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Arbeiten in Indien: Wenn der Priester den Computer segnet

Kulturschock in Indien "Ich bin der neue Chef. Bist du verheiratet?"

Das Neugeborene darf nicht ausreisen, weil es keinen Einreisestempel hat - Gerd Höfner überraschen solche bürokratischen Hürden nicht mehr. Seit zehn Jahren leitet er das IT-Büro von Siemens in Bangalore, 4500 Inder arbeiten dort. Seine erste Frage an neue Mitarbeiter würde er in Deutschland nicht stellen.

"Als ich vor zehn Jahren das Angebot bekam, für Siemens in Bangalore die Software-Entwicklung zu übernehmen, war mir schnell klar: Das mache ich, aber nur mit einem interkulturellen Training als Vorbereitung auf die indischen Gepflogenheiten. Ich hatte vorher nämlich eineinhalb Jahre für Siemens in Italien gearbeitet und war damals ins kalte Wasser gesprungen, ohne große Vorbereitung. Dieses Mal wollte ich es besser machen und schon vorher wissen, wie die indischen Mitarbeiter ticken, in welchem kulturellen Umfeld sie leben und welche Umgangsformen wichtig sind.

Das einwöchige Training hat mir viel gebracht. Was zum Beispiel sehr gut angekommen ist: Ich habe mich in Bangalore als Erstes mit allen Abteilungsleitern ausführlich über persönliche Dinge unterhalten. Bist du verheiratet? Wie viele Kinder hast du? Bei deutschen Mitarbeitern stehen beim ersten Kontakt ja rein berufliche Dinge im Vordergrund, bei indischen Mitarbeitern kommt die Familie für viele an erster Stelle und spielt auch für den Berufsalltag eine wichtige Rolle.

Es ist zum Beispiel ganz üblich, dass man sich eine berufliche Auszeit von mehreren Monaten nimmt, um sein Kind etwa beim Abitur zu unterstützen. Einer meiner Mitarbeiter arbeitet aus diesem Grund jetzt vier Wochen von zu Hause aus. Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht. Die Arbeit wird genauso gut erledigt wie sonst auch.

Bei Siemens Technology and Services bin ich mittlerweile für 4500 Mitarbeiter zuständig, nur zehn davon sind Deutsche. In Indien ist es verhältnismäßig schwer, ausländische Mitarbeiter einzustellen. Man muss nachweisen, dass diesen Job kein Inder machen kann und ein Mindesteinkommen von umgerechnet 20.000 Euro im Jahr garantieren.

Anders, nicht schlechter

Im Alltag gibt es viele Kleinigkeiten, die anders laufen als in Deutschland. Ich fand zum Beispiel das Essen mit den Fingern am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber es hat auch seine Vorteile: Man verbrennt sich nie die Zunge und durch das Anfassen erlebt man das Essen auf einer weiteren sinnlichen Ebene. Mittlerweile esse ich indische Speisen auch fast immer mit den Fingern. Kultur ist eben nie gut oder schlecht, sondern nur anders.

Ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist der Verkehr in Bangalore. Es gibt viele Staus, und rote Ampeln werden oft eher als Empfehlung gesehen. Für die 20 Kilometer von zu Hause ins Büro brauche ich mindestens eine Dreiviertelstunde, was mich aber nicht stört. Ich nutze die Zeit für E-Mails und zum Telefonieren.

Was ich in meinem Umfeld sehr schätze, ist die positive Grundhaltung. In der Regel gehen die Menschen sehr pragmatisch an Aufgaben heran und packen zu. Es herrscht eine regelrechte Aufbruchstimmung. In den zehn Jahren, die ich jetzt in Bangalore lebe, hat sich unheimlich viel getan: Die Stadt ist um knapp drei Millionen Einwohner gewachsen, mittlerweile arbeiten hier mehr Menschen in der IT als im Silicon Valley. Es wurde eine U-Bahn gebaut, ebenso wie Ringstraßen und Einkaufszentren. Am Anfang gab es hier nur zwei Supermärkte, jetzt bekommt man fast alles. Nur deutsches Brot und Käse vermisse ich manchmal.

Ich fühle mich hier wohl, so dass ich mir eine Rückkehr nach Deutschland im Moment nur schwer vorstellen kann. Meine zwei Töchter wurden hier geboren und auch meine Frau, die in Erlangen als Gynäkologin im Uni-Klinikum gearbeitet hat, fühlt sich heimisch. Sie hat eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin gemacht und wird sich weiter auf Yoga-Therapie spezialisieren.

Wir wohnen in einem sogenannten Compound, einer Wohnanlage mit vielen internationalen und indischen Nachbarn. Das hat den Vorteil, dass die Kinder mal schnell zu ihren Freunden rüber laufen können. Davor haben wir in einem freistehenden Haus gewohnt. Da waren die Wege viel umständlicher und der Schulbus hielt nicht direkt vor der Haustür.

Ich habe in Indien sehr viel gelernt, unter anderem, den Dingen gelassener entgegenzutreten. Zum Beispiel durfte meine Tochter nach der Geburt nicht aus Indien ausreisen, weil sie keinen Einreisestempel in ihrem Pass hatte. Wo sollte sie den auch her haben? Sie ist ja schließlich hier geboren. Es hat lange gedauert, die nötigen Papiere zu beschaffen, aber letztendlich hat es doch rechtzeitig funktioniert. So ist es mit den meisten Dingen: Irgendwann klappt es doch."

Aufgezeichnet von Verena Töpper