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Arbeit für Lernbehinderte: Ein Traum mit halben Äpfeln

Foto: Johannes Himmelreich

Arbeit für Lernbehinderte Ein Traum mit halben Äpfeln

Sema Gürbey, 29, hofft auf einen Job in der Obstfabrik. Dann wäre sie endlich raus aus der Arbeitslosigkeit - nach zehn Jahren zwischen Hartz IV, Praktika und Ein-Euro-Jobs. Viele Lernbehinderte scheitern in einem Arbeits- und Sozialsystem, das ihnen kaum Chancen bietet.
Von Johannes Himmelreich

Dort könnte es sein. Es könnten ihre Hände sein in diesen Handschuhen, die den geschälten halben Apfel vom Förderband fangen. Hat er eine braune Stelle? Die würde sie raus machen. Dann zurücklegen. Sie trüge eine blaue Schürze, es wäre ihr erster Job nach zehn Jahren Hartz IV.

Sema Gürbey steht in einer Küche der Caritas, das weite weiße T-Shirt an den Hüften in die rote Kochschürze gestopft. Sie ist 29 Jahre alt und lernbehindert. Nächste Woche endet ihr Ein-Euro-Job hier, dann wird ihr Traum zur Wirklichkeit, zunächst nur als Praktikum. In einer Obstfabrik wird sie für zwei Wochen auf Probe arbeiten. Wenn sie sich bewährt, bekommt sie dort einen festen Job. Sie könnten zu ihr sagen: "Sema, wir sind stolz auf dich, hier ist der Vertrag." Das hofft sie, dann wäre sogar ihr Bruder stolz auf sie und ihre Eltern sowieso.

Wenn sie erzählt, wie sie die Arbeit machen wird - Apfel kommt, nachgucken, okay!, in den Wagen legen -, dann ist Sema in Gedanken schon dort. Sie dreht sich nach links und fängt mit beiden Händen den halben Apfel aus der Luft, schaut ihn an, wirft ihn nach rechts. So wird das sein.

Hinter ihr wabert zäh der Dampf von Bratfett und ein paar Kilo Wildfleisch in den Abzug. Sie arbeitet in der KostBar in Bonn, einem Caritas-Bistro. Sie schneidet Karotten, Fleisch und Kräuter und putzt und spült, sechs Stunden am Tag. In dem halben Jahr, in dem sie hier ist, hat sie nicht einmal gefehlt.

Durchwursteln durch Förderexperimente

Das ist nicht nur die Geschichte von Sema. Es ist die Geschichte eines täglichen und andauernden Scheiterns dessen, was wir Sozialsystem nennen. Es mag im Großen funktionieren, es ist aber blind gegenüber Menschen, denen Lernen schwer fällt - sie sind nicht körperlich oder geistig behindert, sie passen nicht in die Kategorien.

Lernbehindert ist, wer die Schule nicht packt, wer Probleme mit Lesen, Schreiben und Rechnen hat und dazu sich generell ein bisschen komisch gebärdet. "Drei Euro neunzig", wie viel Rückgeld gibt man dann bei einem Zehn-Euro-Schein? Wer lernbehindert ist, weiß so was nicht. Wer lernbehindert ist, kann in der zehnten Klasse, am Ende der Schulzeit, lesen und schreiben wie ein mittelmäßiger Grundschüler.

Früher, als neben den Fließbändern keine Steuerungsgeräte standen und Hausmeister keine Elektriker sein mussten, früher gab es Jobs, in denen man trotzdem arbeiten konnte. Lesen, Schreiben, Rechnen brauchte man dort nicht. Diese Jobs gibt es jetzt in Asien, aber nicht mehr hier. Wie soll jemand, der diesen Text hier nicht lesen, geschweige denn verstehen kann, einen Computer bedienen?

Rund jeder 13. Jugendliche verlässt die Schule in Deutschland ohne Abschluss; davon ist etwa die Hälfte lernbehindert. Diese Menschen wursteln sich durch Berufsförderung, Ein-Euro-Jobs und Qualifizierungsversuche. Was aus ihnen wird, weiß niemand, es gibt dazu keine Daten. Eine Studentin hat im Jahr 2010 mal untersucht, was aus den Abgängern aller Förderschulen in Gelsenkirchen nach drei Monaten geworden war - nicht einer hatte einen Job.

Sema ist fleißig und gibt sich Mühe

So ging es auch Sema, als sie vor fast zwölf Jahren ohne Abschluss die Sonderschule beendete. Danach ging sie ein Jahr zur Berufsvorbereitung, ein Jahr zur Jugendwerkstatt, machte ein Praktikum in einer Drogerie, in einer Apotheke und dann noch beim MiniMal-Supermarkt. Es folgte ein Ein-Euro-Job zusammen mit vielen Leuten, die gerade von Drogen runter waren. Dann einer im Altersheim, sie sortierte Essen in Wägen.

Auch dort erschien sie zuverlässig zur Arbeit. Das ist etwas Besonderes. Normal ist, dass mehr als die Hälfte der Arbeitslosen nach der ersten Woche nicht mehr bei der Ein-Euro-Arbeitsstelle erscheinen.

Ein-Euro-Jobs enden spätestens nach einem Jahr, es geht nur darum, dass Arbeitslose nicht komplett vergessen, was Arbeit ist, und dann bald wieder Arbeit finden. Das war die Idee. In Deutschland aber sind 14 Prozent der 15- bis 25-Jährigen arbeitslos, darauf ist das System nicht vorbereitet. Wer vorher noch nie angestellt war, für den geht es nach dem Ein-Euro-Job zurück in die Arbeitslosigkeit und irgendwann zur nächsten "Maßnahme". Die Mehrheit kommt nie auf den regulären Arbeitsmarkt.

Im Altersheim aber gab man Sema nach einem Jahr einen Vertrag, weil sie fleißig war und sich bemühte. Dann kam die Kündigung mit der Post. "Das fand ich nicht okay", sagt sie, weil sie weiß, dass sie fleißig war und sich bemühte. Wenn Sema sich aufregt, spricht sie schnell, so schnell, dass sie Wörter wegzulassen beginnt. Sie macht Bewegungen, die erzählen, was sie denkt.

Die Lücke im System und Selmas Aussicht auf die Obstfabrik-Stelle

"Briefkasten!", ruft sie und rupft einen Brief aus dem unsichtbaren Kasten vor sich, "ich war schockiert, richtig schockiert. Hätte man mir auch sagen können!" Sie ging noch mal hin, wollte, dass man ihr die Kündigung erklärt. Sie müsse "das lernen", sagte man ihr. Lernbehinderte können nicht alles lernen und vor allem nicht so schnell. Daran lässt sich kaum etwas ändern.

Wahrscheinlich hat sie beim Einsortieren der Essen in die Wägen Fehler gemacht. "Manchmal hab' ich Angst zu fragen", sagt sie, "oder wenn was auf den Boden fällt, hab' ich Angst, dass ich Ärger kriege." Lernbehinderte haben ein Problem mit Kommunikation, sie können nicht alles sagen oder fragen. Das aber könnten und sollten sie lernen, dafür war Sema in der KostBar.

Welche Chancen haben Menschen wie Sema? Sie können zu viel für eine Behindertenwerkstatt, aber zu wenig für den echten Arbeitsmarkt, sagt Johannes Mand, Professor für Heilpädagogik an der evangelischen Fachhochschule Rheinland. Um aus dem Kreislauf von Ein-Euro-Jobs, Praktika und Arbeitslosigkeit auszubrechen, gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder sie bekommen einen Arbeitsassistenten, der sie betreut, oder sie finden eine Stelle in einem Integrationsbetrieb.

Solche Firmen zielen nicht nur auf Gewinne; dort füllen Menschen mit Behinderung jeden zweiten oder dritten Arbeitsplatz aus. Diese besonderen, geschützten Arbeitsplätze kosten Geld. Die Lernbehinderung, ein Grenzfall der Sozialgesetzbücher, ist nicht immer als Behinderung anerkannt. Deswegen ist es schwer, Chancen für Menschen mit Lernbehinderung zu finanzieren. Eine Lücke im System.

"Der Ausweis hat mein Leben gerettet"

Hätte Sema keinen Schwerbehinderten-Ausweis, hätte sie sich nicht bei der Obstfabrik bewerben können. Denn die Stelle dort ist so ein geschützter Arbeitsplatz, die Fabrik ein Integrationsbetrieb. "Der Ausweis hat mein Leben gerettet", sagt sie. Er hat ihr in den vergangenen zehn Jahre schon eine Ergotherapie ermöglicht, weil die Motorik ihrer Hände so schlecht war, und eine Therapie beim Logopäden, weil sie Wörter und Silben vor Aufregung verschluckt.

Sema dreht sich um zu den Wildfleischwürfeln, die sie gerade anbrät. Mit konzentriertem Blick fährt sie mit einer Art Spachtel durch die dunkelroten Stücke im blubbernden Fett. "Braten hab' ich hier gelernt", sagt sie, "hab' ich gefragt und erklärt. Dann hab ich das gemacht und dann kann ich das." Früher habe sie "nix" behalten können, jetzt gehe es besser. Sie ruft zu ihrer Chefin rüber: "Stimmt's Frau Lull, das habe ich hier gelernt!"

Die Chefin spült gerade Schüsseln und Schneidebretter, eine andere Mitarbeiterin desinfiziert die Arbeitsflächen, und Sema brät, wie sie es gelernt hat. Die anderen Ein-Euro-Jobber sind schon nach Hause gegangen, sie kämen mit sechs Stunden Arbeit am Tag nicht klar. Zweimal in der Woche hilft Sema beim Verkauf der Suppen im KostBar-Mobil auf dem Bonner Wochenmarkt. Das gefällt ihr, weil die Kunden nett sind, lächeln und "Danke" sagen, wenn Sema ihnen die Suppe gibt. Die Arbeit in der KostBar wird sie vermissen. "Schon traurig", sagt sie, "dann hab' ich keine Frau Lull mehr."

"Ich gehe hin und hoffe, dass es ihnen gefällt und die Leute nicht böse sind", sagt Sema. Sie denkt an das Praktikum, die Produktionshalle in der Obstfabrik und an die halben Äpfel, die von links kommen - nachgucken, okay!, auf den Wagen!

Die Frage, wie benachteiligte Menschen am Arbeitsmarkt teilnehmen können, beschäftigt KarriereSPIEGEL-Autor Johannes Himmelreich (Jahrgang 1985) seit seinem Zivildienst. Heute lebt er in London, studiert Philosophie und schreibt manchmal als freier Journalist.