Arbeit im Kalibergwerk Die weißen Kumpel

Wer Bergbau hört, denkt an Männer mit kohleverschmierten Gesichtern, die laute Maschinen bedienen. Doch im Kalibergwerk ist es erstaunlich ruhig, und selbst die Straßen sind weiß. Ein Besuch unter Tage.

DPA

Metallenes Klappern, das Gitter schließt. Dann wird es dunkel. Es geht abwärts, Zugluft weht um den Helm. In nicht einmal einer Minute fährt der Fahrstuhl in 750 Meter Tiefe. Unten im Bergwerk angekommen offenbart sich eine Stadt: Es gibt Büros, Straßen, Autos, Werkstätten. Nur das Tageslicht fehlt.

Das Gebiet des K+S-Werks Werra im osthessischen Philippsthal liegt bis zu 1200 Meter unter der Erde. "Es ist unter Tage etwa so groß wie der innere Autobahnring um München", sagt Jörg Lohrbach, Assistent des Leiters der Grube Hattorf/Wintershall. Abgebaut wird unter anderem Kalium, neben Stickstoff und Phosphor einer der wichtigsten Nährstoffe zur Düngung von Pflanzen.

"Was wir hier abbauen, ist wichtig für die ganze Welt", sagt Sprenglochbohrer Alexander Euler, 25. Schon sein Urgroßvater und sein Großvater seien Bergmänner gewesen. "Ich bin durch die Familie reingerutscht. Das ist ein Beruf mit Tradition, er macht mir Spaß." Ablenkung aber gibt es nur selten, Handy oder Radio funktionieren unter Tage nicht. "Wir haben genug zu tun, da braucht niemand etwas zur Unterhaltung", sagt Euler. Er genieße auch die Einsamkeit in der Schicht.

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Deutschlands tiefster Arbeitsplatz: 1630 Meter unter dem Meer
Inklusive Fabrik über Tage sind im Werk Werra rund 4400 Menschen beschäftigt, etwa 25 Millionen Tonnen Rohsalz werden hier pro Jahr gefördert. K+S gehört zu den weltweit größten Kaliproduzenten, der Kaliabbau ist die wichtigste Säule des Dax-Konzerns. Doch der Düngemittelmarkt ist erschüttert. Anfang August brach die K+S-Aktie zeitweise um mehr als 40 Prozent auf unter 16 Euro ein. Obwohl sich der Kurs seitdem etwas erholt hat, mahnen Experten zur Vorsicht: K+S könnte zu einem Übernahmekandidaten werden, der Verbleib im Dax ist ungewiss.

Von der Aufregung über Tage ist im Bergwerk nicht viel zu spüren. Es ist ruhig hier unten, im Dunkeln gibt es "Ortsschilder", eine Anschnallpflicht und sogar eine Blitzerkolonne, die die Geschwindigkeit - meist zwischen 30 und 50 Stundenkilometer - kontrolliert und zu schnelles Fahren ahndet. Die Straße besteht aus angefeuchtetem und verdichtetem Salz. Riesige Ventilatoren sorgen für einen ständigen Luftaustausch. Sie ziehen rund 63.000 Kubikmeter Luft pro Minute, das ist so viel, wie in 20 olympische Schwimmbecken passt.

"Unser eigenes Trinkwasser ist gefährdet"

Um das Kali zu gewinnen, muss es aus dem Gestein gelöst werden. Dabei entsteht salzhaltiges Abwasser, das von K+S entweder in die Werra gepumpt oder in den Untergrund gepresst wird - derzeit jeweils rund fünf Millionen Kubikmeter pro Jahr. Das ruft Kritiker auf den Plan, die befürchten, dass die Salzabwassereinleitung in den Fluss nachhaltige Umweltschäden verursachen.

Sprenglochbohrer Euler wohnt unweit der Werra und bekommt den Widerstand mit: "Kali lässt sich ohne Rückstände nun mal nicht herstellen. Aber wir halten die Belastung für die Umwelt in Grenzen. Und die Jobs sind wichtig." Bis 2015 will K+S das Abwasser auf insgesamt sieben Millionen Kubikmeter jährlich reduziert haben.

Das reicht Werner Hartung jedoch nicht. Der Bürgermeister der thüringischen Gemeinde Gerstungen sorgt sich um das Grundwasser. "Unser eigenes Trinkwasser ist gefährdet", sagt er. Er fordert von K+S neue Technologien, um das Abwasseraufkommen zu verringern. Bei fast einer Milliarde Gewinn sei das sicher möglich, meint er. Die Gemeinde hat schon mehrfach gegen die Erlaubnis von Salzabwasserentsorgungen geklagt, allerdings bislang erfolglos.

Im hessischen Städtchen Heringen, nur wenige Kilometer entfernt, sieht man das ganz anders. "K+S ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor, viele sind da beschäftigt", sagt Bürgermeister Hans Ries. Ihm sei die Umweltbelastung bewusst, "aber wir haben auch die wirtschaftliche Existenz im Auge".

Insgesamt plant K+S für die Umweltschutzmaßnahmen Ausgaben von rund 360 Millionen Euro. "Wir prüfen alle Optionen, um die Produktion nicht zu gefährden. Aber null Emissionen sind nicht möglich", sagt ein K+S-Sprecher.

"Es gibt Bedenken, dass wir hier eines Tages wegen der Entsorgungsfrage nicht mehr produzieren dürfen", sorgt sich Lohrbach. Dann ginge es der Werra sicher besser, aber Tausende Arbeitsplätze wären in Gefahr. Zuletzt ist wohl auch die Sorge vor einer Übernahme von K+S dazugekommen, auch in diesem Fall stünden Arbeitsplätze und sogar ganze Bergwerke auf dem Spiel.

Timo Lindemann/dpa/ant



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keksguru 25.08.2013
1. und die Pipeline?
es war schon mal diskutiert worden die Kaliabwässer direkt in die Ost- oder Nordsee über eine Pipeline abzuleiten....
Chris190572 25.08.2013
2. Foto Nummer 1
Der Förderturm ist allerdings eher unscheinbar, im Vergleich zu der riesigen Abraumhalde nebenan, die die halbe Rhön optisch dominiert.
Oberleerer 25.08.2013
3.
Als Laie sehe ich da nicht da Problem mit dem Abraum und Abwasser. Wenn das unterirdische Gelände ohnehin so riesig ist, warum erfolgt die Aufarbeitung nicht gleich vor Ort und man schiebt den Abraum in die leeren Stollen? Ich weiß auch nicht, wie das Kalisalz nun gewonnen wird, durch Kochen wie früher bei den Salzkochern? Dann kann man doch durch Destilation das Abwasser wieder reinigen? Wärmetauscher bekommen das sicherlich auch den Energieverlust in den Griff. Vlt. kann sogar ein großer Brennspiegel die Temperatur liefern.
biogeo 25.08.2013
4.
Die Hauptursache für eine Versalzung des Grundwassers in dieser Gegend liegt - vermutlich - in den Abraumhalden. Wenn es regnet, wird Salz aus den Abraumhalden ausgewaschen und sollte zumindest über das Drenagesystem aufgefangen werden. Es gibt aber einige Zweifel, ob dieses System dicht ist. Aber es ist schwer festzustellen, da das Grundwasser auf Grund der Geologie (Zechstein) durch natürliche Salzvorkommen beeinflusst seien kann. Rückverfüllen kann man das Material nicht, da es auf Grund der Aufbereitung eine große Volumenzunahme erfährt. Rückverfüllung ist nur in den Norddeutschen Salzstocken möglich, da diese nahezu senkrecht einfallen, die im Werra gebiet allerdings nicht. Insofern wird man immer weiter abbauen (ca. 40 Jahre) und vermutlich wird bis dahin, das ganze Grundwasser dieser Region versalzen sein. Gegen eine Nordsee-Pipeline gibt es politischen Wiederstand in Norddeutschland...
bcb86 26.08.2013
5. Denkfehler?
"- derzeit jeweils rund fünf Millionen Kubikmeter pro Jahr"... "Bis 2015 will K+S das Abwasser auf insgesamt sieben Millionen Kubikmeter jährlich reduziert haben" Aha, man muss also nur von Reduzierung sprechen. Im Nachhinein merkt es dann keiner, wenn es doch mehr ist.!?
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