Arbeitende Rentner Echte Senior Manager

Sie sind älter als 65 Jahre - und arbeiten, weil es Spaß macht. Immer mehr Rentner gehen einer Erwerbstätigkeit nach. Wie viele Menschen aus einem Jahrgang den Ruhestand scheuen, hat auch etwas mit Bildung zu tun.

Finanzielle Sorgen sind nur für wenige Rentner ein Grund zu arbeiten
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Finanzielle Sorgen sind nur für wenige Rentner ein Grund zu arbeiten

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Klaudia Bachinger weiß, was viele deutsche Rentner auszeichnet. "Erfrischend offen, mit einer positiven Grundeinstellung": So nimmt die 33-jährige Österreicherin ihre Kunden wahr. Bachinger verdient ihr Geld damit, Ruheständler an Unternehmen zu vermitteln - über eine Onlineplattform. Sie hat schon Rentner mit Start-ups zusammengebracht. Oder mit Firmen, die wegen des Fachkräftemangels verzweifelt nach Mitarbeitern suchen.

Mit ihrem Unternehmen profitiert Bachinger, die vor Kurzem von Österreich nach Deutschland expandierte, von einem Trend. Der Slogan ihrer Onlineplattform lautet: "Nicht älter, sondern weiser". Längst hat nicht mehr jeder Ruheständler tatsächlich seine Ruhe. Mehr als jeder zehnte Arbeitnehmer geht heute nach der Pensionierung weiter einer Beschäftigung nach.

Die jährlich erhobenen Daten des Mikrozensus belegen das eindrucksvoll: Mehr als eine Million Menschen über 65 waren demnach im Jahr 2017 in Deutschland erwerbstätig, Tendenz steigend. Noch zehn Jahre zuvor arbeiteten 594.000 der über 65-Jährigen - also gerade einmal die Hälfte.

Warum aber steigt der Anteil derer, die auch nach vollbrachter Lebensarbeit weiterschuften? Liegt es am insgesamt steigenden Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung? Am Hinausschieben des Renteneinstiegsalters für Arbeitnehmer? Oder gibt es noch ganz andere Gründe?

Heribert Engstler forscht darüber am Deutschen Zentrum für Altersfragen. Der Soziologe wirkte am Deutschen Alterssurvey mit - und glaubt, dass die Alten von heute andere sind als noch vor zehn Jahren. "Es gibt einen Wandel im Leitbild, weg vom passiven, wohl verdienten Ruhestand hin zum aktiven Rentner", sagt Engstler. Auch die Quote der Ehrenamtlichen steigt unter Rentnern seit Jahren.

imago/Westend61

Kein kompletter sozialer Rückzug

Der Ruhestand, er bedeutet nicht mehr den kompletten sozialen Rückzug. Stattdessen wollen die Rentner bestehende Kontakte pflegen - und neue schließen. Knapp 60 Prozent der befragten Ruheständler gaben im Deutschen Alterssurvey von 2017 an, dass der Kontakt zu Menschen eine ausschlaggebende Motivation für sie sei, auch im Rentenalter zu arbeiten.

Für die Studie befragten Wissenschaftler Personen ab 40 zur zweiten Lebenshälfte. Die Forscher wollten wissen, wie sie wohnen, wie viel Geld sie haben, was ihre Lebensziele sind und ob sie noch arbeiten. Die Ergebnisse zeigten: Arbeit ist ein Weg, um der Einsamkeit zu entkommen.

Der Grund, den Rentner am häufigsten angaben, wenn sie nach ihrer Erwerbstätigkeit gefragt wurden, ist aber ein anderer: Zwei Drittel der Befragten sagten, sie hätten ganz einfach Lust aufs Arbeiten. "Es gilt als Privileg, im Alter noch arbeiten zu können", sagt Engstler. Wer gesund und gut qualifiziert sei, der werde gebraucht. Und wer gebraucht werde, müsse sich nicht alt fühlen.

Nur wenige arbeiten aus finanzieller Not

Das könnte auch erklären, warum der Anteil der Höhergebildeten unter den arbeitenden Rentnern besonders hoch ist. Wer einen Hochschulabschluss besitzt, geht im Alter fast doppelt so häufig einer Beschäftigung nach wie jemand mit niedrigerem Bildungsabschluss.

Im Durchschnitt arbeiteten Rentner 16 Stunden in der Woche, knapp über die Hälfte hat eine Wochenarbeitszeit von weniger als zehn Stunden. "Da bleibt noch genug Zeit, sich auszuruhen", sagt Engstler.

Arbeiten im Alter
    Manche fiebern dem Ruhestand entgegen - andere fürchten und meiden ihn. Warum arbeiten Menschen weiter, die längst in Rente sein könnten? Dieser Frage widmet der KarriereSPIEGEL in dieser Woche mehrere Artikel.
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Auch die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt hat etwas damit zu tun, dass der Anteil arbeitender Rentner steigt: Die Nachfrage für Fachpersonal ist hoch, Unternehmen suchen teils verzweifelt nach qualifizierten Mitarbeitern.

So wie Carina Dworak, bei der Fitnesskette Mrs. Sporty verantwortlich für das Business Development. Für ihr Unternehmen sei es schwierig, Personal zu finden, sagt die 49-Jährige. Der Job als Trainerin in Sportkursen stelle besonders hohe Anforderungen - und die könnten Rentnerinnen oft besser erfüllen als junge Uni-Absolventen, ist sich Dworak sicher. In den vergangenen Wochen führte sie deshalb verstärkt Gespräche mit älteren Bewerberinnen. Ihr Unternehmen wirbt gezielt um Rentnerinnen.

Ältere Mitarbeiterinnen brächten viel Erfahrung im Umgang mit Menschen mit und träten Herausforderungen gelassener gegenüber, sagt Dworak. Auch Zuverlässigkeit spiele eine große Rolle. "Unsere älteren Angestellten bringen oft eine höhere Einsatzbereitschaft mit." Außerdem hätten die Rentnerinnen einfach Lust auf den Job, und es gehe ihnen weniger ums Geld.

Diesen Eindruck kann auch Soziologe Engstler bestätigen. Knapp über ein Drittel der Befragten gab beim Alterssurvey an, wegen der finanziellen Situation neben der Rente zu arbeiten. Dazu gehörten allerdings auch die, die sich einfach einen schöneren Urlaub leisten wollten. Nur wenige arbeiteten im Alter aus finanzieller Not. Der Großteil finde einfach die Tätigkeit interessant.

Die Zahl der arbeitenden Ruheständler, so Engstler, werde in den nächsten Jahren wohl weiter steigen.

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