Arbeiten vom Segelboot aus "Morgens springen wir erst mal ins Wasser"

Maren Wagener und ihr Mann leben seit zwei Jahren auf einem Segelboot im Mittelmeer. Ihre Wohnung in Hamburg haben sie aufgegeben, ihre Jobs haben sie behalten: Sie arbeiten jetzt an Bord.

Maren Wagener

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Wagener, Sie leben und arbeiten seit März 2015 mit Ihrem Mann auf einem Segelboot im Mittelmeer. Jeden Tag zu zweit auf kleinstem Raum - kriegt man da keinen Lagerkoller?

Wagener: Nein, gar nicht. Aber wir haben auch vorher vier Jahre lang geübt. Von Hamburg aus sind wir immer zum Segeln an die Ostsee gefahren. Mit unserem ersten Boot waren wir nur an den Wochenenden unterwegs, dann drei Wochen am Stück, dann fünf, sechs. Unsere Touren wurden immer länger, und irgendwann habe ich die entscheidende Frage gestellt: Können wir das nicht da machen, wo die Sonne scheint? Das war der Start unseres Lebens auf dem Boot, und jetzt könnte ich mir gar kein anderes mehr vorstellen.

Zur Person
  • Rieka Anscheit
    Maren Wagener, 39, hat Medienmanagement studiert und 2008 in Hamburg die IT-Firma Vast Forward gegründet. Diese leitet sie mittlerweile zusammen mit ihrem Mann Matthias von einem Segelboot aus.

SPIEGEL ONLINE: Und wie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?

Wagener: Mein Mann und ich leiten zusammen eine Firma, die Projektmanagement- und Programmier-Dienstleistungen für Agenturen anbietet. An uns wenden sich zum Beispiel Werbeagenturen, wenn ganz kurzfristig Werbebanner, Newsletter oder Webauftritte für Kampagnen programmiert werden sollen. Wir sind oft eine Art Feuerwehr, die schnell Teams aus Projektleitern und freiberuflichen Entwicklern zusammenstellt, um diese Aufträge zu erledigen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie dafür nicht beim Kunden vor Ort sein?

Wagener: Nein, nur ganz selten. Die Projektkommunikation lässt sich in der Regel wunderbar per E-Mail, Skype oder Telefon führen. Wir versuchen, auf Meetings zu verzichten, das haben auch unsere Kunden gemerkt.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihre Angestellten sitzen im Büro in Hamburg?

Wagener: Nein, das Büro steht die meiste Zeit leer. Wir beschäftigen sieben Projektleiterinnen, und alle können dort arbeiten, wo sie möchten, also im Büro, aber auch zu Hause oder im Café. Das war aber schon so, bevor wir aufs Boot gezogen sind. Eine Mitarbeiterin pendelt zum Beispiel zwischen Barcelona, Paris und der Côte d'Azur, eine andere zwischen Bremen und Berlin, eine weitere arbeitet in Hamburg, und um unsere Post kümmert sich unter anderem eine Mitarbeiterin in Frankfurt.

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SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen arbeiten nur Frauen?

Wagener: Ja, das ist vielleicht auch unser Erfolgsrezept, auf Frauen kann man sich eben verlassen (lacht). Tatsächlich sind viele unserer Mitarbeiterinnen Freundinnen, wir kannten uns schon, bevor sie bei Vast Forward anfingen. Dieser Job ist nicht für jeden was, da kann man nicht einfach so eine Stelle ausschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nicht?

Wagener: Ein Team zu führen, ohne gemeinsam in einem Büro zu sitzen, ist kein Selbstläufer. Das funktioniert nur über Vertrauen - und Verabreden. Wir haben zum Beispiel gelernt, dass es allen hilft, ganz konkrete Zielvereinbarungen zu treffen. Und Kommunikation ist das A und O. Wir sind über Telefon, Skype und E-Mail ständig miteinander verbunden. Und wenn jemand eine Frage hat, bekommt sie nach wenigen Minuten im Skype-Chat eine Antwort. Diese Verbundenheit erzeugt die Nähe, die für das Teamgefühl so wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn auf hoher See immer Zugang zum Internet?

Wagener: Während der Woche liegen wir meist vor Anker oder in einem Hafen, dort können wir manchmal ein WLAN nutzen, meistens gehen wir aber über unsere mobilen Datenverträge ins Internet. Wir haben Flatrates, und seit in der EU die Roaminggebühren weggefallen sind, ist das ja ganz unkompliziert.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist das generell mit den Kosten? Segeln gilt ja als eher teures Hobby.

Wagener: Aufs Jahr hochgerechnet sind die Hafengebühren günstiger, als es unsere Wohnung in Hamburg war. Tatsächlich haben sich unsere Lebenshaltungskosten im Vergleich zu früher kaum verändert.

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben gar keinen festen Wohnsitz mehr?

Wagener: Wir sind noch in Deutschland gemeldet, aber unsere Wohnung in Hamburg haben wir mittlerweile aufgegeben. Wir waren ja doch nie da, und schließlich haben wir uns entschieden, konsequent zu sein und die Wohnung aufzulösen. Ein paar Sachen haben wir eingelagert, aber die meisten Möbel und Dinge haben wir gespendet, verschenkt oder verkauft. Ich kann mir im Moment gar nicht mehr vorstellen, wieder in einer Großstadt zu leben. Drei- bis viermal im Jahr sind wir zu Besuch in Deutschland, und verbinden Jobtermine mit Familienbesuchen. Aber dann möchten wir auch wieder zurück.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr nächstes Ziel?

Wagener: Unser Segelboot, unser Zuhause, liegt aktuell in Südfrankreich, aber Weihnachten werden wir in Deutschland mit den Familien feiern, und dann geht es erst mal in den Skiurlaub. Nach der Winterpause wollen wir im Mittelmeer weitersegeln. Und langfristig gesehen ist der Sprung über den Atlantik das nächste Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Kriegen Sie von Ihrer Umgebung überhaupt was mit, wenn Sie die ganze Zeit auf dem Boot arbeiten?

Wagener: Auf jeden Fall! Wir führen dieses Leben ja, um etwas von der Welt zu sehen - und das hat bisher wunderbar geklappt. Wir stehen meistens um sieben Uhr auf, dann springen wir erst mal ins Wasser, trinken Kaffee, und gegen neun Uhr klappen wir die Laptops auf. Die Nachmittage versuchen wir uns möglichst freizuhalten, aber bis 18 Uhr sind wir zumindest telefonisch und per E-Mail immer erreichbar.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
donpedro50 15.12.2017
1.
Alles richtig gemacht, würde ich sagen :)
G.Real 15.12.2017
2. Das ist doch mal ein alternativer
Entwurf für Leben und Arbeiten, etwa für Lehrer, insbesondere aber für die zahllosen Bürger in prekären Arbeitsverhältnissen - wie etwa DHL Kurierfahrer. Interessant auch die Folgen für die Einkommensteuer: mangels Wohnsitz, gewöhnlichem Aufenthalt und Betriebsstätte in Deutschland dürften die Einnahmen frei von Einkommensteuer sein. Endlich ein taugliches Steuersparmodell für wirklich alle, nicht nur Amazon in Irland (Scheißwetter!) oder VW - Bank in Luxemburg (NIX zum Segeln), oder Kokshändler auf Malta. Welch ein Glück muss es sein, die Sorgen um Kinder und Rente anderen überlassen zu können! Das ist wirklich ein Beitrag der der Art, von der die alt gewordene (links-)intellektuelle Elite unter den Spiegellesern schon immer geträumt hat. BITTE: Mehr von solchen Geschichten...
benutzer1000 15.12.2017
3. Winterpause?
Die Winterpause ist vermutlich von Oktober bis Mai. In diesen Monaten dürfte es zu kalt für den Kopfsprung in das Wasser sein.
trader_07 15.12.2017
4.
Zitat von G.RealEntwurf für Leben und Arbeiten, etwa für Lehrer, insbesondere aber für die zahllosen Bürger in prekären Arbeitsverhältnissen - wie etwa DHL Kurierfahrer. Interessant auch die Folgen für die Einkommensteuer: mangels Wohnsitz, gewöhnlichem Aufenthalt und Betriebsstätte in Deutschland dürften die Einnahmen frei von Einkommensteuer sein. Endlich ein taugliches Steuersparmodell für wirklich alle, nicht nur Amazon in Irland (Scheißwetter!) oder VW - Bank in Luxemburg (NIX zum Segeln), oder Kokshändler auf Malta. Welch ein Glück muss es sein, die Sorgen um Kinder und Rente anderen überlassen zu können! Das ist wirklich ein Beitrag der der Art, von der die alt gewordene (links-)intellektuelle Elite unter den Spiegellesern schon immer geträumt hat. BITTE: Mehr von solchen Geschichten...
Tja, manche Leute stellen sich im Leben halt etwas cleverer an als andere. Oder mutiger - ganz wie man es nimmt. Ihre herbeiphantasierten "Folgen für die Einkommensteuer" sind im übrigen hanebüchener Unfug.
fky2000 15.12.2017
5. Nur die Spitze des Eisberges...
Mag alles so stimmen, wie im Artikel berichtet. Aber so ein Leben, wenn auch sicherlich nur für eine gewisse Zeit, ist und bleibt eine Randerscheinung von i.d.R. privilegierten Menschen. Ohne Neid muss man ganz klar festhalten, das solche "Alternativlebensweisen", oder ein "Aussteigertum" zum Einen nur für einen begrenzten Zeitraum wirklich funktionieren und zum Anderen nur möglich ist, weil der Unterbau, also die Masse der arbeitenden Bevölkerung, ein konservatives, "redliches" und "normales" Langweilerleben führt, um die Infrastruktur für solche Leute zu schaffen. Weil, was passiert, wenn man z.B. krank wird, oder wichtige behördliche Dinge zu regeln hat? Und der persönliche Kontakt mit seinen Mitarbeitern und Kunden oder Lieferanten ist dauerhaft nicht durch ausschließlich digitale Kommunikation zu verklären bzw. zu ersetzen. Meiner Meinung und Erfahrung nach steckt zumeist nur persönliche Zerstreuungs- bzw. Vergnügungslust hinter der Motivation so ein Leben zu führen. Plus vielleicht etwas Darstellungsaffinität - ich zumindest würde ein vermeintliches Luxus- oder Aussteigerleben mit ganz leisen Tönen führen, um mich weder Sozialneid, noch kriminellen Subjekten auszusetzen, die davon auch einen Teil abhaben wollen. Wertschöpfend oder gar gesellschaftlich wichtig sind die ausgeübten Jobs solcher Leute auch tendenziell nicht. Von daher...lustig und interessant zu lesen, dass es so etwas gibt, mehr aber auch nicht. Zum Nacheifern eher nicht geeignet. Auf einen Menschen, der etwas derartiges umsetzen kann, kommen wohl hunderte gescheiterte Versuche.
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