Anwalts-Realität trifft TV "Eine Kanzlei nie als Notnagel eröffnen"

Sie ist "Danni Lowinski" in echt, sozusagen: Lange bevor die Fernsehserie entstand, eröffnete Anja Emmerich eine "Rechtsambulanz" in einer Markthalle. Im Interview erzählt die Kasseler Anwältin, was sie mit der TV-Heldin verbindet und wie man als Juristin durch Höhen und Tiefen steuert.

DPA/ SAT.1

KarriereSPIEGEL: Frau Emmerich, sehen Sie am Montagabend gelegentlich fern?

Anja Emmerich: Das kommt vor. Wieso?

KarriereSPIEGEL: Da läuft die Sat.1-Serie "Danni Lowinski". Die Story müsste Sie an etwas erinnern: Eine quirlige Anwältin - jung, blond, mit Herz für die Mittellosen und selbst ziemlich mittellos - eröffnet eine Behelfskanzlei im Einkaufszentrum. Und nimmt für die Beratung am Klapptisch einen Euro pro Minute…

Emmerich: Stimmt, von der Fernsehserie erzählten Freunde. Ich habe eine Folge aufgenommen, aber noch nicht gesehen. Die Grundidee ist wie meine Ausgangsidee: 2005 habe ich in der Kasseler Markthalle einen Stand mit ambulanter Rechtsberatung eröffnet. Ursprünglich sollte es ebenfalls ein Euro pro Minute sein, doch das klang mir ein bisschen zu reißerisch und unseriös. Anwälte unterliegen dem Berufsrecht und müssen bestimmte Mindestgebühren beachten. Daher habe ich mich für 25 Euro pro Viertelstunde entschieden.

KarriereSPIEGEL: Warum haben Sie Ihren Zwölf-Quadratmeter-Stand "Rechtsambulanz" getauft?

Emmerich: Ich bin Tochter einer Ärztin, und ambulant heißt ja: Man bekommt schnelle, unkomplizierte Hilfe. Für die Existenzgründung wollte ich vor allem ein niedrigschwelliges Angebot machen, das Leute anlockt statt abschreckt. Zunächst dachte ich an einen Stand in einem Einkaufszentrum, dann suchten Bekannte einen Nachmieter für ihren Stand in der Markthalle. Der Geschäftsführer stimmte gleich zu - also habe ich's gewagt…

KarriereSPIEGEL: …und mitten zwischen Landeierverkauf und Obsttheke Mandanten beraten?

Emmerich: Exakt. Die Markthalle reicht über zwei Etagen, mit mehreren Gängen zum Einkaufen. Sie war ganz offiziell meine Kanzleiadresse. Draußen an der Halle hatte ich einen Briefkasten und das Kanzleischild, drinnen Schreibtisch, Telefon, Fax und Computer - Mindestanforderungen erfüllt. Links neben mir war ein Obststand, rechts ein Optiker, gegenüber gab es Käse und Gemüse, am Eingang Capuccino. Mein Stand hatte auf drei Seiten Wände und war eingerichtet wie ein Büro. Eine Art Büro-Puppenstube, alles da. Nur keine Akten, denn weil der Raum nicht komplett abschließbar war, musste ich abends alle Unterlagen mitschleppen. Anwaltliche Verschwiegenheitspflicht eben. Das wurde auf Dauer etwas anstrengend.

KarriereSPIEGEL: Mandantengespräche können heikel sein und sollten vertraulich bleiben. Wie geht das in einer Kanzlei ohne Türen?

Emmerich: Lauschen konnte niemand. Der Geräuschpegel der Markthalle war hoch, und bei Beratungen wurde ein dicker, blickdichter Vorhang mitsamt Schild "Bitte Diskretion" zugezogen. So konnten wir in Ruhe reden. Um bei schwierigen Themen ungestört zu sein, habe ich Extra-Termine ausgemacht, in meinem Arbeitszimmer zu Hause oder selten als Hausbesuche.

KarriereSPIEGEL: Eine Viertelstunde für 25 Euro ist wenig, verglichen mit den üblichen Erstberatungskosten. Konnten Sie von der Laufkundschaft leben?

Und wer hat's erfunden?
Der war's: Marc Terjung schuf die Fernsehfigur "Danni Lowinski" und hat überhaupt ein Faible fürs Anwaltsgewerbe. Dem KarriereSPIEGEL erzählte der Berliner Drehbuchautor, wie solche TV-Serien entstehen, wie er Ideen entdeckt und umsetzt. mehr...

Emmerich: Kaum, dafür war das Honorar zu gering. Aber es läpperte sich, war ein guter Start in die Selbständigkeit und brachte viele Kontakte, man muss das auch als Werbemaßnahme sehen. Nicht immer ging es um rein juristische Fragen: Manche Leute hatten schlicht Probleme, Behördenformulare auszufüllen oder einen vernünftigen Brief an den Vermieter zu schreiben - da konnte ich flott helfen, vertrat sie aber nach außen nicht als Anwältin. Aus anderen Erstberatungen sind richtige Mandate geworden, also Folgeaufträge.

KarriereSPIEGEL: War es ein Kanzleistart mangels Alternativen oder aus Überzeugung?

Emmerich: Eine freie, bewusste Entscheidung. Zuvor war ich schon teils selbständig, teils angestellt und habe dann eine Ich-AG gegründet. Reich an Stellen war der Kasseler Anwaltsmarkt nicht gerade. Aber ich bin sowieso ein Freigeist. Mit diesem Projekt, mit meinem Projekt habe ich mich schon sehr identifiziert und fand es toll, sowohl Erfolge genießen zu dürfen als auch Misserfolge auslöffeln zu müssen. Ich denke, man sollte eine Kanzlei nicht als Notnagel eröffnen - dann wird man wahrscheinlich kein guter, sondern ein Wisch-Waschi-Anwalt, und davon gibt es schon zu viele.

KarriereSPIEGEL: Der Kasseler Markthallen-Stand Nr. 64 war nicht von Dauer - weshalb?

Emmerich: Es wurde für mich allein zu anstrengend. Ich hätte das Projekt gern mit einem oder zwei Kollegen fortgeführt, so dass man sich die Präsenzzeiten hätte aufteilen können. Nach einem knappen Jahr bin ich umgezogen und habe jetzt eine Einzelkanzlei in einer Bürogemeinschaft. Die Räume teile ich mir mit einem Heilpraktiker, einer Grafik-Designerin, einer Stimmtherapeutin, einer Ernährungsberaterin und einem anderen Anwalt. Ich bin eigentlich ein Teammensch und arbeite nicht so gern ganz allein. Und auf längere Sicht kann man in einem "ordentlichen Büro" doch besser denken und beraten.

KarriereSPIEGEL: 2005 sagten Sie einer SPIEGEL-ONLINE-Kollegin, dass Sie auf Ledersofas und eine parfümierte Sekretärin gut verzichten können. Und nun?

Emmerich: Ein schönes Bürosofa habe ich, aber nicht aus Leder. Es soll doch auch eine freundliche Atmosphäre herrschen. Und eine Sekretärin… auch: seit heute, für ein paar Stunden pro Woche. Aber meinen Mandanten bringe ich den Kaffee schon noch selbst - manche machen große Augen, weil sie damit nicht rechnen.

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KarriereSPIEGEL: Wie wichtig ist es für Mandanten, dass eine Kanzlei nach außen einen seriösen, repräsentativen Eindruck vermittelt?

Emmerich: Für den Erstkontakt wichtiger, als ich am Anfang dachte. Viele Menschen erwarten einfach beim Anwalt etwas Gediegenes. Sobald man sich kennt, wenn man als Anwalt bei der Arbeit erlebt wird, zählt absolut die fachliche Qualität. Zufriedene Mandanten kommen wieder, sagen es weiter. Und sie mögen es, mit einem echten Menschen zu sprechen, nicht mit einem Roboter, der ihren Fall wegarbeitet. Das ist auch eine Vertrauensfrage. Ich habe den Beruf gewählt mit dem Wunsch, Leuten zu helfen und für etwas einzutreten, das ich richtig finde.

KarriereSPIEGEL: Engel links, Teufel rechts: Sehen Sie es als Stärke oder Schwäche, mit Idealen in den Anwaltsberuf zu gehen?

Emmerich: Von beidem etwas - da streitet die Anwältin mit der Unternehmerin. Einen inneren Motor braucht es, eine gewisse Überzeugung. Die setzt sich bei mir am Ende immer durch. Manchmal bedeutet das, Mandanten von einem Rechtsstreit abzuraten, auch wenn ich daran viel mehr verdienen könnte.

KarriereSPIEGEL: Viele junge Anwälte halten sich gerade so über Wasser . Können Sie mit Ihrem Einkommen heute auskommen?

Emmerich: Es geht mal bergauf, mal bergab. Für die Fixkosten reicht es, viel bleibt nicht übrig. Damit es rund läuft, müsste ich hochpreisigere Mandate bekommen. Also dieselbe Arbeit, mit Kunden, die sich um mehr Geld streiten und entspannter das Honorar zahlen können. Aber ich möchte weiter in den Spiegel schauen können. Die Mandanten mit dem 100.000-Euro-Streitwert, die zum Beispiel meine Art zu schätzen wissen, finden einen irgendwann, davon bin ich überzeugt. Es braucht eben Geduld. Am Anfang habe ich viel Arbeits- und Sozialrecht gemacht, heute hauptsächlich Zivilrecht - von Mietstreitigkeiten und Wohnungseigentumsrecht bis zu nicht erfüllten Verträgen. Oft richtet sich die Sicht eher nach hinten: Wer hat was versemmelt, wer ist schuld, wer muss zahlen? Gern würde ich mehr Mandate bearbeiten, mit denen ich nach vorn gerichtet gestalten und dafür sorgen kann, dass eine Sache gerade nicht gegen die Wand fährt, sondern die Leute sich einigen.

Das Interview führte Jochen Leffers, SPIEGEL-ONLINE-Redakteur.

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