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Arbeiten in Indien "Ich bin groß und grauhaarig, mir wird viel Respekt entgegengebracht"

Als Expat in Indien - wie ist das? Ein 32-jähriger Ingenieur und eine 56-jährige Firmengründerin berichten.
Antje Bauer in ihrem Coworking-Space in Pune

Antje Bauer in ihrem Coworking-Space in Pune

Foto:

Privat

Vielen Expats gilt Indien als besondere Herausforderung: Smogglocken über den Städten, brutal gefährlicher Verkehr und eine gänzlich andere Mentalität. In diversen Expat-Rankings schneidet das mit 1,34 Milliarden Einwohnern zweitbevölkerungsreichste Land der Welt mit der rasant wachsenden Volkswirtschaft gnadenlos schlecht ab. Aber wie arbeitet es sich wirklich in Delhi, Kalkutta und Chennai? Wir haben Deutsche gefragt.

"Als Frau habe ich es hier nicht schwer"

Antje Bauer (56) lebt seit 2013 mit einer kurzen Unterbrechung in Indien. Zunächst baute sie für einen Schweizer Agrarkonzern ein Servicecenter auf und führte 250 Mitarbeiter. Als ihr Job einer Restrukturierung zum Opfer fiel, kehrte sie zunächst nach Deutschland zurück - um dann mit ihrem Mann erneut nach Indien zu ziehen. Die beiden haben in Pune mehrere Unternehmen gegründet, darunter ein Aufforstungsprojekt und eine Coaching-Firma.

"Wir haben eine permanente Aufenthaltsgenehmigung beantragt. Wir wollen auf Dauer bleiben und können uns auch vorstellen, hier unseren Lebensabend zu verbringen. Unser damals 14-jähriger Sohn ist kurz nach unserer Ankunft erkrankt und musste operiert werden. Da haben wir gemerkt, wie Indien auch sein kann: Unsere neue Hausärztin hat gleich ihr ganzes Netzwerk aktiviert; Ärzte und Pflegekräfte riefen von sich aus an, jeder kümmerte sich - das war ganz anders und viel besser als in Europa.

Im Job habe ich allerdings auf die harte Tour lernen müssen, dass ich als Führungskraft alles immer kontrollieren muss. Die Inder sprechen Probleme nicht von sich aus an. Ein Nein hört man nie; wer nicht kontrolliert, wirkt desinteressiert. Als Frau habe ich es hier nicht schwer, bedroht habe ich mich nie gefühlt. Ich bin groß und grauhaarig, mir wird viel Respekt entgegengebracht – die Mutter gilt viel in der indischen Gesellschaft. Als Führungskraft, ob Mann oder Frau, hat man immer eine Elternrolle inne: Die Mitarbeiter kommen auch mit finanziellen und persönlichen Problemen. Es wird erwartet, dass man darauf eingeht.

Das gilt auch für Hausangestellte, die oft die einzigen Verdienenden in ihren Familien sind und kein soziales Auffangnetz haben – man sollte sich von Anfang an ein festes Gesamtbudget einrichten, um nicht immer wieder situativ entscheiden zu müssen. Indien hat mich Geduld gelehrt und Gelassenheit. Der ganze Alltag wird viel kurzfristiger geplant, Termine platzen in letzter Sekunde – das nehme ich mir mittlerweile auch selbst heraus, wenn es anders nicht geht."

"Ich kaufe jetzt wieder bügelfreie Hemden"

26 Jahre alt war der heutige Entwicklungsingenieur Alexander Ley (32), als er als technischer Leiter für die BPW Bergische Achsen KG nach Indien ging. Er blieb vier Jahre - und kam mit einer indischen Ehefrau nach Deutschland zurück. 

War als Ingenieur in Indien: Alexander Ley

War als Ingenieur in Indien: Alexander Ley

Foto: Privat

"Ich wollte damals gerne in ein Land mit einer ganz anderen Kultur. Mein Motto ist: 'Life begins at the end of your comfort zone.' Unsere Firma hat mich vor dem eigentlichen Start auf eine zweiwöchige Reise durchs Land geschickt, um mich bei Kunden und Mitarbeitern vorzustellen. Danach war ich noch einen Monat in Deutschland, bevor es richtig losging. Diese Pause war Gold wert. So kann man die ersten Eindrücke sacken lassen und sich gut vorbereiten. Das Seminar zum interkulturellen Training ging aber ein bisschen nach hinten los. Dort lernte ich, dass man in Indien nicht allzu direkt kommunizieren sollte. Einer meiner ersten Mitarbeiter hat es aber sehr ausgenutzt, dass ich keine ganz klaren Ansagen gemacht habe.

Als Deutscher kann man die vielen Leerlaufzeiten bei Angestellten erst einmal schwer ertragen: Die Fahrer etwa verbringen einen Großteil des Tages mit Warten. Effizienz ist hier aber nicht alles. Man muss das auch durch die soziale Brille sehen – man hat eine Verantwortung, Leute zu beschäftigen, weil es kein gutes Sozialsystem gibt. Spontanität, Gastfreundschaft und Kundenservice sind Dinge, die in Indien sehr ausgeprägt sind. Diesbezüglich könnten wir einiges von den Indern lernen. Ich habe auch gelernt, dass in Indien die beste Lösung nicht immer die richtige ist: Indien ist sehr kostensensibel, Deutschland eher qualitätssensibel. In Indien muss man daher nicht immer gleich eine ausgefeilte Lösung haben und improvisiert viel eher mal. Das ist mir als deutschem Ingenieur anfänglich schwergefallen. Ich habe gelernt: Man muss leben und leben lassen.

Was mir gefehlt hat: aktive Outdoor-Zeit. In den Städten gibt es wenig Grün, die Luft ist schlecht. Auch darum bleiben wir mit unserem kleinen Sohn lieber erst einmal in Deutschland. Hier haben wir allerdings keine Hausangestellten mehr – das war ein Luxus, an den man sich schnell gewöhnt. Ich kaufe jetzt wieder bügelfreie Hemden."

Kleiner Business-Knigge Indien

Business: Das indische Geschäftsleben ist in weiten Teilen sehr hierarchisch organisiert. Der kurze Dienstweg kann sich schnell als Sackgasse erweisen. Wichtig ist es deshalb, die richtigen Kommunikationswege zu kennen und einzuhalten. Auf Ihren Visitenkarten sollten Sie keinesfalls tiefstapeln, sondern dem Gegenüber zeigen, auf welcher Hierarchieebene Sie arbeiten. Gute Jobtitel helfen ebenso wie höheres Alter und Statussymbole. Auch wenn Ihnen Hotelzimmer nicht viel bedeuten, brauchen Sie vor Ort eine gute Adresse, um zu zeigen, wer Sie sind.

Tabus: Geschenke sind unter Geschäftspartnern üblich. Aber: Achten Sie darauf, dass Leder ein Problem sein kann, auch, wenn Sie etwa einen Füller verschenken, der in einem Lederetui steckt. Für Hindus ist Kalbsleder, für Muslime Schweinsleder ein Problem. Für Frauen ist es wichtig zu wissen, dass das Thema Menstruation extrem tabubehaftet ist.

Fauxpas: Das gemeinsame Essen markiert den Abschluss eines gemeinsamen Abends, nicht dessen Anfang – wenn Sie keine gegenteiligen Signale bekommen, verabschieden Sie sich bald danach. Oft geht es schon früh los; es gibt Small Talk und Häppchen, dann um zehn oder halb elf das Dinner und eine kleine Nachspeise. Und dann sollten Sie zügig aufbrechen.

Stil: Familien sind das zentrale Gesellschaftselement in Indien. Kinderlose Singles werden eher bemitleidet, das sollten Sie nicht persönlich nehmen. Small Talk auch über familiäre Themen ist im Geschäftsleben sehr wichtig. Das Grundmuster der indischen Kultur ist Anpassung, weiß Indien-Spezialistin Simone Rappel, die interkulturelles Coaching betreibt: "Deshalb wird es durchaus als Zeichen von Wertschätzung gesehen, wenn Sie als Frau etwa einen Sari tragen oder ein indisches Tuch zum Business Outfit."