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Flechten, polstern, zimmern: Die Strandkorbmacher

Foto: Kathrin Fromm

Strandkorbmanufaktur Nah am Wasser gebaut

Der Strandkorb ist ein typisch deutsches Draußenmöbel, wetterfest, praktisch, aus echter Handarbeit. Gut 50 Stunden werkelt allein Flechter Udo Marron an jedem Unikat. Auf Kundenwunsch gibt's auch Modelle wie "Pretty Woman" oder "Halali" mit Geweih und Edelweiß.

Konzentriert zieht Udo Marron das Band aus PVC nach vorn, nach hinten und wieder nach vorn. Die gewebte Bahn streicht er nach unten, bis alles schön straff aussieht. Drei bis dreieinhalb Stunden wird er für die Haube brauchen, insgesamt stecken mehr als 50 Stunden Flechtarbeit in jedem Strandkorb.

"Der Zopf hat mich am Anfang ganz schön ins Schwitzen gebracht, aber inzwischen habe ich darin Routine", sagt Marron. Seit fünf Jahren arbeitet er als Flechter bei der Firma Korbwerk im Seebad Heringsdorf auf Usedom. "Flinke Finger, handwerkliches Geschick und Geduld", darauf komme es bei seinem Job an, sagt er.

Die Manufaktur liegt nur wenige hundert Meter vom langen Sandstrand entfernt. In der Tischlerei werden die Holzteile hergestellt, meist aus Kiefer. Manchmal liefern auch Tischlereien aus der Region zu. Dann werden die einzelnen Teile in verschiedene Lasuren getaucht, etwa Walnuss, Pinie, Teak oder Ebenholz. Der Gerüstbauer montiert die Holzteile zum Gestell, der Polsterer sorgt für bequeme Sitzflächen, die Näherin für passende Bezüge. In den Regalen stapeln sich Stoffballen in unzähligen Farben und Mustern, gestreift, gepunktet, kariert.

XXL-Strandkorb für eine Million Euro

Etwa die Hälfte der 2000 Strandkörbe, die in Heringsdorf jedes Jahr produziert werden, gehen direkt an Privatleute. Der Kunde wählt Größe, Form, Holz, Stoff. So entstehen auch Strandkörbe für Kinder, Hunde oder Puppen. Die andere Hälfte wird zum Teil in Serie produziert und geht an Strandkorbvermietungen, Kurverwaltungen oder Firmen.

Im Ausstellungsraum gibt es etwa das Modell "Halali" im Jägerstil mit Geweih und Edelweiß als Verzierung. Oder das Modell "Pretty Woman" mit braunem Stoff mit weißen Punkten - wie das Kleid von Julia Roberts im gleichnamigen Film. Daneben gibt es Extras wie Sitzheizung, Massagefunktion, Radio, Kühlschrank oder Sektkühler. "Wenn wir einen Strandkorb bauen mit allem, was wir so anbieten, käme man auf 7000 Euro", sagt Korbwerk-Geschäftsführer Dirk Mund. Die günstigeren Varianten fangen bei 1000 Euro an.

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Unterwasserfotografin: Einmal Nixe sein

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Die bekannteste Sonderanfertigung dürfte 2007 entstanden sein, zum G-8-Gipfel in Heiligendamm: Angela Merkel und die anderen Regierungschefs nahmen Platz in einem sechs Meter langen XXL-Strandkorb aus Heringsdorf. Ein Plakat davon hängt immer noch als Blickfang im Ausstellungsraum der Manufaktur. Der Strandkorb wurde nach dem Gipfel zu wohltätigen Zwecken versteigert - für eine Million Euro.

Aber auch ohne Polit-Prominenz gibt es Geschichten zu erzählen. Etwa vom Opa, der für seine Enkel eine Übernachtungsgelegenheit suchte und auf einen großen Strandkorb mit eingebautem Tisch und Sitzbänken aufmerksam wurde. "Können Sie das auch mit einem Tisch machen, den man versenken kann, so dass eine Liegefläche entsteht? Und können Sie mir das auf den Balkon stellen?" Einige Wochen später wurde der Strandkorb per Kran geliefert.

Neustart nach der Insolvenz

In der Endmontage schlägt Ingo Groth die Hauben mit Stoff aus, sein Kollege kümmert sich um den Unterbau, dann werden beide Teile zusammengefügt. An Tagen mit Serienproduktion machen die beiden schon mal 20 Strandkörbe versandfertig und schauen, dass alles passt und funktioniert: Ist die Haube sauber geflochten, lässt sie sich problemlos bewegen? Ist die Lasur irgendwo beschädigt? Wurden das richtige Holz und der richtige Stoff gewählt, keine Schrauben vergessen?

"Die meisten Mitarbeiter können mehrere Produktionsschritte übernehmen", sagt Geschäftsführer Mund. Flechter Udo Marron liefert manchmal die Strandkörbe bei den Kunden ab. Eine Kollegin arbeitet je nach Saison als Näherin, Flechterin oder in der Endmontage. Die Hauptarbeit steht in der Manufaktur im Frühling und Sommer an. Der Winter wird für Reparaturen genutzt und um Einzelteile vorzufertigen.

20 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, vor fünf Jahren war die Mannschaft doppelt so groß und stellte noch um die 4000 Strandkörbe jährlich her. Doch Ende 2008 musste die damalige Korb GmbH Insolvenz anmelden. Seit 2011 ist Dirk Mund Geschäftsführer und setzt auf Klasse statt Masse, auf individuelle Fertigungen - "weil wir mit Billigprodukten aus Fernost eh nicht konkurrieren können. Im nächsten Jahr wollen wir schwarze Zahlen schreiben."

Aus Strand- wird Sonnenkorb

Neben Korbwerk gibt es in Deutschland eine gute Handvoll weiterer Hersteller und zahlreiche Händler. Die Strandkörbe entstehen in Handarbeit und nach Kundenwunsch, mit Extras gegen Aufpreis. So fertigt die Manufaktur Strandkorbprofi in Buxtehude rund 6000 Körbe pro Jahr, nur das Flechtwerk kommt aus Indonesien.

Manche Hersteller haben auch Gartenmöbel im Angebot, etwa Sonnenpartner in Bielefeld, fast 200 Kilometer vom Meer entfernt. Die meisten anderen Firmen produzieren in Wassernähe, wie die Firma Sylt-Strandkörbe in Rantum mit 1000 bis 1500 Exemplaren jährlich.

Deutsche Strandkörbe stehen nicht nur an der Ost- und Nordsee. Korbwerk hat schon in die USA, nach Brasilien, Chile und Südafrika geliefert. "Auch die Nachfrage aus Österreich und der Schweiz wächst", sagt Mund. "Und weil es in den Alpen keinen Strand gibt, heißt es dann da eben Sonnenkorb." Da ist man auf Usedom flexibel.

Kathrin Fromm (Jahrgang 1982) lebt als freie Journalistin in Hamburg und schreibt vor allem über die Themen Bildung und Beruf.

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