungsschübe erleben wird, zählt das Lernen zum Kernbestandteil unternehmerischer Aktivität.

Im Lernen von heute liegt die Wertschöpfung von morgen. Wir können zahlreiche Möglichkeiten nutzen, Arbeit und Lernen wieder zusammenzubringen. Und das Unternehmen selbst wird so zum kombinierten Arbeits- und Lernraum. Schon in zehn Jahren werden Menschen vielleicht gar nicht mehr zu ihrem Arbeitsplatz, sondern an ihren Lern- und Entwicklungsplatz fahren.

Den größten Lerneffekt müssen wir aber in den Führungsetagen auslösen: Das Lernen neu zu denken - als integrative Aufgabe von Unternehmensentwicklung.

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
tschautsen 21.03.2019
1. Ist das Comedy?
Überschrift: Der Moment, in dem Chefs abdanken müssen Fun fact: Frau Grohnert verlässt zum 01.04.2019 die Allianz. Ich hau mich weg.
uhu_13 21.03.2019
2. Lernen ist nicht gewuenscht
Lernen ist nicht gewuenscht da z.B. - das Bestehende so bequem ist, - aus Lernen erkannte Korrekturen alter Schludrigkeiten Geld Kosten - neue Erkentnisse alte wissenshirarchien in Frage Stellen - es Zeit und Geld kostet. Daraus erkennen wir, dass jede durchschnittliche Fuehrungskraft daran kein Interesse haben kann, und maximal inhouse Loesungen, die fuer die Compliance noetig sind, akzeptiert werden.
sikasuu 21.03.2019
3. Die Botschaft hör ich schon, allein mit fehlt der Glaube!
Klingt wie in der "guten alten Zeit" als Firmen noch ausbildeten, ihr Personal weiter qualifizierten, der "Boss" auch mal mit den "Leuten ein längeres Schwätzchen hielt, dabei zuhörte, usw. & das was da an Informationen & Wissen zusammenkommt, auch ungefiltert & vor allen Dingen, ungeschönt bis in die Vorstände zu hören ist? . Aber ist das alles nicht als "unproduktiv" & störend für den Top-Down/Berater abhängigem Führugstile, abgeschafft worden? . Klingt ja gut, aber was sagt den Controllig im Gegensatz von Human Resources zu solch revolutionären Ansätzen? . Ist es nicht Verschwendung, in Mitarbeiter zu investieren? Die könnten ja einfach gehen, nehmen das Wissen, die Erfahrung dann mit. . Gehen, das ist wohl da schlimmste nach einen langen Arbeitsleben mit ihren Wissen, ihrer Erfahrung einfach in Rente? (So wie das im Moment die Generation der, noch in den 70-80ger Jahren gut ausgebildeten & erfahrenen "Fach-& Mitarbeiter macht) . Hoffen wir mal, das die Autorin nicht "einsame Ruferin in der Wüste" bleibt. . Aber,... siehe oben!
itharkua 21.03.2019
4. Gibt es tatsächlich Menschen,
die glauben, dass sie mit Abschluss der Ausbildung ausgelernt haben/alles nötige Wissen für die Zukunft bereits besitzen? Un wer um himmels Willen versteht die Notwendigkeit etwas zu lernen als einen Makel? Woher kommt so ein verqueres Weltbild? Jemand, der wirklich diese Ansichten vertritt, kann doch froh sein, dass so einem eingeschränkten Geist überhaupt jemand einen Lohn für seine Arbeit anbietet. Ich wüsste kaum, wie man mit Personen dieser Art im Job sinnvoll zusammenarbeiten soll.
7p_ 21.03.2019
5. Zustimmung
Auch wenn sich der Text doch eher wie eine Predigt liest. Ein Hinweis: wenn ich richtig informiert bin, ist ein Quantensprung der >kleinste< denkbare Fortschritt... Das war wohl nicht gemeint, oder?
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