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01. Februar 2012, 06:21 Uhr

Arbeiten in Singapur

Sauber, sicher, superschnell

Protokolle von

Kaugummis ausspucken oder Zigaretten auf der Straße austreten? In Singapur verboten. Streng, effizient und flott geht es im Ministaat zu. Vier Deutsche erzählen, wie sie dort leben - und warum es gar nicht so einfach ist, mit Banken oder Behörden Schritt zu halten.

Eine Firma gründen, Baugenehmigungen organisieren, Kredite aufnehmen - das ist in Singapur deutlich einfacher als in Deutschland, behauptet die Weltbank. Sie sieht den Ministaat im weltweiten Ranking der wirtschaftsfreundlichsten Länder auf dem ersten Platz, Deutschland nur auf Rang 19.

Singapur selbst ist kein großer Markt: kaum so groß wie Hamburg, fünf Millionen Einwohner - und eine Geburtenrate, die noch unter der von Deutschland liegt. Die strengen Gesetze und das harte Durchgreifen der Behörden sind legendär. Wer eine Zigarette achtlos fallen lässt, muss mit umgerechnet 500 Euro Strafe rechnen. Kaugummis werden bei der Einreise gleich vom Zoll beschlagnahmt - man könnte sie ja auf die Straße spucken.

Dennoch ziehen jedes Jahr Zehntausende Menschen aus aller Welt auf die Insel an der Südspitze Malaysias. 2010 hat Singapur Aufenthaltserlaubnisse und Staatsbürgerschaften an fast 50.000 Ausländer vergeben. In der ehemaligen britischen Kolonie leben und arbeiten rund 7000 Deutsche. Die meisten sind bei einem der knapp 1200 deutschen Unternehmen im Land angestellt, "die Zahl steigt kontinuierlich", sagt Tim Philippi, Geschäftsführer der Deutsch-Singapurischen Industrie-und Handelskammer.

Boomende Branchen seien Logistik, Finanzwesen und IT, aber auch Chemie, Elektronik und Maschinenbau. In Zukunft sollen Gesundheitspflege und Tourismus dazu kommen. 2010 hat Singapur sein Bruttoinlandsprodukts um 14,5 Prozent gesteigert, für 2011 rechnet man mit einem Wachstum von fünf bis sechs Prozent. "Singapur hat einen rasanten Wandel vom Schwellen- zum Industrieland durchgemacht", so Philippi. Heute sei es einer der teuersten Standorte weltweit.

Was Singapur außer einer rasant wachsenden Wirtschaft, hohen Mietpreisen und strengen Gesetzen zu bieten hat, erzählen vier Deutsche, die dort eine neue Heimat gefunden haben.

Ingenieurwissenschaftler aus München: "Ein moderner Schmelztiegel"

"Ich kam vor vor acht Jahren nach Singapur, nach meiner Promotion in Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität München. Geplant waren zunächst nur sechs Monate, mittlerweile bin ich mit einer Singapurerin verheiratet. Ich leite hier eine Firma der TU München: TUM Asia. Gemeinsam mit der National University of Singapore und der Nanyang Technological University bieten wir Masterstudiengänge an und versuchen, eine Brücke zu schlagen zwischen Theorie, Industriekenntnissen und Forschung. Außerdem bringen wir Wissenschaftler aus Deutschland und Singapur zusammen.

Der Anfang hier war für mich leicht, im Umfeld der Uni hatte ich viele andere Ausländer um mich. Singapur bedeutet für mich in erster Linie kulturelle Vielfalt, Dynamik und schnelle Veränderung. Als universitätsähnliche Einrichtung arbeiten wir mit der lokalen Industrie zusammen, primär deutschen Firmen, aber auch mit staatlichen Stellen. Die Schnelligkeit, mit der Behörden hier neue Programme diskutieren, auflegen und umsetzen, ist teilweise atemberaubend.

Hautfarbe, Religion und Herkunft spielen keine Rolle

Typisch für Singapur sind das hohe Maß an Sicherheit, Sauberkeit und Effizienz. Natürlich kann dieser Hang zu Perfektion manchmal auch ernüchternd sein. Was mich an Singapur stört, sind der Stress, die dauernde Hektik und die räumliche Enge - vorher habe ich im ländlichen Raum in Bayern gelebt.

Auch der Hang zum Kommerz ist sehr eigen und die Bedeutung von Statussymbolen sehr ausgeprägt. Ein großer Unterschied ist die Diskussionskultur: Im Vergleich zu Deutschland wird im Freundeskreis eher selten über Politik diskutiert. Es hilft aber wenig, das Leben hier danach zu beurteilen, was in Deutschland anders gemacht wird.

Sehr angenehm: Hautfarbe, Religion und Nationalität spielen keine Rolle im Alltagsleben. Es ist ganz natürlich, dass man sowohl im Privaten wie im Geschäftlichen mit Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft zu tun hat. Singapur ist ein moderner Schmelztiegel."

An der Rezeption eines Luxushotels: "Leichtigkeit und unendlicher Sommer"

"Bevor ich nach Singapur gezogen bin, habe ich schon im Raffles-Hotel in Kambodscha gearbeitet. Ich kenne Asien also gut. Das Leben in Singapur ist reizvoll: Die Menschen sind sehr mobil, man lebt im Epizentrum von Südostasien und erreicht schnell viele andere attraktive Ziele. Meine neue Heimat bedeutet für mich vor allem drei Dinge - Leichtigkeit, Multikulturalität und unendlicher Sommer.

An Singapur mag ich vor allem, dass es hier sehr effizient zugeht. Ein Beispiel: Ich habe ein Konto eröffnet und hatte meine Kreditkarte innerhalb von 20 Minuten. Ich liebe das! Man muss hier nicht erst einmal zwei Wochen warten, bis alle Dokumente fertig sind.

WG-Zimmer zum Preis einer Zwei-Zimmer-Wohnung

Langweilig wird es hier nie, weil man so verschiedene Menschen trifft. Es gibt viele Europäer hier und natürlich viele Chinesen, Malaysier und Inder. In Singapur leben 24 Prozent Ausländer, aber trotzdem finde ich, dass Singapur eine sehr asiatische Stadt ist. Ich selber habe einen sehr gemischten Freundeskreis.

Es gibt natürlich auch Aspekte, die ich weniger mag: Singapur ist sehr strikt, es gibt viele Vorschriften, die Mieten sind sehr hoch. Ich teile mir deshalb eine Wohnung mit drei anderen Leuten, habe aber mein eigenes Badezimmer. Für das gleiche Geld könnte ich in Deutschland eine schöne Zwei-Zimmer-Wohnung in einer Großstadt bekommen.

Alles in allem ist das Leben in Singapur deutlich teurer als in Deutschland. Andererseits hat man auch große Vorteile: Es ist sauber, es ist sicher und es gibt ein tolles öffentliches Nahverkehrssystem. Etwas vermisse ich an Deutschland aber trotzdem sehr: die gute alte Butterbrezel."

Mathematik- und Physiklehrer für Auswandererkinder: "Schnell Beruf und Wohnung wechseln"

"In Asien findet man für Familien wohl kein idealeres Land zum Leben und Arbeiten als Singapur. Für unsere Kinder, die hier geboren sind, gibt es sehr gute Betreuungs- und Freizeitmöglichkeiten. Auch meine Frau hat hier beruflich Fuß gefasst. Eine Rückkehr nach Deutschland ist in weite Ferne gerückt.

Das Schönste an Singapur? Die Skyline bei Nacht, die grünen Oasen im Inneren der Insel, die ruhigeren Strände und Parks im Norden. Und die Tatsache, dass man sich überall zu jeder Tages- und Nachtzeit unbesorgt bewegen kann und in der Regel immer freundlich bedient wird, auch oder gerade, wenn die Kinder dabei sind.

Bevor ich nach Singapur gezogen bin, kannte ich natürlich die Vorurteile vom durchregulierten Staat mit drakonischen Strafen. Dies hat sich glücklicherweise im täglichen Leben als wenig zutreffend herausgestellt. Atemberaubend ist für mich als Europäer dagegen die Schnelligkeit des Lebens hier, im Beruf und im Privatleben.

Viele sind schnell wieder weg

Über Jahre hinweg hohe Wachstumsraten der Wirtschaft - das prägt das Stadtbild und auch die Mentalität der Menschen: Die Einheimischen gehen im Vergleich zu Deutschen viel höhere Risiken ein. Arbeitsplätze und Berufe werden viel häufiger gewechselt, Selbständigkeit gilt vielen als Ziel, und auch privat wird versucht, mit teilweise schwindelerregend hohen Krediten vom Immobilienboom zu profitieren. Beispielsweise sind Mietverträge auf zwei Jahre begrenzt, danach wird neu verhandelt. Es gibt nicht wenige, die deshalb alle zwei Jahre umziehen - oder umziehen müssen.

Ich habe hier einen sehr internationalen Freundeskreis, was meinen Horizont erweitert hat. Schade ist, dass viele Leute nur für eine kurze Zeit in Singapur leben und arbeiten und deshalb viele gute Freunde, die man im Laufe der Zeit kennenlernt, das Land recht bald wieder verlassen.

Nicht wenige einheimische Haushalte müssen mit einem Einkommen aus Erwerbstätigkeit beider Ehepartner auskommen, das teilweise deutlich unter dem deutschen Hartz-IV-Niveau liegt. Sie schaffen das - noch. Die steigenden Lebenshaltungskosten waren auch das zentrale Thema der letzten Wahlen."

Braumeister im deutschen Brauhaus: "Einkaufen rund um die Uhr"

"Ich lebe und arbeite schon seit mehr als elf Jahren in Singapur und war auch die vier Jahre davor in Asien, unter anderem in China und auf den Philippinen. Ich habe eine Brauerlehre bei Paulaner München gemacht und danach das Braumeister-Diplom in Weihenstephan. Dann kam das Angebot, nach Asien zu gehen. Eigentlich wollte ich ja immer nach Nord- oder Südamerika, zugesagt habe ich trotzdem.

Ich hatte keine Vorstellung vom Land und habe auch vor meinem Umzug keinerlei Recherchen angestellt. Der Aufbruch nach Asien fand innerhalb von drei Wochen statt, so dass keine Zeit für Überlegungen und Vorbereitungen blieb.

Westlich oder asiatisch - das bestimmt jeder selbst

Singapur lag ursprünglich nicht auf meinem Reiseplan. Hier schätze ich vor allem die kulturelle Vielfalt, die sich an einem Ort konzentriert. Auch mit der Sprache hat man es einfach: Man kommt besser mit Englisch aus als beispielsweise in China. Toll ist auch die geografische Lage. Man kommt schnell in der Region umher, es gibt gute öffentliche Verkehrsmittel. Behördliche Strukturen sind sehr modern, das meiste lässt sich übers Internet abwickeln. Die Stadt verändert sich schnell, ist aber trotzdem überschaubar.

Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten: Wie in allen asiatischen Ländern ist es oft nicht einfach, den Mitarbeitern zu vermitteln, was wir gewohnt sind oder für richtig erachten. An Singapur selbst gefällt mir der Bauboom weniger, alles wird zugebaut und ständig modernisiert. Es gibt immer weniger ruhige Flecken. Ich vermisse ab und zu die deutsche Landschaft und die Berge zum Wandern.

Dafür bietet das Leben in Singapur mehr Freiheiten als in Deutschland: Die Geschäfte sind sieben Tage geöffnet, viele kleine Lokale sogar rund um die Uhr. Ich habe viel mit Einheimischen zu tun, bekomme ihre Bräuche mit und lebe diese auch. Ich empfinde Singapur deshalb als ein sehr asiatisches Land. Auswanderer mit Fahrer und Kindermädchen, die ihre Kinder in die Internationale Schule schicken und sich in ausländischen Clubs aufhalten, werden das Leben hier dagegen als sehr westlich sehen."

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