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Von Beruf Selbstdarsteller »Als GIF habe ich schon Millionen Smartphones gekapert«

Andy Kassier kennt als Künstler nur ein gutes Motiv: sich selbst. In seiner Rolle als Narzisst ziert er Magazincover und räumt bei Tinder ab. Wer ist der Mann? Ein Anruf in Südafrika.
Ein Interview von Verena Töpper
»Naked snow« hat Andy Kassier dieses Bild genannt. Er sucht in seiner künstlerischen Arbeit nach Antworten auf aktuell gesellschaftlich relevante Fragen: Was ist Glück? Wie werde ich erfolgreich? Und wie wird Männlichkeit dargestellt?

»Naked snow« hat Andy Kassier dieses Bild genannt. Er sucht in seiner künstlerischen Arbeit nach Antworten auf aktuell gesellschaftlich relevante Fragen: Was ist Glück? Wie werde ich erfolgreich? Und wie wird Männlichkeit dargestellt?

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Andy Kassier

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Ein Mann reitet in hautenger weißer Jeans und nacktem Oberkörper auf einem Schimmel, seine nackten Füße baumeln nur wenige Zentimeter über dem weißen Sand. Hinter ihm schimmert das Meer in Schattierungen von Blau und Türkis. Daneben nur ein Wort »ich«.

»Zugegeben, dieses Cover könnte unser bisher provokantestes sein«, »Zugegeben, dieses Cover könnte unser bisher provokantestes sein«, schreibt der »Harvard Business Manager« dazu, der im manager-magazin-Verlag erscheint, einem Mitglied der SPIEGEL-Gruppe. »Aber diese weltgrößte Studie zu Narzissmus schrie quasi nach einem optischen Knüller.« Wer ist der Mann, der so perfekt einen Narzissten verkörpert? Er heißt Andy Kassier und arbeitet als Konzeptkünstler. Wir haben ihn in Südafrika erreicht. Den Videoanruf nimmt er in weißem Hemd und mit goldglänzender Tropfenbrille entgegen, eine Locke fällt ihm in die Stirn.

SPIEGEL: Herr Kassier, sprechen wir jetzt mit der Kunstfigur oder dem Konzeptkünstler?

Andy Kassier: Niemand weiß genau, wo da die Grenze verläuft. Das ist doch das Spannende.

SPIEGEL: Haben Sie sich denn extra für das Interview so zurechtgemacht oder ist das auch Ihr privater Look?

Kassier: Ich trage prinzipiell nur weiße Hemden, das ist einfach praktisch. Die Brille ist von Etienne Aigner, die habe ich gebraucht gekauft, für 20 Euro, und dann neu vergolden lassen. Ich mag solche alten Gestelle. Und die Haare sind einfach so. Ich muss mal wieder zum Friseur.

Zur Person
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Andy Kassier

Andy Kassier (Jahrgang 1989) lebt und arbeitet hauptberuflich als Konzeptkünstler in Berlin. Sein Werk umfasst Installationen, Performances, Fotografie, Videos, Skulpturen und Malerei. Das Studium der Medialen Künste hat er 2018 mit Auszeichnung an der Kunsthochschule für Medien Köln abgeschlossen. Im Jahr 2013 erschuf er sein Alter Ego Andy Kassier, der ironisch das Narrativ von Reichtum und Glück in der spätkapitalistischen Gesellschaft bricht. Auf Instagram und in internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen entwickelt er die Langzeitperformance kontinuierlich weiter.

SPIEGEL: Als Künstler scheinen Sie nur ein richtig gutes Motiv zu kennen: sich selbst. Wann haben Sie sich in sich selbst verliebt?

Kassier: Zu Beginn meines Kunststudiums. Schon damals war ich von Cindy Sherman fasziniert. Ich wollte eine große Serie zu Männerrollen fotografieren, aber keines meiner Bilder war zu gebrauchen. Nur ein Off-Shot war gelungen, auf dem stand ich vor einer weißen Wand. So begann meine Serie mit der Figur des Businessman. 2013 habe ich die ersten Bilder auf Instagram hochgeladen. Seither hat sich das Narrativ geändert.

SPIEGEL: Inwiefern?

Kassier: Damals ging es dem Businessman vor allem um Geld, das Zurschaustellen von Reichtum und die Zugehörigkeit zu den »rich kids of instagram«. Dann bekam er einen Burn-out. Es gibt ein Bild, auf dem geht er abends, im Dunklen, ins Meer. Ein halbes Jahr später kommt er wieder heraus. Und seither ist er Fan von Yoga, Meditation und Spiritualität.

SPIEGEL: Und ein Fan von Motivationssprechhülsen. Ein Foto zeigt ihn unter einem Wasserfall, darunter steht: »Be flexible like water, and falling will not hurt«, sei so flexibel wie Wasser, dann tut Fallen nicht weh. Denken Sie sich diese Sprüche selbst aus?

Kassier (lacht): Hülsen ist ein witziges Wort dafür! Meine Kunst ist eine Spiegelung dessen, was es wirklich auf Instagram gibt. Dieser ganze Hype um Yoga und Selbsterkenntnis, diese Motivationssprüche, das existiert ja. Wie bei jedem Witz steckt immer ein Fünkchen Wahrheit drin. Ich lasse mich inspirieren, aber ich kopiere nichts. Das wäre ja langweilig.

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»Der Erfolg ist nur ein Lächeln entfernt«

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Andy Kassier

SPIEGEL: Das Foto von Ihnen auf dem Pferd ist schon vier Jahre alt, es stammt also noch aus der Vor-Yoga-Zeit des Businessman. Wie überrascht waren Sie, dass der »Harvard Business Manager« es jetzt als Cover für eine Ausgabe über Narzissten ausgewählt hat?

Kassier: Ach, gar nicht sonderlich. Meine Arbeiten sind ja bewusst so angelegt, dass sie zu vielen Sachen passen, um möglichst viele Leute zu erreichen. Als GIF habe ich schon Millionen Smartphones gekapert.

SPIEGEL: Sie sind Model für Internetwackelbilder?

Kassier: Ja, in den Top Ten der beliebtesten »Money-GIFs« kann ich mit Kim Kardashian mithalten. Ich hatte in New York einen Typen kennengelernt, der für Giphy arbeitet. Ihm habe ich von meiner Kunstfigur erzählt und so sind wir dann in New York zusammen ins Studio und haben GIFs aufgenommen, so 50 bis 100 Motive. Am beliebtesten bei den Nutzern ist eines, auf dem ich es Geldscheine regnen lasse. Alle zusammen haben jetzt schon mehr als 800 Millionen Views. Ein anderes, auf dem ich mit einem Strauß Rosen zu sehen bin, scheint auf Tinder sehr erfolgreich zu sein.

»Jedes Shooting kostet mich erst mal Überwindung.«

Andy Kassier

SPIEGEL: Sie lassen sich halb nackt mit einer Topfpflanze oder einem Cowboyhut im Schritt fotografieren oder beim ungelenken Tanz im pinken Schlafanzug filmen. Wie leicht fällt es Ihnen, sich so zu exhibitionieren?

Kassier: Jedes Shooting kostet mich erst mal Überwindung. Aber am Ende bin ich immer sehr dankbar. Was man nicht vergessen darf, ist ja, dass ich noch immer derjenige bin, der die Kontrolle über die Bilder hat. Ich entscheide, was gezeigt wird. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich meinen Körper verkaufe. Am Strand in Badehose sehe ich ja genauso aus.

SPIEGEL: Wer steht denn eigentlich hinter der Kamera?

Kassier: Entweder ich benutze ein Stativ, oder ich habe Freunde, die mir helfen. Jedes Bild wird so inszeniert, dass meine Helfer nur noch auf den Knopf drücken müssen. Wer das dann macht, ist unerheblich.

SPIEGEL: Auf Instagram haben Sie mehr als 12.000 Fans . Meinen Sie, allen ist bewusst, dass Ihre Bilder Satire sind?

Kassier: Ja, ich glaube schon. Die meisten Follower kommen über Medienberichte oder Kunstaktionen auf meine Seite. Zu Beginn, als mich noch niemand kannte, war die Serie schwieriger zu begreifen. Da hat mir zum Beispiel mal ein Immobilientyp aus Wien geschrieben und sich darüber echauffiert, dass ich so viel Geld habe, aber offensichtlich Economyklasse fliege. Als ich dann das Projekt erklärt habe, fand er das so super, dass er mich nach Wien eingeladen hat. Leider hat der Besuch noch nicht geklappt.

SPIEGEL: Sie können sich Ihren Lebensstil angeblich nur leisten, weil Sie Ihre Anzüge nur einmal tragen und dann umtauschen, stand 2016 im »Kölner Stadtanzeiger«. Stimmt das?

Kassier (lacht): Ja, die Sachen, die ich für manche Shootings kaufe, gebe ich tatsächlich anschließend wieder zurück. Das machen aber alle Fotografen so, die nicht in der Modebranche arbeiten. Jedes Werbefoto für eine Bank oder Versicherung entsteht auf die Art. Für bestimmte Rollen kaufe ich aber auch bestimmte Outfits secondhand ein und lasse sie dann passend schneidern. Die weiße Hose, die ich auf dem Bild mit dem weißen Pferd trage, hing schon drei Jahre lang bei mir im Schrank, bis das Shooting stattfand.

SPIEGEL: So lange hatten Sie das Motiv schon geplant?

Kassier: Ja. Ich wollte unbedingt ein Foto auf einem weißen Pferd. Aber manchmal dauert es eben, bis der passende Moment kommt. Ich verbringe meist den Winter in Südafrika und habe dort in meinem Freundeskreis herumgefragt, wer jemanden mit einem weißen Pferd kennt. Das eigentlich für das Shooting eingeplante Pferd ist dann krank geworden, ich brauchte schnell Ersatz. Und dann meldete sich eine Freundin und sagte, sie habe da ein Pony, das sei wenige Zentimeter zu klein, um als Pferd zu gelten.

SPIEGEL: Sie reiten auf dem Foto auf einem Pony?

Kassier: Ganz genau. Das hätte ich gar nicht besser planen können, denn so lässt es mich in der Relation viel größer erscheinen. Diesen Effekt beobachte ich übrigens häufiger: Viele, die mich nur von Fotos kennen, denken, ich sei sehr groß. Bin ich aber gar nicht.

»Die erste Welt hat sich in eine Sackgasse manövriert.«

SPIEGEL: Im Sommer 2020 konnte man Ihre Kunstfigur in Berlin auch live beobachten – in Unterhose und mit Fast Food im Homeoffice. Wie kam es dazu?

Kassier: Für die Berlin Art Week hatte ich zusammen mit Freunden eine Galerie gegründet. Meine Performance ging fünf Tage lang von 13 bis 19 Uhr und hatte zwei Teile: Im ersten Teil saß ich als Businessman mit Sakko und rosa Boxershorts im Homeoffice, habe mit anderen Kunstexperten und Künstlern telefoniert und mir erklären lassen, wie man als Künstler erfolgreich wird. Und im zweiten Teil bin ich aus dieser Welt ausgebrochen. Dafür hatten wir vor der Tür einen großen Sandberg aufschütten lassen. Dort stand ich dann, direkt neben einer Baustelle, in weißem Outfit mit Strohhut und habe umgedrehte Palmen gemalt: »palm down«. Die umgedrehte Palme als Symbol fürs Paradies, das Kopf steht.

SPIEGEL: So stellt der Businessman sich Kunst vor?

Kassier: Ja. Er hat erkannt, dass sich die erste Welt in eine Sackgasse manövriert hat. Was du auch tust, es ist falsch. Fliegst du nach Thailand in den Urlaub, ist das schlecht für die Umwelt. Fliegst du nicht, ist das schlecht für den Tourismus und die Wirtschaft. Der Businessman verzweifelt an diesem Dilemma. Die Kunst erscheint ihm als Ausweg.

SPIEGEL: Und wie haben Sie diese Performance finanziert?

Kassier: Mit der Hilfe von Sponsoren und dem Verkauf der Bilder. Die Palmen-Edition war auf 50 limitiert. Mittlerweile lebe ich von meiner Kunst.

SPIEGEL: In Ihrem Webshop bieten Sie Glückskekse aus durchsichtigem Acryl und Kölschgläser mit ihrem Konterfei an. Was hat es damit auf sich?

Kassier: Ich habe in Köln studiert, und zur Art Cologne findet immer eine Ausschreibung statt, bei der Studierende der Kunsthochschule für Medien Entwürfe für das Design von Kölschgläsern einreichen können. Da habe ich 2016 gewonnen. Und die Idee zu den Glückskeksen kam mir, weil die Zitate vieler CEOs den Sprüchen in Glückskeksen ähneln.

SPIEGEL: Sie meinen, die sind genauso austauschbar und nichtssagend?

Kassier: Keineswegs, die Frage ist hier eher, was kann ich für mich daraus ziehen? Meine Glückskekse sind durchsichtig, deshalb fällt der Erwartungsmoment weg; diese Spannung, welche Botschaft wohl drin sein wird. Man kann sie auch nicht kaputt machen oder essen. Es fehlt alles, was an einem Glückskeks Spaß macht, bis auf den witzigen Spruch. Diese Reduktion legt den Fokus auf den Inhalt sowie die Ästhetik und Form des Kekses.

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