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Eine Botschaftsmitarbeiterin berichtet "Gambia hat mich strenger gemacht - und skeptischer"

Janine Hölscher ging mit 24 Jahren nach Gambia, um Menschen zu helfen. Aber die Deutsche musste erst Widerstände überwinden und einen Neustart wagen, um ihr Vorhaben umsetzen zu können.
Janine Hölscher mit ihrem Freund Aaron und ihren Hunden am Strand in Gambia

Janine Hölscher mit ihrem Freund Aaron und ihren Hunden am Strand in Gambia

Foto:

privat

"Noch eine Woche, dann kann ich während der Arbeit aufs Meer schauen. Ich bin dann rechte Hand der Leiterin des Büros. Nie hätte ich gedacht, dass ich in meinem Leben einmal mit einer Diplomatin zusammenarbeiten würde - dazu in Gambia, dem flächenmäßig kleinsten Staat des afrikanischen Festlandes. 

Dabei war für mich eigentlich schon immer klar, dass ich die Welt sehen möchte. Schon als Kind habe ich das Reisen geliebt und gebe einen großen Teil meines Geldes dafür aus. Teure Hobbys habe ich hier in Gambia nicht. Also nutze ich das Geld, um Kontinente und Menschen kennenzulernen.

Die Welt ist nicht Schwarz oder Weiß

Nach meinem Abitur 2013 ging ich für ein Praktikum bei einer Nichtregierungsorganisation für sechs Monate nach Gambia. Das Land faszinierte mich, die Offenheit, die Lockerheit der Menschen. Es machte mich auch nachdenklich - vor allem die Armut. Egal, wie arm eine Familie ist, es wird vor allem darauf geschaut, dass es dem Gast gut geht.

Ich nahm diese Gefühle mit nach Deutschland, um an der Universität Bielefeld meinen Bachelor in Sozialwissenschaften und Soziologie zu machen. Das Studium hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, Dinge aus mehreren Perspektiven zu betrachten - dass es mehr gibt als Schwarz oder Weiß. Die Zeit an der Uni machte mir aber auch bewusst, dass ich eher Anpackerin als Theoretikerin bin. Nach Ende meines Pflichtpraktikums kehrte ich zur NGO nach Gambia zurück. Bei der Arbeit lernte ich meinen jetzigen Freund kennen und merkte, wie gut es mir dort ging. Danach war mir klar: Dein Platz ist erst einmal hier – und nicht in irgendeinem Masterseminar.

Helfen, demokratische Strukturen aufzubauen

Ich war 24 und wollte mich nach meinem Bachelor von dem konsum- und sicherheitsgesteuerten Denken lösen, das ich aus Deutschland kannte. Hier in Gambia zahlt man nicht jahrelang ein Auto auf Raten ab, man kauft eines, das vor allem funktionieren soll. Ich merkte, dass ich wieder die kleinen Dinge des Alltags spürte. Dass ich das, was viele in Deutschland als Luxus begreifen, nicht brauche, um ein glückliches Leben zu führen.

Als ich im Juli 2018 nach Gambia flog, meine Bachelorarbeit frisch abgegeben, fühlte sich das gut an. Ich wollte immer einen Job finden, bei dem ich wusste, warum ich aufstehe, der für mich und die Gesellschaft einen Sinn ergibt – und Nachhaltigkeit schafft. Die Aufgabe bei der NGO gab mir dieses Gefühl. Mit meiner Arbeit wollte ich in Gambia Ausbildungsplätze schaffen, aber auch für Themen sensibilisieren, Mülltrennung etwa. Viele dieser Wünsche entwickelten sich anders als gedacht. Ich hatte in der NGO kaum Verantwortung und war abhängig von Strukturen – dabei wollte ich gerade unabhängig davon werden. Nach vier Wochen kündigte ich meinen Job. Ich spürte, dass ich etwas verändern musste, um wieder einen Weg zu finden, mit dem ich mich wohlfühlte.

Janine Hölscher bereut den Schritt nach Gambia nicht

Janine Hölscher bereut den Schritt nach Gambia nicht

Foto:

privat

Über Bekannte hörte ich von einer freien Stelle im Verbindungsbüro der Deutschen Botschaft im Senegal. Das Büro befindet sich in Banjul, der Hauptstadt Gambias. Banjul liegt auf einer Sandbank in der Mündung des Gambia-Flusses. Der Name der Stadt bedeutet in der lokalen Mande-Sprache Bambusinsel. Korruption ist in Gambia ein großes Problem. Zwar ist die mehr als 20-jährige Diktatur Yahya Jammehs seit 2016 überwunden, Korruptionsbekämpfung bleibt auch unter Präsident Adama Barrow eine vordringliche Aufgabe, und demokratische Strukturen befinden sich noch im Aufbau. Ich bekam den Job im Verbindungsbüro und sollte fortan helfen, genau diese Strukturen aufzubauen.

Unser Arbeitgeber ist das Auswärtige Amt. Ich arbeite für afrikanische Verhältnisse also ziemlich deutsch. Als Mitarbeiterin im Rechts- und Konsularwesen gehört es nicht selten auch zu meinem Job, den Menschen zu erklären, dass man zur Abholung des Passes keine Sonnenbrille trägt und man seinen Ausweis dabei haben sollte, wenn man zu uns kommt.

Es ist anders als in Deutschland. Aber genau das reizt mich hier. Gambia hat mich strenger und skeptischer gemacht. Ich habe hier auch negative Erfahrungen machen müssen, dennoch überwiegt das Gute. Ich bin stolz darauf, was ich mir hier aufgebaut habe, privat und beruflich. In meiner neuen Position kann ich bald noch mehr dazu beitragen, dass sich Menschen begegnen, kann Projekte koordinieren und Stammtische gründen - Menschen zusammenbringen und unterstützen. Mit diesem Wunsch war ich hierhergekommen.

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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Gerade bin ich mit meinem Partner, unseren fünf Hunden und zwei Katzen umgezogen. Die Wochenenden können wir am Strand verbringen. Mit den Hunden, mit den Freunden, zum Grillen. Das ist schön, aber nicht immer einfach. Die Zeit in Gambia hat mir noch mal mehr gezeigt, dass es zu meinem Charakter gehört, meinen Weg immer selbst zu finden. Natürlich vermisse ich Familie und Freunde in Deutschland. Eines habe ich durch die Zeit hier aber gelernt: Ich könnte überall wieder von null anfangen – und das ist ein gutes Gefühl."

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