Gynäkologin über Berufsalltag "Ich habe oft Angst um meine Patientinnen"

Sie betreut Gebärende in einer gut ausgestatteten Klinik - und sorgt sich doch um ihre Patientinnen. Hier erzählt eine Gynäkologin, wie es ist, zu müde für einen Kaiserschnitt zu sein.

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Ich bin erst 29 Jahre alt, aber ich weiß jetzt schon, dass ich meinen Job auf Dauer nicht durchhalten werde - wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern. Ich arbeite als Assistenzärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe in einer recht großen Klinik. 14-Stunden-Tage sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Hier sind alle völlig überarbeitet. Ich komme morgens früh gegen sieben Uhr rein und vor neun Uhr abends selten raus.

Manchmal schließen sich dann noch Bereitschaftsdienste an. Das bedeutet, dass ich die Nacht über im Krankenhaus bin. Eigentlich sollte ich höchstens die Hälfte dieser Zeit arbeiten und auch mal schlafen können, aber das klappt fast nie. Meist arbeite ich durch, denn Geburten ereignen sich nun mal hauptsächlich nachts.

Im Bereitschaftsdienst bedienen wir auch die Notfall-Ambulanzen. Da kommen Frauen mit Beschwerden und müssen oft viele Stunden warten - einfach, weil wir zu wenig Personal haben. Eigentlich wäre es natürlich wichtig, gleich zu schauen, was das Problem ist.

Das hat mir ein Fall besonders deutlich gemacht: Die Frau war relativ schmerzfrei, daher habe ich sie, weil ich so viel zu tun hatte, lange warten lassen. Als ich sie dann nach vier Stunden untersucht habe, hatte sie aufgrund einer geplatzten Zyste fast zwei Liter Blut im Bauchraum. Nach einer Notfall-OP ging es ihr Gott sei Dank wieder gut, aber so etwas darf nicht passieren.

Nicht selten muss ich nach 20 Stunden Dienst völlig übermüdet auch Operationen vornehmen, weil es eben nicht anders geht. Ein Kaiserschnitt beispielsweise ist aber kein kleiner Eingriff. Es gibt viele Risiken wie schwere Blutungen, die volle Konzentration einfordern. Die fehlt natürlich, wenn man so überarbeitet ist. So werden Mutter und Kind unter Umständen in Gefahr gebracht.

Ich habe oft Angst um meine Patientinnen. Häufig denke ich: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mir mal ein wirklich schlimmer Fehler durch die Überarbeitung passiert.

Dabei verbringe ich die meiste Zeit noch nicht mal am Patienten. Von den 14 Stunden bin ich höchstens drei auf Visite oder in der Behandlung. Den Rest der Zeit verbringe ich mit Dokumentation, also Papierkram. Das ist oft wirklich absurd: Pro Geburt muss ich zum Beispiel mindestens eine Stunde am Schreibtisch einrechnen. Jede neue Entwicklung, jedes Medikament wird vermerkt. Das ist nötig, damit ich als Ärztin im Schadensfall rechtlich auf der sicheren Seite bin.

Freizeit habe ich selten. Um Sport zu machen, jogge ich morgens zur Klinik oder abends zurück - wenn ich die Energie aufbringen kann. Eigentlich liebe ich meinen Job und habe ihn mir ganz bewusst ausgesucht. Ich kann so viel Gutes bewirken und habe das Gefühl, wirklich etwas geschafft zu haben, wenn ich ein Kind auf die Welt gebracht habe.

Aber ich weiß auch, dass es so nicht weitergehen kann. Ich habe selbst versucht, mich dagegen zu wehren. Wir haben hier in der Klinik ein System, mit dem wir unsere Arbeitszeit erfassen. Ich habe dort meine tatsächliche Stundenanzahl vermerkt, was sehr unüblich ist.

Daraufhin bekam ich eine Mail von der Verwaltung. Darin stand, dass ich nicht so viele Überstunden machen dürfe und eben einfach effizienter arbeiten solle. Meine Kolleginnen und Kollegen schafften das vorgegebene Pensum ja auch.

Die Kollegen tragen natürlich nicht ihre tatsächlich geleisteten Stunden ein - und mein Arbeitgeber weiß das. Wenn man als Einzelne versucht, das zu ändern, klappt es natürlich nicht. Ich habe mich dann nicht getraut, mich weiter zu beschweren. Jetzt trage ich auch die Stunden ein, die ich laut meinem Arbeitsvertrag in der Klinik sein soll - und nicht die, die ich wirklich da bin.

Vor Kurzem habe ich eine Onlinepetition des Marburger Bunds unterschrieben, in der gefordert wird, dass die Arbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten im Krankenhaus regelmäßig kontrolliert wird. Vielleicht verbessert sich ja dadurch etwas. Ich hoffe es. Ich bin aus Leidenschaft Ärztin und will es eigentlich auch bleiben, aber nur wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern."



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