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Arbeiten und Sparen im Alter "2017 waren nur 50 Prozent der beschäftigten Frauen in Vollzeit. Da wird mir ganz bang"

Sie schonen ihre Kleidung und ihren Wohnraum, kochen vor und ein, werfen nichts weg und machen viel selbst. Eine Forschungsgruppe hat die Lebenslagen von Rentnerinnen untersucht - und gibt Tipps gegen Altersarmut.
Rentner im Park: "Die nächste Generation hat vielleicht gelernt, sich politisch mehr zu wehren"

Rentner im Park: "Die nächste Generation hat vielleicht gelernt, sich politisch mehr zu wehren"

Foto: imago/Ralph Peters
Zur Person
Foto: Robert Haas

Irene Götz, Jahrgang 1962, ist Professorin für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der LMU München. Sie hat das DFG-Forschungsprojekt "Prekärer Ruhestand. Arbeit und Lebensführung von Frauen im Alter" geleitet, in dessen Rahmen 50 Frauen zwischen 63 und 85 Jahren aus unterschiedlichen sozialen Milieus interviewt wurden. 18 der Frauen werden in dem Buch "Kein Ruhestand: Wie Frauen mit Altersarmut umgehen" porträtiert.

SPIEGEL ONLINE: Frau Götz, Sie berichten in Ihrem Buch von einer Versicherungsangestellten, die nach 40 Jahren Berufstätigkeit abends in einem Callcenter wie im Akkord telefoniert, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Wie groß ist das Problem?

Irene Götz: Betroffen sind vor allem alleinstehende Frauen, Geringqualifizierte im Niedriglohnsektor und Langzeitarbeitslose. Fast 17 Prozent der Rentnerinnen und Rentner sind laut einer neuen Studie des DIW und der Bertelsmann-Stiftung von Altersarmut betroffen, in teuren Städten wie München sogar noch mehr. Ihrer Prognose zufolge wird es in 20 Jahren bundesweit jeder fünfte sein.

SPIEGEL ONLINE: Und deshalb haben immer mehr Rentnerinnen und Rentner und - so Ihr Buchtitel - "keinen Ruhestand" mehr?

Götz: Der Titel ist natürlich eine Zuspitzung. Arbeit ist nicht nur Pflicht und Zwang. Die Verrentung bringt für viele Leerlauf mit sich. Sie wollen weiterhin anerkannt werden und rauskommen und suchen eine Struktur für ihren Alltag. Deshalb kann man nicht pauschal sagen, dass Rentner vor allem aus finanzieller Not arbeiten. Dennoch: Die Zahlen der älteren Minijobber sind extrem gestiegen. 2018 haben sich mehr als 1,4 Millionen Ruheständler etwas hinzuverdient - und viele machen einen Minijob. In München sind zum Beispiel mehr als zehn Prozent der Minijobber über 65 Jahre alt. Der Prozentsatz hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat die Versicherungsangestellte aus Ihrem Buch nicht einfach in ihrem alten Beruf weitergearbeitet?

Götz: Sie hätte das Geld zwar dringend gebraucht, da sie lange Jahre in Teilzeit gearbeitet hat mit Erwerbspausen für die Kinder. Mit ihrer Rente kann sie in einer Stadt wie München nicht leben. Doch bei ihrer Versicherung hatte sie keine Chance. Das Problem ist in vielen Fällen, dass die Arbeitgeber ihre Angestellten zwangsverrenten, weil sie Ältere immer noch für eine Belastung halten. Das müsste nicht sein. Mit der sogenannten Flexirente gibt es gesetzliche Möglichkeiten, nach Renteneintritt weiterzuarbeiten. Die Betriebe müssten stärker an die Hand genommen werden, um Altersdiskriminierung abzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Die Versicherungsangestellte ging stattdessen ins Callcenter.

Götz: Sie hätte sich das anders gewünscht. Das ist eine Branche mit schwierigen Arbeitszeiten. Sie sitzt abends zwei, drei Stunden am Telefon und sagt, wenn sie da rauskommt, sei sie erschöpft. Je nach Qualifikation und Branche bleiben eben nur wenige attraktive Jobs. Eine ehemalige Kosmetikerin hat uns erzählt, mit 70 finde sie keine Jobs mehr, nicht einmal im Weihnachtsgeschäft, wenn dringend Leute gesucht werden. So geht es vielen.

SPIEGEL ONLINE: Die soziale Schere zwischen Privilegierten und Schwachen geht also auseinander. Wo verläuft der Schnitt?

Götz: Zwischen denen, die nicht arbeiten können oder dürfen, aber müssten - und denen, die weiterarbeiten können, es aber nicht dringend müssten. Die hochqualifizierten Schreibtischarbeiter sind doppelt im Vorteil: Eine selbstständige Lektorin kann einfach weitermachen. Niemand reglementiert sie. Und sie ist auch körperlich nicht so erschöpft wie eine Krankenschwester oder Kassiererin. Jene, die schon im Berufsleben privilegiert waren, sind es im Ruhestand meist auch.

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Götz, Irene

Kein Ruhestand: Wie Frauen mit Altersarmut umgehen

Verlag: Verlag Antje Kunstmann
Seitenzahl: 280
Für 20,00 € kaufen
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SPIEGEL ONLINE: Wie viel dürfen Rentnerinnen und Rentner dazuverdienen?

Götz: In der regulären Altersrente können sie so viel dazuverdienen, wie sie wollen, das wird entsprechend versteuert. Wenn sie gesundheitliche Probleme haben und eine Erwerbsminderungsrente beziehen, dürfen sie nur eingeschränkt nebenbei arbeiten, das hängt vom Grad der Minderung ab. Wenn sie Grundsicherung bekommen, dürfen sie zwar arbeiten, das wird aber sofort verrechnet. Das ist ein großes Problem. Viele Ältere werden dadurch zu Schwarzarbeit verleitet.

SPIEGEL ONLINE: Beim Ehrenamt werden Aufwandsentschädigungen bis zu einer Höhe von 200 Euro pro Monat nicht auf die Grundsicherung angerechnet. Ist das eine Lösung - oder droht Ehrenamt im Akkord?

Götz: Eine unserer Interviewten war tatsächlich so beschäftigt, dass wir nur schwer einen Gesprächstermin gefunden haben. Aber das ist nicht das Problem. Die Gefahr ist, dass reguläre Arbeit ins Ehrenamt verschoben wird. Gerade Ältere, die nichts dazuverdienen dürfen, sind für eine Ausnutzung anfällig. Zweitens verstärkt sich im Ehrenamt der geschlechtliche und soziale Unterschied. Wer schon immer aktiv und qualifiziert war, hat im Alter die lukrativeren Ämter. Männer werden Vereinsvorstand und gewinnen damit an sozialem Status. Frauen sind da sozial aktiv, wo sie häufig ein Leben lang schon aktiv waren, zum Beispiel in der Pflege. Oder sie umsorgen die Enkelkinder. Das bringt kein Renommee, sondern es wird als selbstverständliche weibliche Tätigkeit angesehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Frauen, die Sie interviewt haben, haben von Strategien erzählt, wie sie ohne Arbeit zurechtkommen. Was haben sie gesagt?

Götz: Viele Frauen schöpfen aus dem Wissen, das sie als Kriegs- und Nachkriegskinder erworben haben: Sie verzichten, reparieren oder recyclen Dinge. Sie schonen ihre Kleidung und ihren Wohnraum, kochen vor und ein, werfen wenig weg. Eine der Interviewten hat vor Weihnachten kiloweise Vanillekipferl gebacken und sie in einer Tauschbörse gegen Leistungen wie Fahrdienste oder Balkonstreichen eingetauscht. Eine andere verkauft Selbstgestricktes.

Arbeiten im Alter

Manche fiebern dem Ruhestand entgegen - andere fürchten und meiden ihn. Warum arbeiten Menschen weiter, die längst in Rente sein könnten? Dieser Frage widmet der KarriereSPIEGEL in dieser Woche mehrere Artikel.

Zur Übersicht kommen Sie hier.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben in Ihrem Buch auch Ratschläge in diese Richtung.

Götz: Wir haben das Buch nicht nur für Wissenschaftler oder Politiker geschrieben, um zu zeigen, wie die Frauen leben, sondern auch für die Betroffenen selbst. Um sie zu entlasten, haben wir bundesweite soziale Anlaufstellen aufgelistet. Wir geben Tipps, wie man mit wenig Geld kulturell teilhaben kann und erläutern, was ein Sozialkaufhaus ist und wo man es findet.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen verstorben sind? Dann wird ein Buch mit Tipps kaum reichen, um gegen Altersarmut anzukommen.

Götz: Die nächste Generation hat vielleicht gelernt, sich politisch mehr zu wehren und erstreitet hoffentlich eine andere Renten-, Wohn- und Arbeitsmarktpolitik. Wir brauchen ein Zurück zu auskömmlichen Arbeitsverhältnissen statt Minijobs, um eine sichere Rente zu erwirtschaften. Ein weiteres Problem: Frauen arbeiten oft in Teilzeit. 2017 waren nur 50 Prozent der versicherungspflichtig beschäftigten Frauen in Vollzeit. Minijobberinnen sind da noch nicht mal eingerechnet. Da wird mir ganz bang.

Im Video: Altersarmut - Lebensabend als Überlebenskampf

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